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auf Distanz Pfeil und Bogen Mit
der Keule und dem Speer zusammen gehört der Bogen zu den ältesten
Jagd- und Kriegsgeräten der Menschheit überhaupt. Er war die erste
weitreichende Waffen, welche in ihrer Entwicklung bis in die Neuzeit
kaum Veränderungen erfahren hat und welche sich als eigene Gattung
innerhalb des Militärs am längsten von allen etablierte. Von
der allgemeinen Technik des Schießens hat sich vom Mittelalter bis
zur heutigen Zeit nicht viel geändert. Vorbereitung und Pfeil
einlegen (Yugamae), führen des Bogens über dem Kopf (Uchiokoshi),
ausziehen (Nobiai) und auslösen des Schusses (Hanare). Wie in jeder
anderen Kriegskunst variierten die einzelnen Bewegungen und Rituale
auch im Kyu jutsu innerhalb der verschiedenen Schulen und Systeme.
Durch die parallele Stellung zur Schußlinie und nicht dahinter, wie
bei Feuerwaffen, erforderte erfolgreiches Schießen ein sehr langes
Training. Dafür befand sich auf fast jeder Burg oder befestigten
Anwesen ein spezieller Schießplatz Die
Kunst des Bogenschießens (Kyu jutsu) war in Japan das wirklich erste
festgelegten Kampfsysteme, wie wir sie heute vom Fechten oder Ringen
kennen. Bereits der legendäre Prinz Shotoku Taishi (574 - 622) gründete
eine der ersten festgelegten Bogenschulen der Welt überhaupt, die
nach ihm benannte Taishi ryu. Bis
ins späte Mittelalter blieben Pfeil und Bogen die Hauptfernwaffen der
Samurai, waren sie doch schneller zu laden und treffsicherer als die
ersten in Japan bekannten Feuerwaffen. Anfangs übertrafen sie diese
auch an Schußweite. Ihr Nachteil lag lediglich in der
Durchschlagkraft auf kurze bis mittlere Distanz. Demnach
sollte ein Gefolgsmann des frühen Kaisers Nintoku tenno (313 - 399 ),
dem Befehl seines Herren folgend, einen koreanischen eisernen Schild
auf seine Wehrhaftigkeit gegenüber japanischen Waffen testen. Nach
einigem Überlegen nahm der Krieger seinen Langbogen und stellte den
Schild auf den Platz einer alten Zielscheibe am Rande eines Schußfeldes.
Zum Erstaunen aller anwesenden Höflinge gelang es ihm den Eisenschild
mit einem einzigen Schuß zu durchschlagen. Auf diese Tat hin erhielt
er den Kriegsnamen Ikuba (Ziel) und galt fortan als ein gefürchteter
Bogenschütze. Eine andere Erzählung erwähnt den Überfall auf eine Burg während der Kamakura-Zeit, bei der ebenfalls die hohe Durchschlagkraft eines japanischen Kriegsbogens beschrieben wird. Einer
der Insassen der Festung, Ogasawara Maguroku, eilte nur mit einem
Bogen bewaffnet in einen der Wachtürme, öffnete eine der Schießscharten
und schoß seinen Pfeil auf den Nächsten der anstürmenden Feinde mit
den Worten: „Hier werdet ihr eine Kostprobe meiner Kriegskunst zu spüren
bekommen! Wo ist euer General – ich möchte ihm einen meiner Pfeile
schenken!“ Sein Geschoß schlug in den Helm des anvisierten Reiters
ein und warf ihn vom Pferd. Der Pfeil war glatt durch eisernen Helm
und Schädel gegangen und war erst am Nackenschutz wieder
herausgekommen. Wahrheit
oder Legende - jedenfalls hatte die eigentümliche Form japanischer Bögen
keinen negativen Einfluß auf deren Durchschlagskraft oder Schußweite.
Eine weitere Geschichte, welche vor allem die beiden besagten Aspekte
veranschaulicht geht bis ins frühe 14. Jhdt, in die
Nanbokucho-Periode, zurück. Ein
General des damals sehr bedeutenden Heerführers Nitta Yoshisada (1301
- 1338), mit Namen Shigeuji, leitete zu dieser Zeit die Belagerung
einer Befestigungsanlage der Krieger Ashikaga Takauji's (1305 - 1358)
während der Schlacht von Hyogo. Der General, welcher schon seit längerer
Zeit vergeblich versuchte die Burg zu nehmen, wurde von den sich in
Sicherheit wiegenden Burgtruppen verhöhnt. Sie glaubten sich in genügender
Entfernung vor Nitta's Bogenschützen und forderten sie lachend zum
Kampf heraus. Doch statt einer Erwiderung legte der General nur einen
Pfeil auf seinen Bogen und schoß einen der Prahler über eine
Entfernung von 360 m aus dem Turmfried. Die weiteste Entfernung, die
je mit einem japanischen Bogen erzielt wurde soll bei ca. 450 Metern
liegen. Noch
heute gibt es im Kyu jutsu eine historische Tradition, bei der sich
ein Schütze 24 Stunden lang einem ununterbrochenen Schußtest
unterziehen muß. Er soll versuchen ein Ziel über eine Distanz von
ca. 120 m zu treffen. Das Handicap dieses Tests besteht darin, daß
er, abgesehen von der enormen Entfernung auf der Veranda eines alten
Tempelgebäudes in Kyoto durchgeführt wird. Dieses betreffende Haus,
die legendären Sanjusangendo Halle, ist schon seit dem Mittelalter
Austragungsort dieses berühmten Bogenturniers. Dachkonstruktion und
Seitenwände der Veranda behindern zudem noch die Schußbahn, was das
Ausführen der Techniken erheblich erschwert. Im Jahre 1686 stellte
der Krieger Wada Daihachi den beurkundeten Rekord von 8133 Treffern
bei 13.053 Schüssen auf, was einem Durchschnitt von 9 Pfeilen pro
Minute entsprechen würde. Einen anderen Rekord in Treffsicherheit stellte ein Krieger namens Naso no Yoichi während der Gempei kriege im 12. Jhdt auf. Er war Gefolgsmann des Minamoto Clans und kämpfte für ihn gegen die Truppen der Taira. Ebenso wie der General Shigeuji stellte er sich einer Herausforderung des Gegners, welcher sich auf Booten vor der Küste während der Schlacht von Dan no ura zusammengezogen hatte. Eine Hofdame des Taira Clans hatte zuvor ihren Fächer als Glücksbringer an einem der Schiffsmasten befestigen lassen. Naso no Yoichi trieb nun sein Pferd in die See und vollbrachte den Geniestreich, den schaukelnden Glücksbringer des Feindes vom Mast zu schießen. Mit dieser Tat dürfte er den Kampfgeist des Feindes um erhebliches geschmälert und den eigenen Truppen ein günstiges Omen auf den Ausgang der Schlacht geliefert haben. Im
Gedenken an diese Geschichte gibt es noch im heutigen Kyu do (Weg des
Bogens) ein Schießspiel namens Ogi no mato (Fächerziel), wobei man
anstatt der üblichen Strohscheibe einen Fächer zum Ziel bestimmt. Von
ihrem Hauptcharakter unterschied man beim Bogenschießen in zwei
verschiedene Formen, das Bushakei / Uchi muki (Schießen zu Fuß) und
das Kishakei / To muki (Schießen zu Pferde). Versionen
des Bushakei (Schießen zu Fuß) war in historischer Zeit eher ein
Bestandteil der Ashigaru (Fußvolk) als der adligen Ritterschaft. Der
Bogen, vordem hauptsächlich eine Waffe der Bushi, fand ab der
Muromachi-Epoche auch verstärkt Einsatz bei im Verband kämpfenden
Soldaten des unteren Standes. Mehrere Formen des organisierten Schießens
wurden geübt und die Bogenschützen konnten so massiv und erfolgreich
gegen feindliche Kampfverbände eingesetzt werden. In dieser Art des
Schießen unterschied man verschiedene Varianten der Anwendung in der
Schlacht nach den Bewegungsformen der einzelnen Truppenverbände oder
der Bestimmung des Einsatzes. Eine dieser Methoden war das Verschießen
von Sperrfeuer welches von den Kriegern vor allem zu Beginn der
feindlichen Auseinandersetzungen eingesetzt wurde. Diese Kazu ya
(Vielzahl von Pfeilen) genannte Schießform übte man meist von
sicherer Position hinter Schilden (Tate) oder Brustwehren aus. Außer
ihren Fernwaffen gehörten üblicherweise nur noch die Schwerter zur
Ausrüstung dieser Art von Fußsoldaten. Es soll jedoch auch üblich
gewesen sein, den Bogen in der Art einer Lanze beim Aufeinandertreffen
mit dem Feind einzusetzen. Inwiefern dies aber den allgemeinen
Gepflogenheiten entsprach ist fraglich, ist es doch abzusehen wie sehr
ein guter Bogen unter der Verwendung als Stoßwaffe leiden würde.
Script: Torsten Münch |