Die Kunst des aufblitzenden Geistes
Geschichte der Aiki-Kampfkünste - Teil 6

Takeda Sokakus bekanntester Schüler war zweifellos Ueshiba Morihei, der Begründer des modernen Aikido. Kotaro Yoshida stellte die beiden einander vor, als sie sich 1915 in der Herberge Hisada begegneten. An diesem Zeitpunkt finden sich auch die ersten Einträge in Sokakus Eimiroku über Ueshiba. Im Jahre 1916 erhielt Ueshiba ein Hiden Mokuroku, einen Katalog der aus 118 Techniken besteht, von seinem Lehrer. Im selben Jahr wurde Sokakus Sohn Takeda Tokimune in Shirataki, Hokkaido geboren.

Zwischen Sokaku und seinem Schüler kam es ständig zu heftigen Auseinandersetzungen, die im April des Jahres 1922 ihren Höhepunkt erreichten. Sokaku nahm sich vor mit seiner Familie Ueshiba in Ayabe zu besuchen, um ihm das Kyoju Dairi zu überreichen. Morihei hatte sich inzwischen der esoterischen Sekte Omoto-kyo unter Deguchi Onisaburo angeschlossen. Takeda machte keinen Hehl aus seiner Verachtung für Deguchi und für dessen gesamte Sekte. Er blieb sechs Monate und obwohl er die Sektenmitglieder unterrichtete, fühlte sich Deguchi durch die Persönlichkeit des Kampfkunstexperten behindert: „Der Mann stinkt nach Blut und Gewalt", sagte er, und drängte Ueshiba dazu, sich von ihm zu trennen. Im September des selben Jahres reiste Sokaku angewidert nach Hokkaido zurück und seine Beziehung zu Ueshiba hatte schweren Schaden erlitten. Einige Jahre später trennte sich Ueshiba ganz von Sokaku und gründete aufgrund unterschiedlicher politischer und religiöser Auffassungen seine eigene Schule. Nach dem Tod seines Lehrers gab er dem seinem Stil den Namen Aikido.

Yoshida Kotaro (1886-1964) aus Hokkaido war ebenfalls einer von Takedas direkten Schülern.  Sein Training begann auch 1915 und erhielt eine Lehrbefähigung von seinem Meister. Stark engagiert in der japanischen Politik, zog er dem Krieg folgend nach Tokyo wo er Daito-ryu lehrte. In seinen späteren Jahren konnte er aufgrund einer Krankheit diese Kunst nicht mehr ausüben und starb 1964.

Yoshidas Sohn, Yoshida Kenji Sensei kam im zweiten Weltkrieg zum US-Prior. Während des Krieges wurde er in Utah als Kriegsgefangener interniert. Nach seiner Entlassung zog er nach Utica, New York. Während seines Amerika-Aufenthaltes lehrte er die Aiki-jujutsu-Interpretation seiner Familie, die Yanagi Shidare-ryu. Die Yanagi Shidare-Tradition lehrt waffenlose und bewaffnete Techniken. Diese beinhalteten den Gebrach des Yoroidoshi (Dolch), Tachi (Schwert), Yari (Speer), Tessen (Eisenfächer), Jutte (Schwertfänger) und Hojojutsu (Fesselungstechniken).

Auch Matsuda Hokasu lernte von Takeda Sokaku Daito-ryu Aiki-jujutsu. Matsuda seinerseits gab die Geheimnisse der „großen östlichen Tradition“ an Oba Sachiyuki und Okuyama Yoshiji (1902-1987) weiter, der auch zeitweise von Sokaku selbst unterrichtet wurde.

Okuyama veränderte Matsudas Aiki-jujutsu durch sein enormes Wissen über das Shiatsu (Akupressur) und gründete 1941 die Hakko-ryu (Acht-Lichter-Schule). Er unterrichtete auch Nakano Michiyoni, den Gründer des Nihonden Seito Shorinji Kempo. Okuyama verstarb am 25. November 1987 in Omiya. Derzeitiges Oberhaupt der Ryu ist Okuyamas Sohn.

1950 begann Horikawa Kodo (1894-1980), auch ein bekannter Schüler von Takeda, in einer, später unter dem Namen Kodo-kai bekannt gewordenen Gemeinschaft Aiki-jujutsu zu unterrichten. Horikawa legte viel Wert auf die Übung der Aikinage-Techniken (esoterische Wurfmethoden), welche bis heute das System bezeichnen. Früher wie heute wird diese Kunst im Norden von Hokkaido gelehrt.

Nach Horikawas Tod 1980 wurde Inoue Yusuke das Oberhaupt der Daito-ryu Aiki-jujutsu Kodo-kai. Im Jahre 1997 war der Kodo-kai einer der wenigen Stile des Nihon Aiki-jujutsu welche in die USA gekommen sind und eine kleine Reihe von Dojos (Trainingsstätten) errichteten.

Einer von Horikawas Schülern, Okamoto Seigo spaltete sich 1977 vom Kodo-kai ab, als er von Kitami auf Hakkaido, nach Tokyo zog. Er lernte unter Horikawa Sensei von 1963 bis 1978. Seine Techniken haben Horikawas Schwerpunkt auf Aikinage beibehalten und noch stärker betont: Ushidachi (der Verteidiger) beabsichtigt, den Angreifer (Shidachi) mittels minimaler Eigenbewegung zu werfen.

Man kann sagen, dass sich Okamotos Daito-ryu von dem ursprünglichen Aiki-jujutsu-System Takeda Sokakus hinwegentwickelt hat. So, zum Beispiel haben die Kansetsuwaza (Hebeltechniken) und Osaewaza (Immobilisationstechniken) nicht mehr den gleichen Stellenwert wie im ursprünglichen System. Das Aiki-jujutsu von Okamoto Seigo Sensei nennt sich Roppo-kai Daito-ryu Aiki-jujutsu.

Takuma Hisa Sensei (1896-1980) lernte vor dem II Weltkrieg unter Ueshiba und Takeda Sokaku, um sich letztlich auf  Sokakus Daito-ryu zu konzentrieren. Im Jahre 1939 erhielten er und Masao Tonedate, als Einzige von Takeda Sokaku das hochangesehene Daito-ryu Aiki-jujutsu Menkyo Kaiden. Dieses beinhaltete eine Liste aller Techniken der Daito-ryu:

1)       Hiden Mokuroku bestehend aus 118 Techniken,

gegliedert in Ikkajo, Nikajo, Sankajo, Yonkajo und Gokajo

2)       Hiden Aiki Okugi Mokuroku bestehend aus 53 Techniken

3)       Hiden Ogi Mokuroku bestehend aus 36 Techniken

4)       Hiogi no Koto Mokuroku bestehend aus 84 Techniken

5)       Kaishaku Soden bestehend aus 477 Techniken

6)       Menkyo Kaiden bestehend aus 88 Techniken

Es wurde ebenfalls eine Daito-ryu Nito-ryu Hiden-Rolle über Zwei-Schwert-Techniken verliehen.

Im August 1975 wurde der Takumakai in Osaka gegründet. Seid Hisas Tod wird die Kunst, bekannt als Daito-ryu Aiki-jujutsu Takumakai, von Mori Hakaru Sensei geführt. Das Training konzentriert sich auf die Soden, eine 11-bändige Sammlung von Hisas Techniken, basierend auf den Methoden, die er von Sokaku und Ueshiba lernte. Heutzutage wird dieses System hauptsächlich in Osaka gelehrt.

Weitere wichtige Schüler Sokakus waren Choi Young Shul, der Gründer des koreanischen Hapkido und Yamato Kakuyoshi.

 

Takeda Tokimune

Die Original-Makimono (Schriftrollen) der Daito-ryu wurden von Sokaku an seinen Sohn Takeda Tokimune (1916-1993) weitergegeben. Er prägte den Begriff  des Daito-ryu Aikibudo. Dieses System beinhaltet die Künste des Takeda-den Ono-ha Itto-ryu Kenjutsu und des Daito-ryu Aiki-jujutsu. 1953 eröffnete er in Abashiri sein erstes Dojo, den Daitokan.

Als Tokimune im Mai 1991, kurz vor seinem Tode im Krankenhaus lag, erklärte sich sein jüngerer Bruder Takeda Munemitsu zum Soke (Erbe) der Daito-ryu. Munemitsu verschickte Briefe an Tokimunes Shibu (Tochter-Schulen) um deren Leiter über seinen Stellungswechsel zu informieren. Die Takeda-Familie und die Alt-Schüler  veröffentlichten daraufhin einen Brief, der Munemitsu Erklärung widerief. Munemitsu selber, starb 1999. Im Dezember 1991 versammelten sich dann die Alt-Schüler von Takeda Tokimune. Unter ihnen waren: Shigemitsu Kato, Gunpachi Arisawa und Matsuo Sano. Viele der Shibucho-Leiter nahmen an diesem Treffen teil. Hier wurde unter anderem auch das Graduierungs-System erneuert, und zum ersten Mal in der Geschichte des Aiki-jujutsu Kyu- und Dan-Gerade eingeführt. Diese Gruppe blieb in Abashiri und nennt sich heute selber Daito-ryu Honbu (Haupt-Schule).

Während dieser Zeit agierte Tokimunes zweite Tochter, Nobuko Yokoyama als seine offizielle Stellvertreterin. Nichtsdestotrotz war die Frage, wer die Nachfolge von Tokimune antritt immer noch ungeklärt. Yokoyama zog sich nach dem Tode ihres Vaters (02.Dezember 1993) komplett von den organisatorischen Dingen der Daito-ryu zurück.

Daraufhin erklärte sich im Jahre 1994 der Ehemann von Tokimunes ältester Tochter zum Soke. Masanobu Oshima - er änderte kurz danach seinen Namen auf Takeda - sandte auch Info-Briefe an die Leiter der Shibu mit der Bitte, dass sie ihn in Tokimunes Organisation aufnehmen. Mosanobu Takeda stand in keiner Beziehung zur Daito-Tradition außer, dass er mit Takeda Tokimunes ältester Tochter verheiratet war.

Es gab noch einen weiteren Mann, der den Titel Daito-ryu Soke anwartete. Munemitsu Takeda von Aizu - er sollte nicht mit Tokimunes jüngerem Bruder des selben Namens verwechselt werden - ist der Ur-Ur-Großenkel von Takeda Sokaku, von einem Sohn aus erster Ehe. Munemitsu benutzte den Titel, als er außerhalb Japans unterrichtete und Lehrzertifikate (inklusive dem Kyoju Dairi) vergab.

 

Kondo Katsuyuki

 

Takeda Tokimune hatte jedoch einen Schüler, namens Kondo Katsuyuki. Er bekam 1974 ein Kyoju Dairi von ihm. Im Jahre 1988 erhielt er als einziger das Menkyo Kaiden der Daito-ryu und wart im selben Jahr von Tokimune zum Soke-Dairi ernannt worden. Dieses Zertifikat bestätigt die Erbschaft des Daito-ryu Aikibudo außerhalb der Blutverwandtschaft. Zur gleichen Zeit, bittet Tokimune Kondo in einem Brief, dass er die Verantwortung für das Daito-ryu-Training seiner beiden Enkel übernimmt, damit einer von ihnen eines Tages die Daito-ryu als blutverwandter Erbe führen kann. Leider zeigte keiner von beiden Interesse an der Übung, so dass Kondos Bemühungen umsonst waren.

Aufgrund der Verwirrung bezüglich der Erbschaft der Daito-ryu trafen sich 1994 die Sensei der Daito-ryu Honbu in Abashiri und Kondo wurde dazu eingeladen. Kondo Katsuyuki wurde zum Oberhaupt von Tokimunes Schülerschaft ernannt und fungiert bis heute als solches. Zur Zeit unterhält er das Shimbukan-Dojo in Tokyo.

Wie man sieht, gibt es viele verschiedene Interpretationen von Takeda Sokakus Aiki-jujutsu. So variieren auch die Namen der Techniken von Schule zu Schule. In älteren Schriften tauchen Begriffe auf, die heute nicht mehr benutzt werden. So zum Beispiel: Kamon o Hiraku (Öffnen des kleinen Portals) oder Shimon o Mamoru (Verteidigung der vier Pforten) - die Prinzipien haben sich deshalb aber nicht geändert.

Unbeachtet dessen, von welchem Zweig die verschiedenen Schulen des Aikibudo, des Aiki-bugei, des Aikido oder des Aikijutsu abstammen, sind alle Teil der großen Tradition des AIZU-Clans.

Script: David Bender