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| Ein
Königreich für ein Pferd... Pferde und Reitkunst im alten Japan Schon
seit prähistorischen Zeiten gehört das Pferd zu den domestizierten
Tierarten, deren Hilfe sich der Mensch zu eigen machte. Allerdings ist
es sehr schwer einen genauen Zeitpunkt für die Einführung von
Pferden in Japan zu geben. An frühen Funden von Reit-Equipment und
Haniwa-Plastiken kann man jedoch abschätzen, daß bereits vor 500
n.Chr. das Pferd in Japan zu militärischen Zwecken genutzt wurde.
Selbst Rüstungsteile für Tiere, wie Helme und gepanzerte Decken sind
nachweisbar. Wahrscheinlich sind die ersten Kontakte über Korea
gekommen. Das Nihon Shoki, eine literarische Sammlung der frühjapanischen
Analen, berichtet von einem Kriegszug gegen Korea unter Jingu Kogo
(200 n. Chr.). Ob die Japaner das Pferd von dort mitbrachten oder die
eigenen Bestände hier auffrischten bleibt Spekulation. Jedenfalls
verbreitete sich das Pferd innerhalb des ersten Jahrtausends schnell
in Japan und half in den kommenden Jahren die Adligen als
gesellschaftliche Gruppe zu etablieren, aus denen Jahrhunderte später
die Samurai hervorgehen sollten. Das Pferd machten den Adligen quasi
erst zu dem was er ist – einem Ritter, ein Wort was sich von
„Reiter“ ableitet und mehr aussagt als die einfache Beschreibung
einer Tätigkeit. Das Pferd im KriegWelche Vorteile bietet das Pferd im Krieg und welche Nachteile? Die Vorteile liegen auf der Hand – als Transporttier war das Pferd gegenüber einem Fußgänger recht bequem, abgesehen von der Reisegeschwindigkeit und den erreichbaren Transportlasten. Auf dem Schlachtfeld spielte das Pferd vor allem wegen seiner Geschwindigkeit und seiner Funktion als „Kampfplattform“ eine Rolle. So schnell wie ein Reiter kann keine Infanterieeinheit auf dem Schlachtfeld eingesetzt werden. Egal ob es gilt gegnerische Reihen aufzubrechen oder fliehende Feinde zu verfolgen. Vom Pferd aus hat man eine bessere Sicht über das Geschehen, der Bogenschütze kann sein Ziel bequemer wählen und der Speerkämpfer nutzt den Vorteil der Höhe um von oben herab auf seine Gegner herab zu stechen. Mit Reitern kann man feindliche Formationen blitzschnell umgehen, die schwachen Flanken oder den Rücken angreifen und sich bei Neugruppierungen des Gegners sofort wieder in sicher Distanz zurückziehen. Des weiteren hat das Pferd an sich eine nicht zu unterschätzende psychologische Wirkung als militärisches Mittel. Man mag sich nur die Macht einer galoppierenden, gepanzerten Kavallerieeiheit vorstellen, die alles niederreitet was ihr unter die Hufe kommt. Dieser Anblick muß für Fußsoldaten der blanke Horror gewesen sein, denn nicht umsonst wurde die Kavallerie als die Elite im mittelalterlichen Heereswesen angesehen. Aber natürlich bringt das Pferd im Militärwesen auch Nachteile mit sich. Erstens ist die Haltung eines solchen Tieres eine finanziell aufwendige Sache – Futter, Pflege, Platz und Unterkunft müssen gestellt werden. Pferde sind teils recht schreckhaft, insbesondere wenn es um Schlachtlärm wie Explosionen oder Musketensalven geht. Deshalb ist auch nicht jedes Tier für das Schlachtfeld geeignet. Langes Training und Übungskämpfe sollen die Tiere auf diese Aufgaben vorbereiten. Und zu guter Letzt sind Pferde physisch weit empfindlicher, als im allgemeinen angenommen wird. Bekommt es nicht in regelmäßigen Abständen Ruhepausen und Zeit zu weiden, hat das Heer große Verluste an den Tieren zu beklagen, noch ehe es zu Feindkontakten gekommen ist. In allen Epochen der Weltgeschichte verloren die Armeen den größten Teil ihrer Reittiere durch Überanstrengung, Krankheit oder schlechtes Futter (ca. 70%) und nur einige wenige im Kampf (ca. 2%) [nach J. Keegan]. Sicher lassen sich diese Zahlen nicht 100%ig auf Japan übernehmen, doch geben sie einen guten Einblick auf das Verhältnis von Einsatz und Verlust an Reittieren bei militärischen Konflikten im Mittelalter. Die Ausrüstung Die
Historiker sind sich heute einig, daß erst die Entwicklung der
Steigbügel
dem Pferd zur eigentlichen militärischen Macht verhalf. Ab dem 4.
oder 5. Jhdt. sind sie in China nachgewiesen worden und man kann
annehmen, daß sie um diese Zeit (oder geringfügig später) auch in
Japan Verbreitung fanden. Mit ihrer Hilfe konnte der Reiter die Bewegungen des Pferdes besser ausgleichen,
ohne Zügel sein Ross lenken, bei hoher Geschwindigkeit zielgenau
schießen, oder beim Fechten oder Speerkampf mit festem Halt im Sattel
sitzen. Die Besonderheit japanischer Steigbügel (Abumi) liegt in
ihrer Form. Der Name ist hier wohl unzutreffend, handelt es sich doch
eher um Schuhe als um „Bügel“, nach europäischen Muster.
Abgesehen ihres Designs hat diese Form jedoch keine spezielle
Bedeutung. Rüstungen für Pferde waren, wie bereits oben erwähnt, in Japan auch bekannt, wenn auch nicht all zu sehr verbreitet. Dazu gehörten einzelne Pferdehelme aus Metall, welche die Oberseite des Kopfes schützen sollten, sowie vor allem gepanzerte Pferdedecken, die Rumpf und Oberschenkel der Tiere absicherten. Diese Decken waren üblicherweise Geflechte aus feinen Kettengliedern oder wattierte Steppdecken, die vor allem die Aufgabe hatten verirrte Pfeile abzufangen.
Reiter mit Bogen und SpeerAb
der Kamakura-Zeit (1185-1333) gehörte Reiten, genau wie Fechten uns
Schießen, zum täglichen militärischen Drill der Samuraiklasse, die
sich mit deren Ausschließlichkeit einen elitären Stand in der
japanischen Gesellschaft sicherten. Bogenschießen
zu Pferde, war unter dem Namen Kyubajutsu oder Kisha, die primäre Art
der Kampfes für die Bushi (Yabusame war eher als rituelles Schießen
zu shintoistischen Feiertagen gedacht, anstatt einer realen
Kriegskunst). Im vollen Galopp den Pfeil auf den Feind schießen,
dabei schnell nachladen und dem Gegner wenn möglich ein recht
schlechtes Ziel bieten, dies sind die Regeln des Kampfes vom Pferderücken
auf einen Punkt gebracht. Dafür ist das Vertrauen auf das eigene
Pferd und das Beherrschen der Reitkunst (Bajutsu) natürliche
Voraussetzung. Pferde wurden in Japan nur für Kriegszwecke eingesetzt
und niemals als Arbeitstiere, etwa in der Landwirtschaft oder als
Zugtiere. Lediglich Tiere die sich nicht für den Kriegsdienst
eigneten wurden für den Transport von Lebensmitteln, Waffen oder Ausrüstung
zurückgestellt. Gegenüber den Bushi führten die Reiterkrieger des asiatischen Festlandes eine ganz andere Kampftaktik. Ihre Methode lag im Scharmützel-Kampf, quasi nach dem Motto "hit and run". Hier gab es keine individuellen Zweikämpfe, keine Ehrbezeugungen vor den Duellen, kein persönlichen Beziehungen zum Gegner. Angegriffen wurde in der Masse - schnell am Feind sein, seine Pfeile abschießen und dann wieder schnell zurückziehen und den Gegner so auf Zeit zermürben und schwächen, das waren kontinentale Reiterattacken. Und auch diese Taktik beeinflußte langsam die japanische Kriegstechnik. Ab
Mitte des 15. Jhdt. wechselten die berittenen Samurai immer mehr vom
Bogen zum Speer als individuelle Waffe. Bis jetzt war der Yari (Lanze)
vornehmlich eine Waffe der Ashigaru und anderer Fußtruppen zum Öffnen
feindlicher Kampflinien und zum Abfangen gegnerischer Reiter. Doch die
neue Kampftaktik in Japan ließ keinen Platz mehr für individuelle
Einzelgefechte. Wie bei den vorangegangenen Mongoleneinfällen sahen
sich die berittenen Krieger einem Dutzend anstürmenden Fußsoldaten
mit Langwaffen wie Haken und Lanzen entgegen, die versuchten, ihn vom
Pferd zu reißen und am Boden zu töten. Gegen einen solchen Feind war
der Bogen eher eine unzureichende Waffe. Man konnte vielleicht die
ersten 2 oder 3 Gegner niederschießen, aber dann sah man sich immer
noch einer Gruppe von Infanteristen gegenüber, gegen die es sich zu
schützen galt. Für diesen Zweck suchten die Samurai nach einer
Waffe, die man vom Pferd aus führen konnte und effektiv genug war
gegen mehrere Feinde eingesetzt zu werden. Das Tachi (Schwert) erwies
sich als zu kurz und im Gegensatz zur Naginata (Säbellanze) konnte
man mit dem Yari nicht nur schneiden sondern auch stechen. Mit über 3
m Länge konnte der Yari jede Distanz vom Sattel aus bis zum Boden überbrücken.
So wurde der Speer die bevorzugte Waffe der adligen Krieger und der
Bogen verschwand größtenteils aus den Händen der Reiter. Kyuba no
michi – der „Weg von Bogen und Pferd“, wie man die Philosophie
und die Lebensaufgabe der Samurai im frühen Mittelalter nannte
wandelte sich zum „Weg von Speer und Pferd“.
Die
Schlacht von Nagashino (1575) forderte erneut ein Umdenken in den Köpfen der
Bushi. Der Konflikt zwischen Oda Nobunaga und Takeda Shingen endete mit einem
totalen Versagen der Takeda-Kavallerie, die nur wenige Meter vor den Reihen von
Odas Schützen ausgelöscht wurde. Odas Geheimnis – Feuerwaffen! Bis zu diesem
Zeitpunkt galten die Veteranen von Takedas Reitertruppen als die besten und stärksten
Kampfeinheiten Japans, die sich in unzähligen Gefechten und Schlachten bewiesen
hatten. Doch die neuartigen Luntenschloßgewehre, die Oda in Nagashino erstmals
in größerer Stückzahl einsetzte, zerstörten diesen Mythos im Kugelhagel.
Moderne Forschungen schwächen zwar die Bedeutung der Schußwaffen in der
Schlacht von Nagashino ab, die zu einem großen Teil wegen des regnerischen
Wetters am Kampftag versagt haben dürften, aber der moralische Aspekt des
totalen Sieges der Ashigaru über die berittenen Adligen war tiefgreifend. Ab
dieser Zeit waren selbst die Eliteeinheiten der Samurai nicht mehr
„unbesiegbar“. Als Resultat aus diesen Erfahrungen suchten die Krieger nicht
mehr die Hervorhebung des Einzelnen in der Schlacht. Auffallen konnte tödlich
sein – und dazu noch durch eine so „unehrenhafte“ Waffe wie eine Muskete.
So ließ dann ein General Tokugawas bei der Belagerung von Osaka (1615) seine
Kavallerie vor der Schlacht absteigen und zu Fuß kämpfen, damit sie sich nicht
großartig von der Masse des gemeinen Fußvolkes abhob. Das Pferd in den HeerenEine Aufstellung der Armee Takeda Shingens in der Schlacht von Mikata-ga-hara (1572) und seine Manschaftsstärke vermittelt ein Bild von der Beschaffenheit eines japanischen Heeres in der späten Muromachi-Zeit und dem Anteil an berittenen Männern gegenüber der Infanterie (einschließlich Bedienstete und persönlichem Stab von Generälen und Fürsten). Takedas Heer umfaßte 33.736 Ashigaru und Gefolgsleute gegenüber 9.121 berittenen Samurai. Die
Anzahl der Reiter eines Fürstengeschlechtes im Krieg resultierte letztendlich
aus dem Reichtum des betreffenden Han (Erblandes) eines Clans. Das bedeutet, daß,
mit geringen Abweichungen, nur Samurai mit einem gewissen Mindesteinkommen ein
Recht auf den Besitz eines Pferdes hatten. Erst ab 300 Koku Reis Jahresrente
durfte (und konnte) sich ein Krieger ein Reittier als Zeichen seines Standes
zulegen, was ihn im Kriegsfall vom Fußvolk zur Reiterei beförderte. Diese
Einstufungen waren streng reglementiert. Der folgende Auszug stammt aus den
Tokugawa-Edikten von 1649 für Hatamoto (Bannerleute): Ein Samurai von 200 Koku
führte einen Stab von 5 Männern in die Schlacht, die er seinem Fürsten als
Lehnsdienst stellte: 1 Reiter (er selbst), 1 unberittenen Wakato
(2-Schwerter-Samurai unter 200 Koku Einkommen), sowie 1 Katchu- und 1 Yari mochi
(Rüstungs- und Lanzenträger) nebst je 1 Pferdeknecht und Sandalenträger.
Ba jutsu - die Reitkunst der SamuraiUm eine Waffe vom Pferderücken aus zu führen, ob Yumi (Bogen) oder Yari (Lanze) setzte deren Beherrschung am Boden voraus. Nur ein wirklich gut ausgebildeter Samurai konnte die Meisterung der Kampfkünste vom Pferd aus erreichte, weshalb dieses schon von Kindheit an trainiert wurde. Die Krieger mußten nicht nur die Techniken vom Pferd aus beherrschen, sondern auch zu Fuß fit genug sein, die Standardwaffen Speer, Schwert und Bogen zu benutzen. Im Gegensatz dazu waren die Ashigaru (Infanterie) aus niederen Samuraiständen meist nur schlecht und an einigen wenigen Waffen ausgebildet. Die
meisten der klassischen, japanischen Ryu, die sich mit Reitkunst beschäftigten
basierten deshalb auf Bogenschulen, welche Yabusame (Bogenschießen zu Pferde)
im Repertoire führten. Bereits seit der Yamato-Zeit führten die Samurai den
Bogen vom Pferd aus und so ist es nicht verwunderlich, daß die Yabusame-Schulen
zu den ältesten Kampfsystemen Japans gehören. Die Ogasawara ryu, von Ogasawara
Jiro Nagakiyo (1162 - 1242), gegründet in der Kamakura Zeit (1185-1333) und die Takeda
ryu (Heian 794-1185) gehören noch heute zu den führenden Systemen ihrer Art
und alle modernen Yabusame-Stile sind quasi Abkömmlinge dieser Ryu. Nach der
Geschichte der Ryu soll auch die Ogasawara Schule unter dem 9. Großmeister der
Takeda ryu abgesplittet worden sein. Ogasawara war Gefolgsmann der Genji (Minamoto)
und diente Shogun Minamoto Yoritomo (1148-1199). Von Yoritomo bekam er den
Auftrag, ein für die Minamoto zugeschnittes System zu schaffen, daß vor allem
die wichtigsten der damaligen Kampfkünste wie Reiten und Bogenschießen umfaßte.
1187 gründete er seine Schule, nachdem er die bis dahin bekannten Systeme
weiterentwickelt und verfeinert hatte. Die neuen Techniken des Ogasawara ryu
Yabusame waren die Ergebnisse aller seiner Bemühungen. Mit 31 Generationen sind
die Nachfahren des Gründers Ogasawara Nagakiyo heute Stammhalter einer der ältesten,
fortlaufenden Kriegsschulen Japans. Der
Begriff Reitkunst oder Pferdetechnik (Ba jutsu) umfaßte jedoch mehr als die
herkömmliche Beherrschung von Bewegungen des Pferdes und Springen, sondern auch
der Umgang mit dem Tier im Schlachtfeld, wie Formationen und dessen Reaktion auf
Feindkontakt. Des weiteren gab es Techniken, die die Überwindung von Gewässern
oder Reiten im Verband mit wechselnden Manövern bei Nebel oder Nacht
trainierten. Dies ermöglichte den Samurai als Kampfverband effektiv und
machtvoll zu agieren, unabhängig von Gelände oder Tageszeit (Nachtangriffe
waren beliebte Kampftaktiken). Weitere Schwerpunkte der Reitkunst waren
natürlich das fachgerechte Aufzäumen und Satteln des Tieres sowie dessen
Pflege. Script: Ulf Lehmann |
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