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| Familienbande Japanische Geschichte - Teil 14 „An die Genji [Minamoto] und ihre Krieger in den
Provinzen der drei Gebiete Toukai, Tousan und Hokuriku: Euch wird
befohlen, den falschen Priester Kiyomori, seine Anhänger und andere
Rebellen sofort zu verfolgen und zu vernichten.“ (Aus der
Proklamation von Prinz Mochihito, April 1180; laut dem Azuma
Kagami) Gempai-Krieg Die Wortschöpfung „Gempei“ ist eine typisch
japanische. Das Wort besteht aus den Teilen „Gen“ und „Hei“
(in japanischer Intonation wird „n“ vor „b“ bzw. „p“ wie
„m“ gesprochen und das gehauchte „h“ wandelt sich vor
Nasallauten in den jeweils härteren Laut); „Gen“ stammt
dabei von „Genji“, der vornehmen chinesischen Lesung der
Kanji „Minamoto“ und „Hei“ von „Heike“,
welches die chinesische Lesung von „Taira“ ist. (Korrekterweise
müßte es „Genpai“ geschrieben werden, ich habe mich aber
Aufgrund der allgemein üblichen Schreibung dahingehend durchgerungen,
hier eine Ausnahme zu machen. Eine Verwechslungsgefahr kann ja in diesem
Fall ausgeschlossen werden. Anm. d. A.) Gempai-Krieg ist somit nur eine Verkürzung des Ausdruckes
„Krieg zwischen Minamoto und Taira“. Dies legt zwar die
Vermutung nahe, daß sich im Japan des ausgehenden 12. Jh. ausschließlich
Taira und Minamoto gegenüberstanden, dem kann jedoch
nicht vorbehaltlos entsprochen werden. Nachdem Yoritomo 1180 seinem Exil in Izu entkommen
war, konnte er innerhalb weniger Monate beträchtlichen Einfluß im Kantou
gewinnen. Dennoch strebte er keine direkte Konfrontation mit Taira
Kiyomori an. Yoritomo wollte in erster Linie seine Hegenomie
im Osten sicherstellen. Dabei stützte er sich auf die Proklamation des
Prinzen Mochihito, welche seiner Auslegung nach „alle
privaten und öffentlichen Gebiete des Ostens unter [Yoritomo’s] Zuständigkeit
stellt(e)“. Doch noch während Yoritomo die offizielle Bestätigung
durch den Kaiserhof abwartete, setzte er seine Kontrolle über das Kantou-Gebiet
de facto schon durch. Dabei erwarb er sich die Unterstützung aller
wichtiger Kriegerclans des Ostens, einschließlich Clans, die von
Seitenzweigen der Minamoto als auch der Taira abstammten:
So z.B. die Familien der Kazusa, Chiba und Miura (Taira
der Provinzen Kazusa, Shimousa und Sagami) oder
die Clans der Sataka, Nitta und Ashikaga (Minamoto
aus den Provinzen Hitachi, Kouzuke und Shimotsuke).
Somit ist es haltlos, den Gempai-Krieg alleinig als einen Krieg
zwischen zwei getrennten Clans, Taira gegen Minamoto, zu
betrachten. Die Materie ist viel komplexer. Das Kantou stellte die bedeutendste Region in diesem
Stadium des Krieges dar, da Yoritomo sein Militärregime im Kantou
errichtete. Die Clans der Kantou-Region werden weder Zeit
noch Grund gehabt haben, sich Gedanken über das Schicksal der Ise-Taira
in Kyoto zu machen; oder über ihre Position in dem was heute „Gempai-Krieg“
genannt wird. Die Familien werden sich eher mit der Frage beschäftigt
haben, wie sie mit dem Aufstieg von Yoritomo zum Herrscher über
das Kantou umgehen, ob sie ihn unterstützen oder ihm
entgegentreten und jeder Clan wird seine Entscheidung wohl eher auf der
Grundlage von eigenen Interessen getroffen haben als sich auf die
relativ losen familiären Verbindungen zu Taira oder Minamoto zu
berufen. Einen entscheidenden Wendepunkt bildete dabei die Schlacht am
Fujigawa. Nachdem Yoritomo bei Ishibashiyama in der
Provinz Sagami eine vernichtende Niederlage erleiden mußte und
nur knapp mit dem Leben davonkam, war der „Sieg“ über die Armee der
Ise-Taira an den Ufern des Fuji von entscheidender
Bedeutung für den weiteren Verlauf des Krieges: Die Taira sollten
nie wieder eine Armee in die Kantou-Region schicken; für Yoritomo
bedeutete dies praktisch die Bestätigung seiner Hegemonie und für
die Clanfamilien des Kantou stellte es eine wesentliche
Vereinfachung ihrer Entscheidung dar. Die Jahre 1181 und 1182 vergingen ohne größere Ereignisse
von Seiten Yoritomo’s. Im Frühjahr 1181 starb Taira
Kiyomori und noch auf dem Totenbett verlangt er den Kopf von Yoritomo,
so berichtet in Heike Monogatari. Doch stattdessen begann Minamoto
no Yoshinaka eine Reihe von Feldzügen gegen die Ise-Taira. Familienbande Minamoto no Yoshinaka war der Cousin von Yoritomo,
Sohn von Minamoto no Yoshikata, einem jüngeren Bruder von Yoshitomo
(Yoritomo’s Vater). Yoshikata ist somit der vierte
erwähnenswerte Sohn von Minamoto no Tameyoshi neben Yoshitomo,
dem bereits verblichenen Oberhaupt der Seiwa-Genji, Tametomo,
dem „Giganten des Hougen-Konfliktes“ und Yukiie, der
erst später gewisse Bedeutung erlangen soll. Das legendäre Leben von Yoshinaka war von Beginn an
voller Risiken und Gefahren. Yoshinaka’s Vater Yoshikata wurde
1155 getötet und die feindlichen Taira versuchten, auch seine
schwangere Frau zu fangen. Doch Yoshikata hatte vorgesorgt und
seine Frau nebst dem weißen Banner des Minamoto-Clans in der Hütte
eines Bauers versteckt. Um die Krieger abzulenken, rannte die Bauersfrau
mit dem Banner der Minamoto in Richtung des Biwa-ko. Sie
sprang in den See, um ihren Verfolgern zu entkommen und schwamm einigen
Booten entgegen. Ihr Entsetzen war groß, als sie feststellte, daß sich
in den Booten feindliche Krieger befanden, die mit ihren Waffen auf die
Bauersfrau losgingen. Der Arm, mit dem sie das Banner der Minamoto hielt
wurde ihr abgeschlagen und sank auf den Grund des Sees, kurz darauf
gefolgt von ihrem leblosen Körper. Vier Tage später fischte der Sohn
der Bäuerin den Arm seiner Mutter aus dem See, der noch immer das
Banner festhielt und trug beides zu der Hütte, in der die Frau von Yoshikata
soeben dem jungen Yoshinaka das Leben geschenkt hatte. Die Legende berichtet weiter von Saitou no Sanemori,
der ausgeschickt wurde, um Yoshikata’s Witwe in Gewahrsam zu
nehmen und das Kind zu töten, falls es ein Junge sei. Sanemori,
ein Krieger des Ostens, hatte zwar schon an der Seite von Minamoto no
Yoshitomo gekämpft, ist jedoch später, wie viele andere Krieger
auch, in die Dienste der Taira getreten. Dies ist nur ein
Beispiel für ein allgemeines Phänomen jener Zeit, daß Vasallen ihren
Lehnsherren wechselten. Ob nun die Beziehung zu den Minamoto noch
stark war, oder ob Sanemori einfach nur Mitleid hatte, er war
jedenfalls so gerührt, daß er den Befehl nicht ausführen konnte.
Stattdessen kehrte er mit dem Arm der Bäuerin zurück, als Beweis, daß
er Mutter und Kind getötet habe. Mit der Unterstützung von Sanemori
gelangte der junge Yoshinaka dann in die Bergregion Kiso in
der Provinz Shinano, wo er aufwuchs. Er nahm dort den Namen „Kiso“
anstelle von „Minamoto“ an und als „Kiso Yoshinaka“
ist er auch allgemein bekannt. Neue Gegner Aus dem kleinen Yoshinaka wurde ein gewaltiger Krieger
und er war 28 Jahre alt, als er eine Kopie von der Proklamation des
Prinzen Mochihito erhielt. Wie auch sein Cousin antwortete Yoshinaka
sofort, doch der Schnee des Winters machte jede Unternehmung in den
Bergen von Shinano unmöglich, womit das Jahr 1180 ohne Aktionen
von Yoshinaka endete. Der Beginn des Jahres 1181 wurde von der Niederbrennung Nara’s
und Kiyomori’s Tod bestimmt. Nach dem Vorfall am Fujigawa
Ende 1180 waren die Taira auch mehr darauf bedacht, ihre
Streitkräfte zusammenzuhalten und die bestehenden Einflußsphären zu
sichern. Im April 1181 marschierten Truppen der Taira in der
Provinz Owari ein und errangen einen vollkommenen Sieg über Minamoto
no Yukiie. Yukiie scheint entgegen der Familientradition nur
sehr wenig militärisches Geschick besessen zu haben und Glück hatte er
weit weniger. In der Schlacht führte er seine Truppen durch den Sunomata-Fluß,
um einen Überraschungsangriff auf die Taira zu führen. Doch die
Taira öffneten ihre Reihen und ließen die Truppen von Yukiie
bis weit in ihre Mitte vorrücken, bevor sie einen furiosen
Gegenangriff von allen Seiten starteten. Yukiie erlebte ein
wahres Cannae, als die Taira ihre Pfeile und Schwerter auf alle
Krieger richteten, deren Rüstung naß vom Flußwasser waren. Das
Ergebnis der Schlacht vom 25. April 1181 war die fast vollständige Auslöschung
der Minamoto. Yukiie konnte entkommen und schloß sich dem
nächstliegenden Verbündeten an; Yoshinaka. Damit waren die
Fronten begradigt und die Allianzen weitgehend geklärt. Im Japan des Sommers 1181 hatten sich drei größere Machtblöcke
gebildet: die Ise- Taira mit ihrem Sitz in Kyoto, Minamoto no
Yoritomo in Kamakura und Kiso Yoshinaka in der Provinz Shinano.
Doch zunächst forderte ein ganz anderer Feind seinen Tribut: In den
Jahren 1180 und 1181 waren die Ernten abwechselnd durch Dürren und Überschwemmungen
vernichtet worden, die darauffolgenden Hungersnöte und Seuchen
dezimierten die Bevölkerung der Heimatprovinzen (die Provinzen um
Kyoto) so stark, daß viele in diesen entsetzlichen Vorkommnissen den
Zorn der Götter sahen, ausgelöst durch den Clan, dessen Truppen Nara
niedergebrannt hatten. Diese Sicht der Dinge wurde unterstützt
durch die Tatsache, daß das Kantou, Sitz von Yoritomo,
weitgehend von der Katastrophe verschont geblieben war. Doch schon im Sommer 1182 begannen wieder die kriegerischen
Auseinandersetzungen. Die Taira hatten ihrem Alliierten Jou
Sukenaga die unerfreuliche Aufgabe zugeteilt, Yoshinaka anzugreifen;
begründet allein mit der Tatsache, daß er als Herr von Echigo wahrscheinlich
der nächste Verbündete der Taira sein konnte, den Yoshinaka angreifen
würde. Jou nahm die Herausforderung an, wurde jedoch besiegt und
verließ das Schlachtfeld nicht mehr lebend. Yoshinaka ging
danach in die Offensive und überrannte die Provinz Kouzuke. Dies
brachte ihn jedoch gefährlich nahe an die Domäne seines Cousins Yoritomo;
somit richtete sich Yoshinaka nach Norden, vollzog einen weiten
Bogen durch die Provinzen Echigo, Etchuu, Kaga, Echizen
und Wakasa und besiegte alle Alliierte der Taira, die
sich ihm entgegenstellen wollten. Der militärische Siegeszug von Yoshinaka
war so schnell und umfassend, daß sein Territorium zum Ende des
Sommers 1182 nur 70km nördlich von Kyoto endete. Vielleicht hat Yoshinaka
auch einen direkten Angriff auf Kyoto überdacht, doch dieser
Angriff fand letzlich nicht statt. Yoshinaka hatte guten Grund,
abzuwarten, während Hunger und Seuchen die Arbeit für ihn erledigten. Yoritomo beobachtet inzwischen argwöhnisch
den Fortschritt seines Cousins. Der Herr von Kamakura, wie er
sich nennen ließ, hatte durchaus Grund, in Yoshinaka einen
Konkurrenten zu sehen. Yoritomo vermutete (ob zurecht, oder
unrecht kann man heute nicht mehr sagen), daß sich Yoshinaka wohl
kaum mit einem niederen Rang abgefunden und Yoritomo als seinen
Lehnsherrn anerkannt hätte. Und um ein chinesisches Sprichwort zu
zitieren „Es kann keine zwei Sonnen am Himmel geben“ kam es
im Frühjahr des Jahres 1183 zur Auseinandersetzung: Yoritomo schickte
seine Armee nach Shinano, um Yoshinaka anzugreifen. Dieser
hatte jedoch keinerlei Interesse daran, gegen den eigenen Clan zu kämpfen
und suchte eine diplomatische Lösung. Yoshinaka argumentierte,
daß sich der gemeinsame Feind in Kyoto befindet und daß Kämpfe
innerhalb des Clans von keinerlei Nutzen wären. Glücklicherweise
siegte die Vernunft und nach einigen Verhandlungen ließ sich Yoritomo
überzeugen. Beide Seiten zogen sich zurück; Yoritomo konnte
neue Schritte planen, während Yoshinaka einem Angriff der Taira
gegenüberstand. Der Aufmarsch Ende April 1183 fühlten sich die Taira stark genug,
um einen Angriff auf Yoshinaka zu starten, der in seinem Ausmaß
alles bisherige übertreffen sollte. Für die Taira schien Yoshinaka
eine weit größere Bedrohung darzustellen als Yoritomo; eine
fatale Fehleinschätzung, die man wohl nicht getroffen hätte, wenn Kiyomori
noch am Leben gewesen wäre. Das neue Oberhaupt des Taira-clans,
Munemori, hatte anscheinend nichts von dem Debakel am Fujigawa
gelernt, bei dem eine riesige Armee aufgestellt worden war, nur
damit sie letztlich in die falsche Richtung marschierte. Auch hat die
Begeisterung der Taira-Anhänger seit dem Rückzug vom Fujigawa
und den vernichtenden Niederlagen gegen Yoshinaka stark
nachgelassen. Trotzdem wurde der Versuch unternommen, für den Feldzug
gegen Yoshinaka eine Truppe von 100’000 Mann aufzustellen,
auszuheben, zu rekrutieren, einzuziehen oder einfach nur zu zwingen. Um
diese unglaublich große Armee aufzustellen, die selbst die großen
Armeen des 16. Jahrhunderts zahlenmäßig übertreffen sollte, wurden
alles und jeder verpflichtet, der dazu in der Lage war. Selbst Leute,
die üblicherweise übergangen wurden (da wirtschaftlich bedeutend)
wurden rekrutiert. So auch die Holzfäller des Wazuka-Waldes in Yamato.
Sie protestierten zwar: „Wir haben doch weder Bogen noch Schwert.
[...] Wenn in diesem Wald normalerweise 30 Männer arbeiten und jetzt
27 zur Armee einberufen werden, so ist das unerhört und sollte gestoppt
werden.“. Genützt hat es jedoch nichts. Dieses Vorgehen bei der Aufstellung von Armeen mag ein
entscheidender Grund dafür gewesen zu sein, daß die westlichen Krieger
der Taira-Armeen in der Heike Monogatari immer in einem
schlechteren Bild erscheinen als die Krieger des Ostens. Die Krieger der
Taira sind nicht nur schlechtere Kämpfer, sonder neigen auch
sehr schnell zur Flucht, wenn der Kampf problematisch wird. Den „Kari-musha“,
also „zeitweilig rekrutierte Soldaten“, sagte man nach, daß
sie sich „keine Gedanken über Schande machen“ und daß sie
„nur den Wunsch haben, ihre Frauen und Kinder wiederzusehen“.
Saitou no Sanemori, Retter von Yoshinaka, der
aus dem Kantou stammte und bei den Kriegern des Westens berühmt
für seine Bogentechnik war, wurde einmal gefragt, wieviele der östlichen
Krieger ihm ebenbürtig mit Pfeil und Bogen (Yunzei, Tsuyoyumi)
seien: „Ihr erachtet mich als einen, der lange Pfeile verschießt?
Meine Pfeile haben nicht einmal 13 Handbreit in Länge. Viele Krieger
der 8 Provinzen [des Kantou] sind mir ebenbürtig. Diejenigen, die man
dort „Langpfeile“ nennt, ziehen niemals einen Pfeil, der kürzer als
15 Handbreit ist. Ein starker Bogen [Tsuyoyumi] muß von fünf oder
sechs Mann gespannt werden. Wenn ein guter Krieger des Ostens Pfeile
verschießt, durchbohrt er mit Leichtigkeit zwei oder drei übereinanderliegende
Rüstungen. Jemanden, den man als Anführer [Daimyou] bezeichnet,
kommandiert mindestens 500 Reiter. Wenn ein Krieger des Ostens reitet,
wird er niemals abgeworfen. Selbst wenn er über rauhes Gelände (Akusho)
galoppiert, kann er verhindern, daß sein Pferd stürzt. Er wählt sein
Pferd sorgfältig aus und reitet mit ihm vom Morgen bis zum Abend bei
der Jagd, um es an Wald und Berge zu gewöhnen. Wenn in der Schlacht
seine Eltern oder seine Kinder getötet werden, wird der Krieger des
Ostens über ihre Leichen hinweggaloppieren und weiterkämpfen. Der
westliche Krieger dagegen würde beim Tot seiner Eltern das Kämpfen
einstellen und buddhistische Rituale abhalten. Der Kampf würde erst
nach der Trauerzeit fortgesetzt. Stirbt ein Kind, sind die Herzen der
westlichen Krieger so voller Trauer, daß sie allesamt den Kampf beenden.
Wenn die Nahrungsmittel knapp werden, nimmt sich der Krieger des Westens
die Zeit, um im Frühjahr die Felder zu bestellen und wartet die Ernte
im Herbst ab. Auch mag er es weder, in der Hitze des Sommers, noch in
der Kälte des Winters zu kämpfen. Die Krieger des Ostens sind dem ganz
und gar verschieden.“ Saitou no Sanemori war schon am Fujigawa dabei
und sollte auch bei dem Feldzug gegen Yoshinaka nicht fehlen. Er
hatte sich, als 1180 der Gempai-Krieg begann, entschieden, den Taira
die Treue zu halten, obwohl er seit je her starke Verbindungen zu
den Minamoto hatte. Der Verlauf der Dinge am Fujigawa hatte
ihm großen Verdruß bereitet, da er „keinen einzigen Pfeil auf den
Gegner schießen konnte“. Mittlerweile über 60 Jahre alt, war ihm
wohl bewußt, daß seine letzte Schlacht bevorstehen würde. Den Oberbefehl über das riesige Heer erhielt Taira
Koremori, dessen bisherige Verdienste in dem erfolgreichen Rückzug
vom Fujigawa bestanden. Unter seinem Kommando standen die Taira
Michimori, Tadanori, Tsunemasa, Kiyofusa und Tomonori,
mit Ausnahme von Michimori allesamt völlig unerfahren im
Kriegshandwerk. Am 10. Mai 1183 begann der Feldzug, doch die
Organisation war so schlecht, daß die Nahrungsmittelvorräte schon nach
15km Fußmarsch aufgebraucht waren. Für den Rest des Weges würde sich
die Armee von einem Land ernähren müssen, das bereits von Hunger und
Seuchen heimgesucht worden war. Die Beschaffung der Lebensmitteln
stellte nichts anderes als Plünderung dar, da die Taira einfach
alles beschlagnahmten, was sie in dem schmalen Landstreifen zwischen dem
Biwa-ko und den Bergen finden konnten. Ironischerweise war gerade
die Provinz Oomi traditionelles Taira-Gebiet und hatte
schon viele Männer für die Armee gestellt. Doch die Plünderung der
Felder, die sich erstmals seit dem Desaster 1181 wieder erholt hatten,
veranlaßte viele Bewohner voller Panik zu fliehen; ohne Zweifel folgten
viele der zwangsrekrutierten Soldaten ihrem Beispiel. Doch den Heerführern, die praktisch über keine militärische
Erfahrung verfügten, schien dies nicht aufzufallen. Während Koremori
und Michimori, denen man zumindest bescheinigen kann, schon
einmal bei einem Feldzug dabeigewesen zu sein, voranstürmten, legten
die anderen Kommandeure des Taira-Clans eine Pause am Biwa-ko ein,
um sich an der Schönheit der Natur zu erfreuen. Man nahm sich sogar die
Zeit, um mit einem Boot auf den See hinauszufahren, so daß Tsunemasa
seiner poetischen Ader folgen konnte: „Der Anblick entzückte
Tsunemasa zutiefst. Er sprang aus dem Boot, bestieg die kleine Insel und
schaute auf die Schönheit der Landschaft, die sein Herz mehr erfüllte,
um es in Worte zu fassen.“ Dieses Bild mag den sonst üblichen
Blick auf das harte und grausame Leben eines Kriegers mildern, doch es
ist völlig indiskutabel, wenn der Poet der Führer einer Armee sein
soll, die wahrscheinlich schneller desertierte, als sie marschieren
konnte. In der Zwischenzeit erreichte die Spitze des Heeres das erste
Ziel. Die historische Grenze zwischen der Provinz Oomi und den südlichsten
der Hokuriku-Provinzen Wakasa und Echizen liegt auf
einem Gebirgskamm, der knapp 800m Höhe erreicht. Viele Krieger werden
auf dem Gipfel pausiert und sich umgesehen haben; sie sahen herab auf
den Biwa-ko, der in der Sonne funkelte und ein paar Kilometer
weiter südlich lag Kyoto. Ihre Gefühle werden wohl vergleichbar zu
denen in Tsunemasa’s Poesie gewesen sein. Nicht umsonst wird
die Ebene um Kyoto das Land der „Heimatprovinzen“ genannt. Als sich
die Krieger dann wieder auf den Weg machten und den Gebirgskamm auf der
anderen Seite herabschritten, verschwand der Blick auf die Heimat und
vor ihnen lag die Küste, die sich in langem Bogen nach Norden zu den
Bergen von Echizen zog, die bedrohlich im Hintergrund aufragten.
An dieser Stelle wird wohl allen klar geworden sein, daß sie nicht nur
die Provinz Echizen betraten, sondern auch feindliches
Territorium. Falls sich die Taira gefragt haben sollen, wo dieser
Feind war, so wurde ihre Neugier schnell befriedigt. Am 17. Mai, eine
Woche nach Beginn des Feldzuges, traf die Vorhut des Heeres bei Hiuchi-yama
auf einige Truppen von Yoshinaka. Hiuchi-jou (Burg Hiuchi)
war zwar keine inspirierende Festung, wie sie aus späteren
Jahrhunderten bekannt sind, sondern eher nur eine Palisade, die
mit Erdwällen und Felsen verstärkt wurde, doch die Erbauer hatte
augenscheinlich einen Blick für das Gelände. Die Burg war an einer
starken Position errichtet worden, rundherum von Felsen umgeben, davor
hatten die Minamoto einen Damm gebaut, so daß der angestaute Fluß
einen Wassergraben bildete. Laut Heike Monogatari soll ein Verräter
aus der Feste einen Pfeil zu den Taira geschossen haben, mit dem
er ihnen mitteilte, daß sie den Damm zerstören sollen, um das Wasser
des Grabens abzulassen. Es sollte schon merkwürdig gewesen sein, wenn
die Taira nicht schon selbst auf diese Idee gekommen wären, doch
sie folgten dem Rat, konnten die Stellung aber trotz erdrückender Übermacht
erst drei Tage später einnehmen. Die Armee setzte ihren Feldzug
daraufhin fort und erreichte 5 Tage später die Provinz Kaga.
Dort stießen sie bei Ataka auf eine weitere Befestigung der Minamoto,
die ebenfalls überwältigt wurde. Die Geplänkel von Hiuchi und Ataka
hatten jedoch Kiso Yoshinaka mit den notwendigen Informationen
versorgt. Er kannte nun die Stärke des Gegners, die Richtung, in der
die Taira zogen und konnte wohl auch eine realistische Einschätzung
ihrer Moral treffen. Die Route, die von den Taira eingeschlagen
worden war, sollte sie durch die Berge von Hokuriku führen,
direkt auf den Bergkamm zu, der von der Halbinsel Noto aus bis in die
Provinz Echizen führt, um dann ostwärts Richtung Etchuu und
Echigo weiterzuziehen. Um Etchuu zu erreichen, würden die
Taira das Bergmassiv an der nördlichen Seite umgehen, da das Gelände
dort nicht so schwierig ist und nur größere Hügel aufweist. Soweit
konnte man die Pläne der Taira schon vorhersehen und sogar noch
etwas weiter: Um diese Route zu nehmen, konnten sie die Berge nur an
einem einzigen Paß überqueren, dem Paß bei Kurikara. Script: Stephan Henker |