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Bushi
no Saigo - Das Ende eines Kriegers Es ist unwichtig, wieviel Ruhm der Träger von Bogen und Pfeil erworben hat. Wenn er sich an seinem Ende ärmlich verhält, wird es seine Ehre auf ewig beflecken. [...]“ Worte von Imai no Kanehira an Minamoto no Yoshinaka, Heike Monogatari, 1184.
Yoshinaka
in Kyoto Der
Einzug von Yoshinaka in Kyoto war triumphal. Er hatte die Taira
in kurzer Folge vernichtend geschlagen, die Hauptstadt erobert und
stand auf dem Zenit seiner Macht. Ex-Kaiser Goshirakawa verlieh
ihm gar den Titel „Asahi Shougun“ (General des
Sonnenaufgangs), eine einzigartige Ehre für einen Krieger aus der
Provinz. Doch die guten Beziehungen zwischen dem Hof und dem Krieger
aus den Bergen waren nur von kurzer Dauer. In den historischen
Berichten ist überliefert, daß Zentraljapan zu jener Zeit von Dürre
und Seuchen heimgesucht worden war und sich nur langsam wieder erholte.
Die Ankunft von Yoshinaka und seiner Armee von mehreren Tausend
Kriegern stellte eine untragbare Belastung für die
Nahrungsmittelversorgung der Region dar und er war somit keineswegs
herzlich willkommen. Dennoch begründet Heike Monogatari die
rasche Abkühlung der Beziehungen zwischen dem Hof und Yoshinaka
mit dem unmöglichen Benehmen und der ordinären Sprache des Kriegers
aus den Bergen. In Kyoto wurde aus dem brillanten Militärführer ein
Hans-Wurst und Tyrann, der in der noblen Gesellschaft des Heian-Hofes
wiederholt durch unpassendes Benehmen negativ auffiel. So verspottete
er einen Höfling und nannte ihn „Neko“ (Katze), da dieses
Wort im Namen dessen Wohnorts auftauchte, schlang sein Essen ohne
Manieren hinunter und fiel sogar unstandesgemäß vom Wagen, mit dem
er zu einer Audienz bei Hofe unterwegs war. In einem Anfall von
Arroganz soll Yoshinaka gar mit dem Gedanken gespielt haben,
sich selbst zum Kaiser oder Ex-Kaiser zu machen. Ignorant bemerkt er
weiterhin, daß er sich als Kaiser wie ein kleiner Junge kleiden müsse
(obwohl nur minderjährige Kaiser so gekleidet waren), während er als
Ex-Kaiser ein buddhistischer Mönch hätte werden müssen (obwohl die
Tonsur, also das buddhistische Gelübte, für den abgedankten Kaiser
optional war). Vielleicht
sind diese Beschreibungen nur als Satire angedacht, eine Karikatur auf
all jene Krieger, die zu jener Zeit in die Hauptstadt kamen und dort
das höfische Benehmen nachäfften. Oder der grobe und vulgäre Yoshinaka
soll als Kontrast für den späteren Verlauf der Geschichte dienen, um
die Rolle der Taira als hochadlige und noble Flüchtlinge, die
von den rauhen und grobschlächtigen Kriegern der Provinzen gejagt
wurden, stärker zu betonen. Zumindest sind die literarischen
Beschreibungen zu einseitig, um den wahren historischen Hintergrund
wiedergeben zu können. Die Charakterisierung von Yoshinaka in
Kyoto ist in der selben Weise negativ, wie die von Kiyomori
oder den anderen Rebellen aus China und Japan, die zu Beginn der Heike
aufgelistet werden. Der
Herr von Kamakura Die
Vorherrschaft von Yoshinaka in Kyoto dauerte jedoch kein halbes
Jahr. Den Intrigen von Hof und Ex-Kaiser Goshirakawa schutzlos
ausgesetzt und erfolglos im Kampf gegen die Taira außerhalb
der Hauptstadt, bahnte sich im Osten eine viel größere Gefahr an, Yoritomo.
Der kometenhafte Aufstieg von Yoshinaka hatten Verdacht und
Missfallen bei seinem Cousin erregt. Dies allein auf die Vorfälle in
Kyoto zurückzuführen, wäre zu simpel. Vielmehr dürften die unabhängige
Haltung von Yoshinaka und sein Widerwille, sich einer höheren
Autorität (nämlich Yoritomo) unterzuordnen der Grund für Yoritomo's
Zorn gewesen sein. Der Herr von Kamakura, wie sich Yoritomo
seit Errichtung des Samurai-Dokoro 1180 nannte, war keineswegs
gewillt, einen ebenbürtigen Rivalen, noch dazu vom selben Blut
abstammend, zu dulden. Yoshinaka geriet somit von allen Seiten
immer stärker unter Druck. Letztlich sollte im ersten Monat des
Jahres 1184 die Entscheidung fallen: Yoritomo hatte eine große
Armee aus dem Kantou den Befehl entsandt, seinen Cousin zu „züchtigen“,
eine zu jener Zeit gebräuchliches Hüllwort, das beschönigend die
Vernichtung von Yoshinaka zum Inhalt hatte. Doch
Yoshinaka schien sich in Passivität zu verlieren. Er bereitete
sich weder auf den Kampf vor, noch suchte er nach einer diplomatischen
Lösung (die wahrscheinlich diesmal sowieso nicht hätte gefunden
werden können). Selbst als die Armee kurz vor Kyoto stand, unternahm Yoshinaka
nicht viel. Er selbst blieb in der Hauptstadt zurück, schickte jedoch
zwei seiner besten Kommandanten, um bei Seta am Fluß Uji
die Verteidigungslinie aufzubauen. Schon vier Jahre zuvor hatte der
alte Minamoto no Yorimasa im Kampf gegen die Taira den
Fluß als natürliche Barriere benutzt, nur diesmal sollten die Ufer
von Verteidigern und Angreifern vertauscht sein. Man folgte auch dem
Beispiel von Yorimasa, entfernte die Brückenbeplankung und
versenkte als zusätzliche Maßnahme bewehrte Staken an Trossen im Flußbett.
Es dürfte sowieso kühner Seelen bedurft haben, um den Fluß zu jener
Jahreszeit durchqueren zu wollen, denn abschmelzender Schnee sorgte für
Hochwasser, von der Temperatur des Wasser ganz zu schweigen. Doch
trotz aller Anstrengungen konnte nicht verhindert werden, daß die östliche
Armee den Fluß überquerte, die Streitkräfte von Yoshinaka in
kurzem Gefecht vernichtete und ihren Marsch auf Kyoto fortsetzte. Tragischer
Held Zuerst
als siegreicher Kommandant, dann als rüpelhafter Besatzer Kyotos und
Eindringling in den Hofstaat, wird Yoshinaka im Moment vor
seinem nahenden Untergangs eine dritte Persönlichkeit zugeschrieben:
die eines tragischen Helden. Er wird zögerlich, unsicher, immer abhängiger
von seinem treuesten Anhänger und Gefährten Imai no Kanehira
und findet letztlich sein Ende allein (von Kanehira abgesehen)
beim Angriff einer erdrückenden Übermacht. Mehr noch als Kiyomori
und all die anderen aus dem Haus der Ise-Taira erfüllt Yoshinaka
die Eingangszeilen der Heike Monogatari: „...diejenigen,
die gedeihen, werden verblühen und die Mächtigen werden letztlich
vergehen...“. Selbst
als die große östliche Armee gen Kyoto marschiert, vermochte Yoshinaka
nicht, zu reagieren. Und diese Unbestimmtheit ist maßgeblicher
Wesenszug seiner weiteren Handelungen, abgesehen von vereinzelten
Akten der Tapferkeit. Anstatt seine Truppen zur Verteidigung
aufzustellen, verlor sich Yoshinaka in einem Abschiedsbesuch
bei einer Geliebten. Einer seiner Anhänger überbrachte schließlich
die Nachricht, daß die Truppen des Gegners vor der Stadt standen.
Doch als er bemerkte, daß Yoshinaka noch immer bei seiner
Geliebten weilt, beging er Selbstmord, um seinen Herrn wieder zu
Vernunft zu bringen. Und tatsächlich konnte man für einen winzigen
Augenblick den siegreichen Kommandanten und kühn agierenden Strategen
Yoshinaka wiederentdecken, doch zu der Zeit waren bereits
Zehntausende feindliche Reiter in die Stadt eingefallen. Yoshinaka's
Bemühungen, sie aufzuhalten, waren zum Scheitern verurteilt und seine
Truppen wurden innerhalb kürzester Zeit fast vollständig ausgelöscht.
Heike Monogatari berichtet: „Im Jahr zuvor, als Yoshinaka
die Provinz Shinano verließ, kommandierte er fünfzigtausend Reiter.
Heute, als er durch Shinomiya (in Kyoto) zog, zählten er und seine Männer
nur noch sieben.“. Eine
Vielzahl von Kommentatoren hat hervorgehoben, daß sich die Art der
Beschreibung von Yoshinaka in dem Kapitel entscheidend ändert,
daß mit „Kiso no Saigo“ (das Ende von Kiso) überschrieben
ist. Waren die Worte über ihn bisher abweisend, ja verächtlich, so
zeigen sie in diesem Kapitel Respekt und seine Worte und Taten sind in
grammatikalische Formen gekleidet, die eher von Höflingen als von
Kriegern verwendet wurden. Diese Wandlung zeigt die generelle Tendenz
der Autoren dieser Art von Geschichten, ihre Sympathie und ihren
Respekt dem tragischen Helden zu widmen, oft auch ungeachtet seiner
Fehler und begangen Unrechts. Tomoe
Gozen Unter
den letzten Anhängern von Yoshinaka war auch eine Kriegerin
namens Tomoe Gozen. Ihr wird unglaubliche Schönheit
zugeschrieben: weiße Haut, langes Haar und ein bezauberndes Gesicht.
Diese Schilderungen ihrer Person, auch wenn sie sehr kurz ausfallen,
sind dennoch untypisch für die Kriegsgeschichten. Diese verraten in
der Regel höchst selten etwas über die persönliche Erscheinung von
Kriegern, abgesehen von Rüstung und Waffen. Auch aus diesem Grund ist
Tomoe eine äußerst rätselhafte, wenn auch höchst
faszinierende Figur. Viele Gelehrte haben seither versucht, Tomoe
als eine reale historische Figur zu identifizieren, doch sie waren
bisher nicht in der Lage, den Verdacht auszuräumen, daß Tomoe
nur eine Erfindung der Heike-Autoren ist. Selbst die
verschiedenen Versionen der Heike sind sich nicht darüber
einig, in welcher Beziehung Tomoe zu Yoshinaka stand.
Der Kakuichi-Text beschreibt sie als „Binjo“ (Untergebene,
Dienerin), die von Yoshinaka aus Shinano mitgebracht
wurde. Doch im weiteren Text wird sie als „Ippou no Taishou“
(führender Kommandant) bezeichnet, eine Wandlung, die sich ganz und
gar nicht mit den zeitgenössischen Gepflogenheiten solch heikler
Themen wie „Befehlsvergabe“ deckt. Die Enkei-Bon Version
des Textes hingegen stellt Tomoe nicht als „Binjo“
sondern als „Bijo“ vor, also „schöne Frau“.
Diese Charakterisierung hat über Jahrhunderte Spekulationen genährt,
Tomoe sei eine Geliebte oder gar Frau von Yoshinaka
gewesen. Konkret belegbar ist dies jedoch durch keine einzige Zeile.
Trotz aller Differenzen in den Texten wird Tomoe als eine gefürchtete
Kämpferin beschrieben. Sie war berühmt für ihre Tapferkeit und
konnte es „mit Tausenden“, ja sogar mit „Dämonen oder
Göttern“ aufnehmen. Tomoe ritt ungebändigte Pferde (Amauma-Nori)
und konnte sie über rauhes Gelände führen (Akusho-Otoshi).
Diese Fähigkeiten werden in den Kriegsgeschichten oft hervorgehoben
und deuten auf eine hervorragende Kunstfertigkeit im Umgang mit
Pferden. Doch
trotz ihrer offensichtlich hervorragenden Qualitäten als Krieger, die
Tomoe eigentlich zum Kampf mit den östlichen Horden bestimmt hätten,
entband Yoshinaka sie in seinem finalen Gefecht von ihren
Pflichten und schickte sie mit dem Auftrag zurück, die Geschichte von
seiner letzten Schlacht in seine Heimatprovinz zu tragen. (In einer
anderen Version befahl ihr Yoshinaka, das Schlachtfeld zu
verlassen, da er meint: „Es wäre eine Schande, wenn man sagen würde,
daß Kiso Yoshinaka in seinem letzten Kampf von einer Frau begleitet
wurde.“) Gezwungen, Yoshinaka zu gehorchen, obwohl sie
sich sträubte, ihn zu verlassen, suchte sie sich einen letzten „würdigen
Gegner“, bevor sie dem Wunsch ihres Herrn folgen wollte. Ihre
Wahl fiel auf Onda no Moroshige, der in seiner Heimatprovinz Musashi
für seine Stärke bekannt war. Tomoe stürmte vor, stellte Moroshige
im Einzelkampf und triumphierte über ihn. Sie heftete ihren Gegner an
den Knauf ihres Sattels, „drehte seinen Kopf ab“ (ein etwas
unappetitlicher Euphemismus für „enthaupten“, der oft in
den Kriegsgeschichten auftaucht) und warf ihn weg. Danach entledigte
sie sich ihrer Rüstung und ritt in Richtung ihrer Heimatprovinz. Auch
über ihr weiteres Leben gibt es verschiedene Versionen. Das Gempai
Seisui Ki berichtet, daß Tomoe später von Yoritomo
nach Kamakura beordert wird. Dort heiratete sie Wada no
Yoshimori, einen hohen Würdenträger des Samurai-Dokoro
und hatte einen Sohn mit ihm. Nachdem dieser 1213 getötet wurde, als
die Houjou die Familie der Wada vernichteten, ging Tomoe
in ein Kloster und wurde Nonne. Sie starb im Alter von 91. Andere
Fassungen berichten, daß Tomoe bereits mit 28 Jahren in ein
Kloster eintrat und dort für das Seelenheil von Yoshinaka
betete. Es
gibt Meinungen, die in Tomoe, wenn gleich sie als Person
wahrscheinlich nur Fiktion ist, eine Repräsentation all jener Krieger
sehen, die auf der Verliererseite kämpfend trotzdem überlebten und
danach davon berichteten, wie große Anführer ihr Ende fanden. Man könnte
sich also vorstellen, daß Tomoe, oder eine Person wie sie, die
an der Schlacht mit der Kantou-Armee teilnahm, ein solcher Erzähler
von Kriegsgeschichten (Katarite) wurde und so das Basismaterial
für das Kapitel vom Ende Yoshinaka’s lieferte. Bushi
no Saigo In
den Kriegsgeschichten wird im Allgemeinen dem Tod der Kriegern sehr
viel Aufmerksamkeit geschenkt. Allein sieben Kapitel der Heike
Monogatari haben das „Saigo“ („Ende“ oder „Tod“)
eines Kriegers zum Titel und auch das Taiheiki, die „Chronik
des großen Friedens“ (ein im höchsten Maße unpassender Titel,
da wohl keine Seite des Werkes ohne Blutvergießen zu finden ist) aus
dem 14. Jh. ist überaus reichlich mit Kapiteln ausgestattet, deren
Titel den Tod von Kriegern, durch Selbstmord oder anderweitig, zum
Thema haben. Ohne Zweifel bestand ein Grund dieser Fixierung auf den
Tod darin, daß Leser und Zuhörer von der dramatischen
Anziehungskraft fasziniert wurden, wie die Krieger in den Geschichten
ihr Ende fanden. In
späteren Jahrhunderten, ab etwa dem Sengoku Jidai, der Periode
der Provinzialkriege (1478-1573) verloren die Kriegsgeschichten ihren
Reiz als literarisches Genre, doch die Fixierung auf den Tod fand im Bushidou,
dem Weg des Kriegers, einen neuen Platz. Es mag ein Anachronismus sein,
doch der Tod bildete den wohl wichtigsten Moment im Leben eines Samurai.
Der Krieger mußte bereit sein, einen tapferen, ja „schönen“ Tod
zu sterben. Katou Kiyomasa, der im späten 16. Jh. unter Toyotomi
Hideyoshi und später für Tokugawa Ieyasu in der Schlacht
von Sekigahara kämpfte, schrieb: „Diejenigen, die in ein
Kriegerhaus hineingeboren werden, müssen sich dem Weg des Schwertes
verschreiben und sich darauf vorbereiten, den Tod zu treffen. Wenn
jemand dem Weg des Kriegers nicht ständig folgt, so wird es schwierig
für ihn sein, einen tapferen Tod (Isagiyoki) zu finden.“ Und im
Hagakure, das im frühen 18. Jh. zusammengestellt wurde, steht:
„Der Weg des Kriegers ist der Tod.“. Die
Kriegsgeschichten enthalten noch keinen exakten Verhaltenskodex für
den Todesfall, doch sie geben eine lange Reihe von Beispielen für
einen tapferen und sogar schönen Tod. Diese sollten als Vorbild für
die Krieger späterer Jahrhunderte dienen. Und von all diesen Szenen
ist keine klarer und dramatischer und zeigt das idealisierte
Verhaltensmuster eines Kriegers besser als der Tod von Minamoto
(Kiso) no Yoshinaka. Der
letzte Kampf Aus
Kyoto geflohen, die Anhängerschaft auf eine handvoll Krieger
reduziert, sind Yoshinaka's Gedanken allein bei Imai no
Kanehira. Die beiden waren weit mehr als Herr und Vasall. Sie
waren zusammen aufgewachsen und „Busenbrüder“, da sie von der
selben Amme aufgezogen wurden. Und sie hatten sich geschworen, daß
sie, wenn die Zeit gekommen sei, „am selben Ort zusammen sterben“
wollten. Yoshinaka
hatte Kanehira zuvor zur Verteidigung der Brücke von Seta
ausgesendet und so stürmte er nun in Richtung Seta, um nach Kanehira
zu suchen, während Kanehira zur selben Zeit nach Kyoto ritt,
um Yoshinaka zu suchen. Die beiden trafen sich in der Nähe von
Ootsu wieder und konnten sogar noch 300 Krieger sammeln, die
bei den Kämpfen am Uji verstreut worden waren. Doch trotz der
zahlenmäßigen Überlegenheit des Gegners, wählte Yoshinaka
den Kampf und griff mit seiner kleinen Streitmacht
ein Kontingent des Feindes an. Deren Kommandant war Ichijou
no Jirou und Yoshinaka erachtet ihn als würdigen Gegner.
Diese Einschätzung traf Yoshinaka jedoch einzig auf der
Grundlage, daß Ichijou no Jirou 6’000 Krieger anführte und
nicht auf Grund von Kenntnissen über den Status dessen Familie. Dies
ist in der Beziehung ungewöhnlich, da dem Familienstatus zu jener
Zeit eine sehr große Bedeutung beigemessen wurde. In dem Kampf, der
daraufhin entbrannte, war Yoshinaka jedoch hoffnungslos
unterlegen und seine Truppen reduzierten sich von dreihundert auf fünfzig,
dann auf fünf (an diesem Punkt erging der Befehl an Tomoe, das
Schlachtfeld zu verlassen) und letztlich sind nur noch zwei übrig, Yoshinaka
und Kanehira. Als
sich Yoshinaka in erschweifenden Worten beklagte, daß seine Rüstung
schwerer als sonst sein (ein Thema, daß schon in Hougen Monogatari
auftaucht), erkannte Kanehira darin ein Zeichen von Schwäche.
Er versuchte Yoshinaka aufzubauen, indem er meinte, daß er, Kanehira,
der es „mit Tausenden aufnehmen könne“, den Gegner
aufhalten würde, während Yoshinaka tun sollte, was getan
werden muß (nämlich, Seppuku zu begehen). Als Yoshinaka
nicht aufhörte von einem gemeinsamen Tod am selben Ort zu sprechen,
sprang Kanehira von seinem Pferd und flehte seinen Herrn an:
„Es ist unwichtig, wieviel Ruhm der Träger von Bogen und Pfeil
erworben hat, wenn er sich an seinem Ende ärmlich verhält, wird es
seine Ehre auf ewig beflecken. Ihr seit erschöpft und Euch folgt
keine große Armee. Wenn wir vom Gegner getrennt werden und Ihr einem
unbedeutenden Vasallen entgegentretet und er Euch tötet, werden die
Leute sagen ’Kiso Yoshinaka, berühmt in ganz Japan, wurde vom
Vasallen von So-und-So getötet.’ Wie wäre dies bedauerlich. Darum
geht dort in den Pinienwald [und nehmt Euch das Leben].“ Hier
wird der hohe Stellenwert eines angemessenen Todes für den Krieger
des japanischen Mittelalters besonders deutlich. Am wichtigsten ist,
darauf weißt Kanehira ausdrücklich hin, zu verhindern, von
jemand „unbedeutendem“ getötet zu werden. Das besondere
Augenmerk für Rang und Status unter den Kriegern ist ein wichtiges
Merkmal der Kriegergesellschaft im Japan der Antike und des frühen
Mittelalters. Doch nur wenig später sollten Rang und Status ihre
Bedeutung verlieren. Die aristokratischen Verwaltung hatte auf diesem
Prinzip gefußt und seit der frühesten Zeit waren die Krieger
bestrebt gewesen, Teil diese Systems zu werden. Indem die Krieger
jedoch ihre eigene Sphäre schafften, wur Das
Ende von Yoshinaka „Ein
einzelner Reiter galoppierte auf den Pinienwald von Awazu zu. Es dämmerte
schon am einundzwanzigsten Tag des ersten Monats (1184) und der
Boden war von dünnem Eis überzogen. Yoshinaka bemerkte nicht, daß
er geradewegs auf schlammgefüllte Reisfelder zuritt und als er sein
Pferd dahinlenkte, versank das Tier im Schlamm, so daß nichtmal
dessen Kopf mehr zu sehen war. So sehr Yoshinaka an den Zügeln zog
und die Peitsche schwang, das Pferd steckte fest. Trotz daß er selbst
in diesem Dilemma steckte, wollte Yoshinaka wissen, wie es Kanehira
ergangen war und schaute zurück. Just in diesem Moment hatte Ishida
no Jirou Tamehisa seinen Bogen zur Gänze gespannt und schickte seinen
Pfeil krachend in Yoshinaka's Helm. Tödlich getroffen fiel Yoshinaka
vorn über. Zwei von Ishida's Vasallen nahmen seinen Kopf.“ Die
Beschreibung von Yoshinaka's Ende gehört zu den berühmtesten
Passagen der Heike und wurde mit höchster Ästhetik versehen,
um den Geschmack des mittelalterlichen Publikums zu treffen: der
einsame Reiter im Wald; Schatten und Nebelschwaden folgen ihm; Eis
bedeckt den Boden (und verstärkt die Trostlosigkeit); ein Blick zurück
zum treuen Gefährten und der plötzliche Einschlag eines Pfeiles, der
die Existenz des großen Kommandanten in einem winzigen Augenblick
auslöscht. Um
Yoshinaka die Chance zu geben, den Wald von Awazu zu
erreichen, hatte Kanehira allein gegen fünfzig Gegner
ausgehalten, ein Beispiel für den Kampf „Einer gegen Viele“
in den Kriegsgeschichten. Kanehira kämpfte „wie ein
Berserker, schoß Pfeile wie wild und, nachdem diese aufgebraucht
waren, schwang er sein Schwert wie ein Besessener“. Als er hörte,
wie Ishida rief, er habe Yoshinaka getötet, antwortete
er mit seinem eigenen Nanori und ergänzte: „Für wen soll
ich nun noch kämpfen. Seht her, ihr Krieger des Ostens, wie der mächtigste
Krieger Japans sich selbst tötet.“. Sprach’s, setzte die
Spitze seines Schwertes in den Mund, sprang vom Pferd und starb; die
Klinge durch sich hindurchstechend. Viele
der Krieger und der anderen Charaktere in den Kriegsgeschichten sind
Stereotypen. So ist beispielsweise auch Kanehira vollkommen
ohne Substanz: ein ergebener Gefolgsmann mit dem Geist des Kenshin
(völliger Selbstaufopferung) für seinen Herrn; ein Berserker, zu übermenschlichen
Taten fähig und bereit, ohne einen Moment des Zögerns seinem
grausamen Ende entgegenzutreten; alles in allem absolut unglaubwürdig.
Yoshinaka dagegen wird in seinem letzten Kapitel als Mensch,
mit menschlicher Zerbrechlichkeit beschrieben. Indem er sich über das
Gewicht seiner Rüstung beklagt, offenbart er seine eigene Ohnmacht
und in seinem Wunsch, gemeinsam mit Kanehira zu sterben, zeigt
er auf höchst menschliche Weise eine emotionale Verbundenheit, die
weit über die einfache Verbindung zwischen Herr und Vasall hinausgeht.
Der Tod von Yoshinaka ist wahrlich einer der traurigsten
Momente der Heike, vor allem, weil Yoshinaka als eine reale
Person voller Gefühle beschrieben wird. Ein
neuer Stern Es scheint bezeichnend, daß der Mann, der Yoshinaka vernichtete, aus seiner eigenen Familie stammte: der Führer der Armee aus dem Osten war Minamoto no Yoshitsune, Cousin von Yoshinaka und Halbbruder von Yoritomo. Stand er bisher völlig im Dunkel der Geschichte, so wurde Yoshitsune durch seinen Sieg über Yoshinaka auf einen Schlag berühmt und sein weiterer Weg sollte ihn innerhalb weniger Jahre zur Legende werden lassen; eine Legende die bis heute tief in den Herzen jedes einzelnen Japaners verwurzelt ist. Script: Stephan Henker |