Die Kunst des aufblitzenden Geistes
Geschichte der Aiki-Kampfkünste - Teil 1

Aikibujutsu no Rekishi - die Geschichte der Aiki-Kampfkünste (Teil 1)

Die Idee der "harmonisierenden Energie" oder vom "Einklang mit der Natur" (aiki) ist seit dem 12. Jahrhundert namentlich bekannt und wurzelt tief in der japanischen Geschichte. So überrascht es nicht, dass über die Jahrhunderte hinweg zahlreiche Schulen (ryūha) mit unterschiedlichen Ideologien und Philosophien entstanden sind. Nur wenige dieser ryū sind erhalten geblieben und bis in unsere Tage überliefert worden. 

Im folgenden findet sich eine Zusammenfassung über die historische Entwicklung dieser Kampfkunsttraditionen.

In den Aufzeichnungen der Nakamura-ha Takeda-ryū [1] findet sich jener Hinweis über das aiki-Konzept:

Im 27. Jahr der Regierung des 12. Kaisers, namens Keikō kam es zur Rebellion des Stammes der Kumaso. Der Thronfolger Yamato Takeru no Mikoto erhielt daher den Befehl zu einer Strafexpedition. Unterwegs unterzog er sich beim Wasserfall Kamiyo einer Reinigungszeremonie. Dabei stellte er seine Füße in den felsigen Grund des Wasserfalls, öffnete die Arme, füllte sich mit der Kraft des Geistes und sammelte die gesamte Kraft des Körpers in den Spitzen der Finger. Zum Himmel gewandt schlug er mehrere Male nach oben, worauf er die Hände sinken ließ und einige kraftvolle Armstöße ausführte. Nachdem der Prinz diese Handlung vollbracht hatte, fasste er den Entschluss, die Kumaso anzugreifen. Er schlich sich als Frau verkleidet ins feindliche Lager und störte dort den schlafenden Anführer der Kumaso auf. Als dieser ihn angreifen wollte, öffnete der Prinz die Arme, füllte sich mit geistiger Kraft und warf den Kumaso-Anführer nieder, nachdem er ihm zuvor das Schwert entrissen hatte. Diese Technik des Armausbreitens und des Niederwerfens war der Beginn des aiki. [2]

Yamato Takeru no Mikoto

Weiter heißt es, dass "der Prinz ein hartes Studium betrieb" und "sein Können zum Schutz des Palastes an Takeda no Kami no Mikoto weiter gab".

Ungefähr sieben Jahrhunderte später entwickelte der sechste Sohn von Seiwa Tennō (858-876), Prinz Sadazumi eine Serie von Kampftechniken, welche er denen von Yamato Takeru no Mikoto hinzufügte und an seinen Sohn Minamoto no Tsunemoto (917-961) weitergab. Sadazumi betitelte diese Kunst als genji-no-heihō (Kriegskunst der Genji); darin wurde ein größerer Schwerpunkt auf die Strategie als auf den Einzelkampf gelegt, doch sie erhielt auch Techniken der Feldbefestigung, des Schwertkampfes, des Ringens und des Lanzenfechtens. Zu Lebzeiten von Kaiser Seiwa und insbesondere Sadazumi´s, so besagt die Überlieferung, übte man schwertkampfähnliche Schläge und Hiebe mit der bloßen Hand auf Öffnungen und Anschlussstücke verschiedener Rüstungen, um so auf ungedeckte oder nur mangelhaft geschützte Körperteile einwirken zu können.

Er lehrte die Techniken Minamoto no Mitsunaka (912-997), der die Überlieferung an Yorinobu (968-1048) weitergab. Yorinobu seinerseits gab die Techniken an seinen Sohn Yoriyoshi (988-1075) weiter, Herrscher über den Chinjufu-Bezirk von Oshu im Nordosten Japans und Vater von dem legendären Minamoto no Yoshiie (1039-1106) sowie Minamoto no Yoshimitsu [3] (1045-1127).

Yoshimitsu war hoch gebildet, ein hervorragender Bogenschütze und großer Stratege. Er unterrichtete den Gebrauch der Lanze und des Schwertes. Auch überlieferte er die Kunst des Nahkampfes, nachdem er die bis dahin nur einzelnen Techniken seines Vaters gliederte, indem er Abstand von den bisher verwendeten Schlägen nahm und sie durch dynamische Verdrehungen der Gelenke ersetzte. Ferner fügte er weitere Hebeltechniken hinzu - außerdem wurden Techniken gegen alle Arten des Angriffs mit Waffen gelehrt. 

Minamoto no Yoshimitsu

Saburo von Daitō lebte in einer Zeit zweier großer Kriege, dem Zenkunen no eki (1051-1062) und dem Gosannen no eki (1083-1087). So hatte er die Möglichkeit Leichen auf dem Schlachtfeld Gefallener und hingerichteter Verbrecher zu sezieren. Er überprüfte seine Beobachtungen anhand chinesischer Medizinlehrbücher und definierte viele Vitalpunkte des menschlichen Körpers. Daher gewann er neue Erkenntnisse über die Funktionsmechanismen der Muskeln, Gelenke und des menschlichen Skelettes. Da sich die Tätigkeit des aristokratischen Enthusiasten für die Militärkünste in einer Epoche härtester kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen der Taira- und der Minamoto-Familie abspielte, steht außer Frage, dass sich seine Experimente nicht nur auf Tier- und Menschenleichen beschränkten: hatte er doch die Option lebendes "Material" für seine Forschungszwecke zu verwenden. Dieser Wissensvorsprung erlaubte es ihm effektivere Kampftechniken zu entwickeln.

In seinem Namen wurden die aiki-Techniken erstmals systematisch zusammengefasst und gelehrt. Deshalb betrachten ihn viele Historiker als den eigentlichen Ahnherren der mit den aiki-Kampfkünsten verbundenen ryū. Aus alten Niederschriften des Ise-Schreins geht hervor, dass diese Forschungen zur Entwicklung eines Systems führten, welches sich nach dem Erbhof Yoshimitsu´s benannte: Daitō-ryū.



[1] Diese Schule beruft sich auf den während der Meiji-Restauration (1868) entstandenen Genyosha (Schwarzer-Ozean-Bund) der Takeda Tadakatsu-Familie.

[2] Diese Erzählung ist als eine Legende zu betrachten und entspricht somit nicht Dringlicherweise der historischen Realität.

[3] Seine vollständiger Name war Shinra Saburo Minamoto no Yoshimitsu; selbst nannte er sich auch "Saburo von Daitō".

 

Script: David Bender