Der Aufstieg der Samurai
Japanische Geschichte - Teil 4"Die herrschende Klasse sollte aus
Kriegern bestehen, die alle miteinander durch
persönliches Band verbunden sind - ein Band, so
persönlich, daß der eine auf die Treue und
Aufrichtigkeit des anderen schwören kann, selbst bis zum
Tod." (Asakawa Kanichi)
Rückblick:
Teil 3: Die Macht des Kaisers
Der Tennou wurde durch die "Großen Reformen"
gestärkt. Er gewann Ansehen und Macht. Doch in nur
kurzer Zeit wurde der Kaiser in den Schatten der
Höflinge gedrängt.
Chronologie
ab 800 Einschränkung der kaiserlichen Macht durch die
Fujiwara
Regenten (Sesso) und Gouverneure (Kampaku) führen die
Regierung
833-967 Periode der Intrigen
Machtkämpfe unter den Höflingen um Einfluß am
Kaiserhof
Kishin
Mit Taika-Reform und Taihou-Kodex wurde in Japan die
Wehrpflicht eingeführt. Der Dienst beim Militär wurde
zum festen Bestandteil der Steuerpflicht. Doch vor allem
für die Bauern war dieses System eine schwere Bürde.
Der Dienst als Soldat und der Umgang mit Waffen war für
sie ungewohnt. Zudem waren sie der Willkür ihrer
Kommandanten schutzlos ausgeliefert. Die Zwangslage der
Rekruten wurde vielfach ausgenutzt, um z.B. Dienstzeiten
willkürlich festzulegen. Ein Sprichwort aus jener Zeit
sagt, daß "ein junger Mann, der zur Armee muß,
sein Dorf erst mit weißem Haar wiedersehen wird".
Außerdem hing über jedem Schlachtfeld der Schatten des
Todes. Viele Landeigner wollten ihre Steuern und vor
allem die Wehrpflicht umgehen. Einige gaben dazu beim
Steuereintreiber Namen von Frauen oder alten Männern an,
um nicht zur Armee zu müssen. Andere verließen ihre
Felder ganz und zogen in entferntere Gebiete. Diese Leute
nannte man "Rounin", wörtlich:
"Wellen-Leute", da sie nicht mehr offiziell
erfaßbar waren und "in den Wellen der Gesellschaft
trieben". Später sollte auch andere Personengruppen
unter diesem Begriff bekannt werden. Ein anderer Weg, die
Steuern zu umgehen, bestand darin, das Land jemandem zu
überlassen, der wenig oder keine Steuern zahlen mußte,
zum Beispiel einem Kloster oder Adligen und es dann von
diesem zurückzupachteten. Statt der Steuer an den Kaiser
war dann nur noch ein jährlicher Tribut an den neuen
Eigner zu zahlen. Diese Methode nannte man Kishin
(Schenkung). Kishin wurde zwar schon in der Nara-Zeit
unter Strafe gestellt, jedoch zeigte diese Maßnahme zu
keiner Zeit einen Erfolg. Die Auswirkungen für den
Kaiserhof waren mehr als dramatisch. Steuereinnahmen und
Wehrpflichtsystem wurden zunehmend geschwächt. Doch das
System der Wehrpflicht war ohnehin schwer zu verwalten
und bei weitem nicht so effektiv wie erhofft: Die
Pflichtsoldaten erwiesen sich als lausige Kämpfer! Der
Krieg gegen die Emishi seit 780 verdeutlichte, daß die
wenigen berittenen Eliteoffiziere die stärkste
militärische Macht darstellten. 792 wurde die
Wehrpflicht abgeschafft und die Armee auf der Basis von
Freiwilligen umgestellt.
Epoche der Intrigen
In Kyoto bestand kein Mangel an Freiwilligen für die
Garde des Kaiser, aber vor allem in den östlichen und
nördlichen Provinzen waren die Emishi immer noch ein
Sicherheitsproblem. Der Sieg von Sakanoue no Tamuramaro
im Jahre 801 konnte die Situation nur teilweise
entschärfen. Die Emishi führten noch einige
Jahrhunderte eine Art Guerilla-Krieg. Daneben gab es aber
auch Rebellionen und Banditen zu bekämpfen. Der Hofadel
verlor sich derweil in dem geruhsamen Leben am Kaiserhof
und war immer weniger gewillt, Feinde zu bekämpfen oder
Provinzen zu verwalten. Man war viel mehr mit Ränken und
Intrigen um Posten und Ämter am Hof beschäftigt. Der
Kaiser war zwar offiziell das Staatsoberhaupt, doch
wirkliche Macht hatte er nicht mehr. Der Fujiwara-Clan
hatte praktisch die Kontrolle über den gesamten
Staatsapparat übernommen. An allen wichtigen Positionen
hatte man Mitglieder der Familie Fujiwara untergebracht,
auch im Bett des Kaisers. Das Gerangel um die Posten am
Hof und die Intrigen müssen dabei so ablenkend gewesen
sein, daß man die Veränderung im Lande wohl gar nicht
wahrgenommen hat. Während des 9. Jh. wurde es für den
Kaiserhof immer schwieriger, die Provinzverwaltung zu
organisieren. Die Gouverneure (Kakushi) waren dabei das
Hauptproblem. Kakushi wurden aus der Hofaristokratie
bestimmt und erhielten umfassende Machtbefugnisse für
die Provinzen. Neben der Verwaltung und der
Steuereintreibung kam ihnen auch Polizei- und
Justizfunktion zu. Doch schon in der Nara-Zeit tendierten
die Provinzverwalter mehr zur Selbstbereicherung als zur
Erfüllung ihrer Pflichten. Der Hof versuchte, die
Gouverneure zu kontrollieren, indem man von ihnen
"Ablöse-Papiere" (Geyu) forderte. Diese
Dokumente sollten die Gouverneure von ihren Nachfolgern
erhalten, wenn in ihrer Provinz alles in Ordnung war,
doch oft gab es Streit wegen dieser Papiere. Darum
überwachten ab 797 Ablöse-Kontrolleure (Kageyushi) die
korrekte Übergabe von Amt und Dokumenten. Jedoch
erlaubte der Hof selbst die Korruption und den Mißbrauch
des Gouverneuramtes. Zum einen wurde erlaubt, daß
Kakushi nicht selbst in die Provinz gehen mußten,
sondern Vertreter (Mokudai) schicken konnten. Andere
Gouverneure erlaubten dem Vize-Gouverneur (Suke), oft ein
Mann aus der Provinzaristokratie, die
Verwaltungsgeschäfte zu führen. Das Amt des Kakushi
konnte aber auch "erworben" werden, indem die
richtigen Stellen am Hof bezahlt wurden. Der prinzipielle
Anreiz am Posten des Gouverneurs waren die Einkünfte.
Doch zusätzlich zum offiziellen Einkommen konnten aber
auch illegale Möglichkeiten zur Bereicherung fast ohne
Risiko genutzt werden, z. B. eigenmächtige Erhöhung der
Steuer oder Erpressung von Land. Diese neue Klasse der
oberen Provinzverwaltung, die sich in dieser Weise
auszeichnete, wurde Zuryou genannt. In den
zeitgenössischen Aufzeichnungen werden diese Beamten als
habgierige Ausbeuter beschrieben. Ein Sprichwort, daß
den Landhunger der Zuryou beschreibt, sagt: "Ein
hingefallener Zuryou hat beim Aufstehen Dreck in den
Händen". Beschwerden über die Zuryou gab es
ständig. Auch der Hof bemängelte, daß die
Provinzverwalter oft versäumten, die Steuern abzuliefern
oder nur teilweise entrichteten. Die Provinzbevölkerung
beklagte nicht selten, daß sie zu ungewollten Darlehen
(Suiko) gezwungen wurden, zu unverschämten Konditionen;
50% oder mehr. Die gesellschaftliche Schicht direkt unter
den Zuryou waren die lokalen Adelsfamilien. Aus diesen
Familien stammten die berittenen Krieger, die seit
Anbeginn der Zeit die zentrale Macht der Armee
darstellten. Um ihr Land vor den Zuryou zu schützen,
wurde es religiösen Institutionen oder hohen Hofadligen
übereigneten. Die Zuryou bewirkten somit, daß bis zum
späten 11. Jh. praktisch jeder Quadratmeter Land in
Japan zu Großgrundbesitz wurde. Doch dies geschah nicht
immer ruhig sondern vor dem Hintergrund von steigender
Unordnung in den Provinzen. Bauern und Adel legten
gleichermaßen Beschwerden beim Hof wegen der Zuryou ein,
und man nahm auch gemeinsam die Waffen in die Hand. So
gab es 857 einen Aufstand von 300 Bauern auf Tsushima,
angeführt vom ansässigen Adel, bei dem der Gouverneur
(der Zuryou), 10 seiner Anhänger und 6 Gardeoffiziere
getötet wurden. 884 wurde der Gouverneur der
Iwami-Provinz vom mehr als 200 Bauern angegriffen. Die
Kantou-Region war besonders betroffen von dem Verfall der
Provinzverwaltung. Die Unordnung förderte besonders in
den Provinzen Kouzuke, Musashi und Sagami Räuberbanden
(Tou), die oft von mächtigen Männern der Region
geführt wurden, manchmal sogar von Zuryou. Diese Banden
waren in Netzwerken organisiert, die große Gebiete
umfaßten und spezialisierten sich schnell auf die
Steuergüter, die nach Kyoto transportiert wurden. Die
Kantou-Region wurde weiterhin regelmäßig von
Aufständen umgesiedelter Emishi (Fushuu) erschüttert.
875 erhoben sich die Fushuu in der Shimousa-Provinz, 883
hatten 1000 Soldaten große Schwierigkeiten, eine
Fushuu-Rebellion in der Kazusa-Provinz unter Kontrolle zu
bringen. Der Hof versuchte, das Problem mit den Emishi
durch ein zusätzliches Amt in der nördlichen
Provinzverwaltung zu lösen, das "Amt für die
Wohlfahrt der Emishi" (Kebiishichou).
Samurai
Trotz aller Sicherheitsprobleme entließ der Hof immer
mehr Truppen in den Provinzen. Die Gründe waren mehr
verwaltungstechnischer Natur, doch man kann den
Höflingen in Kyoto auch ein gewisses Desinteresse
bescheinigen. Die Sicherheit in den äußeren Provinzen
ging mehr und mehr zu den großen Landeignern über.
Diese Familien sind zumeist durch Kishin reich geworden
und viele von ihnen waren Aristokraten, die den von den
Fujiwara dominierten Kaiserhof verlassen hatten, um ihr
Glück anderswo zu suchen. Mit dem Kishin hatten sich
besondere Beziehungen unter Menschen entwikkelt. Die
Bauern arbeiteten für die neuen Herren und diese
beschützte ihrerseits die Bauern. An wichtigen Stellen
wurden die Verbindungen auch durch Heiraten verstärkt.
Die Loyalität der einzelnen Partner war stark und eine
persönlich Angelegenheit. Über die Jahre entwickelte
sich aus dieser Partnerschaft eine starke
Herr/Diener-Beziehung (Shujuu). Wohin der Herr auch geht,
der Diener wird ihm folgen. (Das Wort "Shujuu"
bedeutet dabei eigentlich
"Vorgesetzter/Untergebener" und ist nicht nur
auf diese Verwendung begrenzt.)
Die Anhänger eines solchen Herren nannten sich selbst
Samurai (von dem alten japanischen Wort
"samurau" - "dienen"). Das
eigentliche Wort Samurai hat also keinerlei militärische
Bedeutung, doch der Sinn dieses Wortes sollte sich noch
mehrmals in der japanischen Geschichte ändern. Zunächst
waren die Samurai größtenteils Bauern, doch wenn es
nötig war, konnten sie ihre Interessen auch mit Waffen
verteidigen. Bei den geschwächten Polizei- und
Militärkräften der Provinzverwaltungen war dies auch
des öfteren nötig. Es ist jedoch nicht ganz korrekt,
den Aufstieg der Samurai nur als eine demokratische
Bewegung von tapferen Bauern zu betrachten, die sich
hinter einen Anführer stellen, um ihre Interessen zu
verteidigen. Die mächtigen Landeigner, um die sich die
neue Militärmacht scharte, waren fast ausnahmslos adlig,
wenn nicht gar von kaiserlicher Abstammung. Diese
interessante Tatsache liegt darin begründet, daß man
diesen Adligen nicht zu Unrecht militärische
Fähigkeiten und Führungsqualitäten zuschrieb. Diese
Tatsache hatte besonders in jenen unsicheren Zeiten
große Bedeutung.
Das Ergebnis des Kishin waren neue soziale Verbände,
viel größer als die antiken Clans. Viele verschiedene
Familien wurden in diesen neuen Clans vereint. Die
Anführer kamen aus der eigentlichen Kern-Familie, die
Samurai waren ihre Vasallen. Die antiken Clan-Familien,
die durch die Taika-Reform ihren Besitz verloren hatten,
erschienen jetzt als Samurai-Clans.
Besonders die Kantou-Region bot ideale Vorraussetzungen
für diese Entwicklung; 600 km von der Hauptstadt und den
Hofaristokraten entfernt, viel fruchtbares Land und ab
und zu Angriffe der Emishi, um die aufstrebenden Krieger
wach zu halten.
In Kyoto muß man derweil völlig in Intrigen vertieft
gewesen sein, um nicht die Gefahren zu erkennen, die der
Aufstieg der Samurai brachte. Im Endeffekt überließ die
Regierung die vollständige Polizei- und Militärgewalt
in den Provinzen einer Handvoll enteigneter Aristokraten.
Die Saat der Drachenzähne war aufgegangen und trieb
reichlich Knospen.
Konfuzianismus
Der Konfuzianismus ist ebenso alt wie der Buddhismus und
hat seinen Ursprung in China. Der Begründer war K'ung
Fuzi, d. h. "Meister Kung" (551 - 479 v.u.Z.).
Dieser Name wurde später zu "Konfuzius"
latinisiert. Eigene schriftliche Zeugnisse sind nicht
erhalten, alle Aufzeichnungen über ihn stammen von
seinen Schülern.
Seine Lehre ist eine politische Philosophie, die auf
moralischen Grundsätzen eine harmonische Gesellschaft
anstrebt. Die Kultivierung der eigenen Person nach
ethischen Maßstäben und die Verhältnisse in einer
Familie stehen dabei im Mittelpunkt. Die fünf wichtigen
Beziehungen sind: Meister und Schüler, Vater und Sohn,
älterer Bruder und jüngerer Bruder, Ehemann und
Ehefrau, Freund und Freund. Der Mensch ist grundsätzlich
gut, wenn er zu sich selbst und zu innerer Harmonie
findet. Durch sein Vorbild und Vertrauen könne ein
Herrscher seine Untertanen lenken. Das Volk selbst ist in
den Lehren nicht wichtig, es ist "wie Gras, das sich
zur Erde neigt, wenn der Wind darüber weht". Doch
die Lehren des Konfuzius wurden zunächst als Bedrohung
für die bestehende Ordnung angesehen, Schriften
verbrannt und Gelehrte getötet. Erst im 2. Jh. v.u.Z.
gewannen diese Ideen Bedeutung. Im neugegründeten
chinesischen Zentralstaat wurde das Unterordnungsprinzip
ausgebaut und mit dem Yin-Yang-Prinzip ein kosmische
Weltbild eingeführt. So wurde der Konfuzianismus bis
1911 zur Staatsreligion in China.
Im 5. Jh. ist der Konfuzianismus zusammen mit dem
Buddhismus nach Japan gekommen. Die wohl wichtigste
Person bei der Integration der beiden Lehren in die
japanische Gesellschaft war Shoutoku Taishi. Seine 17
Regierungsartikel sind zu großen Teilen aus chinesischen
Klassikern abgeschrieben. Auch die Chroniken Japans
enthalten lange Zitatpassagen aus konfuzianischen Werken.
Man nahm jedoch keine Trennung zwischen Buddhismus und
Konfuzianismus vor, so daß buddhistische Anschauung und
konfuzianische Ideen miteinander verschmolzen. Die
überwiegende Mehrheit der Japaner, die sich heute als
Buddhisten bezeichnen, sind eigentlich Konfuzianer und
schrecken z.B. davor zurück, der Welt zu entsagen. Die
politische Zielsetzung des Konfuzius ist heute überholt,
aber die humanistischen Aspekte seiner Philosophie sind
weiterhin aktuell. Diese Ideen sind aus dem modernen
Japan nicht mehr wegzudenken. Das gesellschaftliche
Zusammenleben beruht praktisch auf diesen Lehren. Die
ethischen Regeln bilden dabei nicht nur die Grundlage der
japanischen Gesellschaft, sondern sorgen auch für
Zusammenhalt untereinander. Außenstehende, die sich
diesen Regeln (aus Unwissenheit oder Ignoranz) nicht
unterordnen, werden von der Gemeinschaft nie akzeptiert.
Und dies gilt besonders für Gaijin.
Script:
Stephan Henker
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