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| Der
Gempai-Krieg beginnt... Japanische Geschichte - Teil 12 „Wie ein alter Baum, der keine Blüten mehr trägt; traurig
war mein Leben, vorbestimmt keine Früchte zu tragen.“ (Abschiedsgedicht
von Minamoto Yorimasa, 23. Juni 1180) Der Weg zur Macht Das
Kaiserhaus besaß zwar schon längst keine Regierungsgewalt mehr; die
Hofaristokratie unter Führung des Fujiwara-Clans hatte dem
Kaiser schon zu Beginn des 12. Jh. den letzten Rest von Macht entwunden;
doch galt der Kaiser durch seinen religiösen Status als direkter
Nachfahre der Sonnengöttin immer noch als letzte Instanz der Autorität.
Der reale Einfluß, der dem Kaiserhaus verblieben war, lag im
wesentlichen beim In, dem Ex-Kaiser und seiner privaten und unabhängigen
Regierungskammer. Es schien fast, als wollte sich der schwerfällige und
ineffiziente Regierungapparat der Heian-Zeit aus reiner Trägheit
weiterschleppen, doch das kurze Aufflackern von Gewalt in den Jahren
1156 und 1159, bei dem die gegnerischen Fraktionen des Hofes
unklugerweise die Unterstützung verschiedener militärischer Führer
anwarben, offenbarte plötzlich, daß die gesamte Struktur der
Adelsherrschaft von der Wirklichkeit eingeholt war. Die Macht im Land
lag auf einmal bei den Samurai, jenen verachteten, grobschlächtigen
Kriegern, die von den Edelleuten jahrhundertelang als Lakeien benutzt
wurden, um Bodenstreitigkeiten zu schlichten und die Ordnung im Land
aufrechtzuerhalten. Obgleich die Militärführer bereit waren, dem Hof
die äußeren Anzeichen der Würde zu belassen und den Kaiser als
moralischen Ursprung politischer Macht anzuerkennen, konnte es keinen
Zweifel geben, daß eine neue Ära der japanischen Geschichte
herangebrochen war, in der die wichtigen Entscheidungen vom Schwertadel,
den Buke, getroffen werden sollten, die als einzige die Macht
hatten, sie auch durchzusetzen. Die
Frage, welcher der beiden mächtigsten Kriegerclans diese neue
Herrschaft trägt, wurde nach den Ereignissen von 1159 zugunsten der Ise-Taira
entschieden. Der Aufstieg der Taira zur führenden Macht
Japans war dabei nicht unwesentlich der Gunst von Ex-Kaiser Goshirakawa
zu verdanken. In den Jahren von 1160 bis 1180, die nach dem Sitz der
Taira auch Rokuhara-jidai genannt werden, hatte Taira
Kiyomori die Regierung unter Kontrolle gebracht und herrschte
praktisch allein. Die Chronik Heike Monogatari befaßt sich in
ihrem ersten Teil ausführlich mit dem Aufstieg der Taira und
bietet einen eindrucksvollen Einblick in die Zeit des großen Wandels in
Japan. Taira
Kiyomori war
inzwischen so mächtig, daß er sogar seinem Lehnsherren, dem Ex-Kaiser Goshirakawa,
ebenbürtig war. Und Kiyomori hatte keine Skrupel, dies im
Vorfeld der Thronübernahme durch seinen Enkel zu beweisen und den
Ex-Kaiser unter Arrest zu stellen. Jedoch mußte sich Kiyomori Vorhaltungen
von seinem ältesten Sohn Shigemori machen lassen. In Hougen und
Heiji Monogatari war Shigemori einer der führenden
Krieger, doch in Heike Monogatari kleidet sich Shigemori stets
in höfische Roben und ist auch in Sprache und Handeln weit mehr Höfling
als Krieger. Als Kiyomori seine Rüstung anlegte, um Goshirakawa
unter Arrest zu stellen, wird er von Shigemori mit religiösen
Prinzipien ermahnt. Kiyomori würde sich mit seinen Handlungen
gegenüber dem Shintou und der Sonnengöttin Amaterasu,
der Schutzherrin Japans, versündigen. Außer-dem verstoße er gegen den
buddhistischen Glauben, da er das Gelübte abgelegt hat und seit dem
praktisch ein Mönch ist. Das konfuzianische Gesetz des ethischen
Verhaltens werde ebenfalls verletzt: Ein Mensch hat vier Verpflichtungen
in Leben; Himmel und Erde, seinen Herren, seine Eltern und sie
Menschheit. Von all diesen Verpflichtungen ist die Loyalität gegenüber
seinem Herren die wichtigste. Aus dem Bruch mit Goshirakawa, den Shigemori
als den Herren der Taira versteht, könne nur Unglück
erwachsen. Die Taira hatten außergewöhnliche Zuwendungen vom
Kaiserhaus erhalten und wenn sie sich jetzt gegen den Ex-Kaiser stellen,
würde das den Zorn von Amaterasu und Hachiman beschwören.
Noch sei es nicht zu spät, so Shige-mori; die Aufdeckung des Shishigatani-Komplotts
(1177) zeige, daß „das Glück der Taira noch nicht verbraucht sei“.
Doch seine Worte verhallten unbeachtet. Laut Heike erhielt Shigemori,
der mit der Fähigkeit ausgestattet war, in die Zukunft zu sehen, wenig
später ein göttliches Zeichen. Die Botschaft der Göttern des Kumano-Schreines
verlautete, daß das glückliche Schicksal der Taira innerhalb
einer Generation aufgebraucht sein werde und sich nicht bei den Söhne
und Enkeln von Kiyomori fortsetze. Shigemori wurde darauf
hin krank und starb im Jahre 1179. Sein Tod stellt eine gewisse Wendung
im Schicksal der Taira dar, wenn gleich es auf Kiyomori wenig
Eindruck zu machen schien. Das Oberhaupt der Ise-Taira ging den
letzten Schritt seines Weges zur ultimativen Macht und nahm 1180 mit
seinem Enkel Antoku den Kaiserthron in Besitz. Neue, alte Feinde Am
Hof gab es eine Person, die auf Grund der neuen Situation mehr als nur
verstimmt war: Kronprinz Mochihito. Mochihito, der zweite
Sohn von Ex-Kaiser Goshirakawa, war bei der Thronfolge bereits
zweimal übergangen worden und sah sich nach der unverfrorenen Übernahme
des Kaiserhauses durch Taira im Zugzwang. Ein Prinz allein konnte
nicht viel gegen die übermächtigen Taira aus-richten, doch am Hof gab
es noch eine fast vergessene Gestalt aus früheren Tagen: Minamoto
Yorimasa. Der alte Kriegerveteran; mittlerweile bereits 74 Jahre
alt; war zwar aufgrund seines fortgeschrittenen Alters und seiner
loyalen Haltung gegenüber dem Kaiserhaus ein höchst unwahrscheinlicher
Rebell, doch er und seine Söhne mußten in den Jahren am Hof zahllose
Peinigungen der Taira erdulden. Und so ergriff Yorimasa die
Gelegenheit und versprach Mochihito bereitwillig die notwendige
Unterstützung. Wie
schon 1160 beim Heiji-Vorfall wählte man einen Zeitpunkt für
die Aktion, zu dem Kiyomori nicht in Kyoto weilte. Es war üblich,
daß neu eingesetzte Kaiser zu den bedeutendsten religiösen
Einrichtungen pilgerten, um den Beistand der Götter zu erbitten. Und so
brach auch Kaiser Antoku, begleitet von seinem Großvater und großem
Gefolge im vierten Monat des Jahres 1160 zu einer Pilgerfahrt auf. Üblicherweise
hätten Nara und die Tempel auf dem Berg Hiei auf der
Route gelegen, doch Antoku war ja nur eine Marionette und so ging
die kaiserliche Reise zum Familientempel der Taira nach Itsukushima.
Dieser Umstand gab Mochihito die Möglichkeit, sich auch die
Unterstützung der Souhei (Kriegermönche) zu sichern. Am
5. Mai 1160, kurz nach der Abreise des Kaisers, erließ Mochihito eine
Proklamation, in der er die Taira als Feinde der Nation
bezeichnete, die ihre Ämter zur persönlichen Bereicherung ausgenutzt
und gegen die Unantastbarkeit von Kaiserhaus und religiösen Gesetzen
verstoßen haben. Gleichzeitig rief er die Kriegerclans auf, ihn zu
unterstützen. Doch die Taira erfuhren kurz nach Entsendung von
dieser Proklamation und Kiyomori ließ die Residenz von Mochihito
von seinen Truppen stürmen. Der Prinz war jedoch bereits in den Mii-dera
geflüchtet. Wie
wenig Kiyomori vom Umfang der Verschwörung ahnte, wird aus
seiner Reaktion ersichtlich: Er schickte Minamoto Yorimasa, um
den Tempel anzugreifen und Mochihito zurückzubringen. Für Yorimasa
war nun die Zeit gekommen, um Farbe zu bekennen. Er steckte sein
Haus in Kyoto in Brand und begab sich mit 50 treuen Anhängern auf die
Seite des Prinzen. Für die Aufständigen war es jetzt wichtig,
durchzuhalten, bis die kaiserliche Proklamation eine Erhebung im Osten
bewirkte. Das kleine Kontingent von Yorimasa war, wenn auch verstärkt
durch die Mönche des Mii-dera, dem Gegner vollkommen unterlegen.
Laut Heike Monogatari zogen die Taira 20’000 Mann für
den Angriff auf den Tempel zusammen. Die einzige Hoffnung für Yorimasa
war die Unterstützung der anderen Tempel, doch aus den früheren
Konflikten ist ersichtlich, daß die Souhei als Verbündete nur
zweifelhaften Wert besaßen. Dringende Botschaften wurden zum Enryaku-ji
und Koufuku-ji in Nara gesandt, nur letzterer
versprach Unterstützung. Um
aus der Defensivposition auszubrechen, schlug Yorimasa einen
Nachtangriff auf das Hauptquartier der Taira in Rokuhara vor.
Der Wind war kräftig und würde es erleichtern, das Gebäude in Brand
zu setzen und in dem entstehenden Chaos hätte man vielleicht sogar Kiyomori
gefangen nehmen können. Doch wieder einmal wurde der kühne
Vorschlag eines Minamoto-Kriegers abgelehnt. Es wurde
entschieden, den Mii-dera zu evakuieren und sich mit den Mönchen
des Koufuku-ji zu treffen. Im Morgengrauen verließen Prinz Mochihito,
Minamoto Yorimasa und ihr kleiner Verband, alles in allem kaum
mehr als 300 Mann, den Mii-dera und zogen vom Berg Hiei in
Richtung Nara. Die Hauptstraße von Kyoto nach Nara verläuft
fast direkt nach Süden und überquert den Fluß Uji in einem Ort
gleichen Namens. Die Brücke in Uji war von großer strategischer
Bedeutung, da der Fluß einen natürlichen Stadtgraben für Kyoto
bildete, der nur an zwei Stellen, in Uji und in Seta,
trockenen Fußes passierbar war. Als
die Truppen der Minamoto Uji erreichten, war der Prinz völlig
erschöpft, so daß entschieden wurde, eine Rast einzulegen. Am südlichen
Ufer des Uji-gawa (auf der Nara-Seite) stand der Byoudou-in,
zu dessen Bauwerken die außergewöhnlich schöne Phoenix-Halle gehörte.
Sie war einst die Villa eines Fujiwara gewesen und später in
einen Tempel umgewandelt worden. Der Byoudou-in wurde als
Rastplatz des Prinzen auserkoren, während Yorimasa Späher
aussendete, um den Fluß und die Straße nach Norden zu beobachten. Der
alte Minamoto erwartete den Angriff der Taira und ließ
als zusätzliche Schutzmaßnahme in der Mitte der Brücke
ca. 20 Meter der hölzernen Beplankung entfernen. Danach wartete
die kleine Gruppe auf die Truppen, die zuerst eintreffen würden, die
verbündeten Mönche aus Nara oder die
Samurai der Taira. Die Schlacht von Uji Als
der nächste Morgen graute, standen die Krieger der Taira am
Nordufer des Uji. Man konnte sie zwar von der Minamoto-Seite
des Flußes aus nicht sehen, da ein dichter Morgennebel jede Sicht
verhinderte, doch die Taira machten sich durch lautes
Kriegsgeschrei bemerkbar. Als die Minamoto antworteten, griffen
die Taira an. Ihre Vorhut
galoppierte geradewegs über die Brücke und geradewegs durch das Loch
in deren Mitte. Als sich schließlich der Nebel lichtete, begann ein
hef-tiges Bogenduell über den Fluß hinweg. Die Mönche erwiesen sich
als ausgezeichnete Bogenschützen, die ihre Pfeile auch durch die hölzernen
Schilde (Tate) schossen, die von den Taira errichtet
worden waren. Minamoto Yorimasa nahm seinen Helm ab, um den Bogen
leichter spannen zu können. Tief in seinem Herzen wußte er, das dieser
Kampf wohl sein letzter sein würde. Langsam
begannen die unerschrockensten Gemüter unter den Mönchen, die Brücke
zu erklimmen, um sich im Zweikampf zu beweisen. Der erste war ein Mönch
namens Tajima, der die Scheide seiner Naginata in den Fluß
warf und allein auf die Brücke sprang. Dies machte ihn augenblicklich
zu Ziel für alle Taira-Schützen und die Pfeile regneten auf ihn
herab. Doch Tajima gelang es, den Geschossen auszuweichen, oder
sie mit der Rüstung oder seiner Naginata, die er wild
herumwirbelte, abzuwehren. Dies brachte ihm den Spitznamen „Tajima
Pfeilköpfer“. Tajima wurde gefolgt von dem Mönch Jomyou,
der mindestens 20 Taira mit Bogen, Naginata oder Dolch zur
Strecke brachte. Hinter Jomyou stand Ichirai Hochi, der
reichlich frustriert war, daß der schmale verbliebene Brückensteg
blockierte war. So packte er den Mönch bei den Schultern und sprang über
ihn hinweg an die Front. Dort kämpfte er tapfer, bis er fiel. Jomyou
zog sich inzwischen zurück und zählte 63 Pfeile, die in seiner Rüstung
wie Stacheln in einem Igel steckten. Der
Kampf an der zerstörten Brücke dauerte den ganzen Tag. Einige Krieger
kämpften sich bis auf die feindliche Seite vor und kehrten mit
eroberten Köpfen zurück, andere sprangen schwer verwundet in den Fluß.
Es gab immer noch kein Zeichen von der Verstärkung der Minamoto aus
Nara, doch ihr Widerstand war so heftig, daß die Kommandanten
der Taira, Tomomori und Shigehira, beides Söhne
von Kiyomori und ihr Onkel Tadanori über die Aufgabe der
Posi-tion nachdachten. Man zog die Möglichkeit in Betracht, den Umweg
von ca. 80 km über die Brücke von Seta zu nehmen. Ihre Idee
wurde jedoch von dem 18-jährigen Samurai Ashikaga Tadatsuna verächtlich
abgetan. Er befürwortete, den schnell fließenden Fluß direkt zu überqueren.
Die 300 Samurai des Ashikaga-Kontingents folgten ihm und Tadatsuna
gab ihnen laut Heike Monogatari folgenden Ratschlag: „Faßt
euch bei den Händen und geht in einer Linie hinüber. Wenn der Kopf
eures Pferdes untergeht, zieht ihn hoch. Wenn der Feind auf euch schießt,
spannt ihr euren Bogen nicht. Haltet den Kopf unten und das Nackenstück
aufrecht, doch nicht zu weit unten, sonst treffen die Pfeile in die
Helm-krone.“ Die letzte Bemerkung verweißt auf „Tehen“,
das Loch in der Spitze klassischer japanischer Helme. Und
so begaben sich die Ashikaga in den Fluß und überquerten ihn
sicher. Tadatsuna hatte die Ehre, als erster das südliche Flußufer
zu erreichen. Doch selbst in diesem Augenblick der Aufregung vergaß er
nicht die Regeln des ehrenwerten Kampfes, sondern stand in seinen Steigbügeln
auf und rief laut: „Ich bin Ashikaga no Tara Tadats-una aus
Shimonotsuke, Nachfahre des berühmten Kriegers Tawara Toda Hidesato in
der 10. Generation.“ Mit dem Ende seiner Rede gab er seinem Pferd
die Sporen und stürmte mit seinen Kriegern bis zu den Toren des Byoudou-in.
Das Azuma Kagami, eine zeitgenössische Chronik berichtet mit der
Hervorhebung von eigenartigen Vorzügen über ihn mit: „Es wird in
der Zukunft keinen Krieger wie Tadatsuna geben. Er übertraf alle
anderen in drei Dingen: seiner körperlichen Kraft, die der von 100 Männern
entspricht, seiner Stimme, die man noch einer Entfernung von 10 Ri (ca.
39 km) hören kann und seiner Zähne, die über ein Bu (ca. 3 cm) lang
waren.“ Die
Hauptstreitmacht der Taira war sichtlich beschämt wegen der
Tapferkeit ihrer Verbündeten und so gab Taira Tadanori den
Befehl, auch die restliche Armee überzusetzen. Für einen kurzen
Augenblick bildete die Masse der Männer und Pferde einen Wall, der den
gesamten Fluß aufstaute, bis der Druck des Wassers so groß wurde, daß
die Masse auseinanderbrach und die Armee der Taira von den Fluten
weggespült wurden. Die meisten von ihnen überstanden dies schadlos, da
die Aufmerksamkeit der Minamoto durch den Angriff der Ashikaga
gebunden war. Trotz dieser Widrigkeiten konnten sich die Taira kurz
darauf sammeln und zum Großangriff auf den Byoudou-in übergehen. Wie ein alter Baum... In
den Wirren des Kampfes floh Prinz Mochihito in Richtung Nara, während
Yorimasa und seine Söhne die überwältigende Übermacht der Taira
aufhielt. Nachdem der greise Krieger von einem Pfeil am Arm
getroffen wurde, zog er sich zurück, während sein jüngster Sohn Kanetsuna
eine Gruppe Taira-Krieger aufhielt, die Jagd auf den Kopf des
alten Mannes machte. Ein Pfeil traf Kanetsuna unter dem Helm und
auch sein Bruder Nakatsuna wurde tödlich verwundet, jedoch
konnten sie die Taira lange genug aufhalten, so daß ihr Vater
begehen konnte, was man die klassische Form von Seppuku nennt.
Dies war zwar nicht das erste schriftlich erwähnte Seppuku der
japanischen Geschichte, jedoch wurde der Selbstmord von Yorimasa mit
so viel Würde ausgeführt, daß er als Vorbild für noblen Weg diente,
den ein besiegter Krieger nimmt, um die Welt zu verlassen. Während
seine Söhne die Tore verteidigten, schrieb Yorimasa ein
Abschiedsgedicht auf die Rückseite seines Fächers. Danach stieß sich
der 74-jährige seinen Dolch in den Bauch, schnitt ihn auf und starb.
Ein treuer Verbündeter nahm seinen Kopf, beschwerte ihn mit Steinen und
warf ihn in den Uji, wo ihn kein Trophäenjäger der Taira finden
sollte. Sein Sohn Nakatsuna folgte ihm im kurz darauf im Seppuku.
Auch
als in späteren Jahrhunderten der esoterische Buddhismus in Form des Zen
starken Einfluß auf die Kriegerkaste ausübte, blieb der rituelle
Selbstmord ein zentraler Inhalt des Kriegerdaseins. Im Buddhismus wird
das Töten zwar abgelehnt, jedoch lehrte er die Ideen der Nicht-Existenz
des Ich und der Selbstverleugnung zur Überwindung der Leiden, die aus
den eigenen Begierden resultieren. Diese Lehre untermauerte so die
Vorstellung vom Ethos der Samurai und half den Kriegern,
physische Härten und selbst den Tod auf sich zu nehmen. Das Ende der
Revolte Nachdem
die Helden der Minamoto aus dem Weg waren, stürmten die Taira
durch den Byoudou-in und starteten die Verfolgung des Prinzen
Mochihito. Sie holten ihn auf der Höhe eines Shintou-Schreines
ein, vor dem der Anstifter des Komplotts im Pfeilha-gel starb. Nur ein
paar Stunden später traf die Verstärkung der Minamoto,
7’000 Souhei vom Koufuku-ji ein, doch nachdem sie
von dem schnellen Ende der Rebellion erfuhren, begaben sie sich wieder
zurück zu ihren Tempeln. Die Taira zogen inzwischen im Triumph
in Kyoto ein; mit sich die Köpfe von Prinz Mochihito und der Söhne
von Yorimasa. Die
Schlacht am Uji, ausgetragen am 23. Juni 1180 markiert das plötzliche
und dramatische Ende der ersten Phase des Gempai-Krieges. Noch
bevor der Ruf des Prinzen die östlichen Provinzen erreichte, war Prinz Mochihito
tot und die Rebellion, die er proklamiert hatte, niedergeschlagen. Dieser
Revolte folgte auch fast die Auslöschung der Kriegermönche als
Institution. Kaum daß sich der Staub am Uji gelegt hatte, sann Kiyomori
auf Rache. Im Herbst griff Taira Tomomori mit 10’000
Samurai den Mii-dera an. Die Mönche errichteten Barrieren aus
Schilden und gefällten Bäumen und der Kampf dauerte den ganzen Tag,
bis die Tempelanlage in Brand gesetzt wurde. Der Schaden war zwar nicht
viel größer als bei den zahllosen Kämpfe zwischen den Tempeln, doch
auch die Tempel von Nara sollten bestraft werden, da der Koufuku-ji
und der Toudai-ji Unterstützungstruppen für Mochihito geschickt
hatten. Kiyomori versuchte zuerst eine politische Allianz mit den
Gakushou, den Lehrpriestern, in der Hoffnung, sie könnten die
aufbrausenden Souhei unter Kontrolle halten. Doch es war bereits
zu spät für Verhandlungen. Die Mönche antworteten auf Kiyomori’s
Botschaft, in dem sie dem Boten mit Gewalt den Kopf rasierten, so daß
dieser in Panik zurück nach Kyoto floh. Um die Beleidigung zu einer Kränkung
zu steigern, machten die Souhei in Nara einen hölzernen
Kopf, den sie den „Kopf von Kiyomori“ nannten und im Hof
herumkickten. Kiyomori handelte noch immer mit Vorsicht und
sandte 500 Mann mit der Order, keine Gewalt einzusetzen, selbst wenn
provoziert. Die Mönche griffen die Gesandtschaft jedoch sofort an. Etwa
60 Mann fielen dem Kampf zum Opfer, deren Köpfe am Teich von Sarusawa,
gegenüber dem südlichen Tor des Koufuku-ji zur Schau gestellt
wurden. Damit
war das Maß voll und Kiyomori befahl einen Großangriff auf Nara.
Das Kommando bekam Taira Shigehira. In Nara erkannte man die
drohende Gefahr und ca. 7’000 Mönche, jung und alt, Souhei und
Gakushou, bereiteten sich auf den Angriff vor. Auf den Wegen
wurden Löcher gegraben und Palisaden errichtet, während die Bogenschützen
hinter hölzernen Schilden warteten. Am 19. Dezember 1180 kam es zur
Schlacht. Die meisten Mönche kämpften zu Fuß und die berittenen
Krieger der Taira griffen sie wiederholt an, doch der verbissene
Widerstand der Mönche hielt sie bis zum Abend auf. Die Mönche wurden
dabei besonders von einem Souhei namens Yogaku inspiriert,
ein Mann von enormer Stärke, der zwei Rüstungen übereinander trug. Da
zu Nachteinbruch keine Entscheidung gefallen war, entschied Taira
Shigehira, die tödlichste Waffe aus dem Arsenal der Samurai einzusetzen:
Feuer. Der Nutzen dieser Waffe wird schon in früheren Schlachten
ersichtlich, wenn gleich der Umgang mit Feuer ein ziemliches gefährliches
Geschäft war. Shigehira hat dies zweifellos bedacht, als er
anordnete, einige Hütten in Brand zu setzen. Gegen 5 Uhr Morgens kam
Wind auf und die Flammen sprangen durch den ganzen Tempel-komplex, von
Wohnhaus zu Pagode, von Pagode zu Glockenturm. Heike Monogatari berichtet:
„Die, die zu alt waren, um zu fliehen, die Kinder und Mädchen
brachten sich im obersten Stockwerk des Daibutsu-den (die Halle des
Großen Buddha) in Sicherheit und zogen die Leiter hoch, damit der
Feind ihnen nicht folgen konnte. Doch die Flammen erreichten sie zuerst
und ein großes Schreien und Wehklagen erhob sich, das selbst nicht
durch die Sünder übertroffen werden kann, die in den Flammen von
Tapana, Pratapana und Avitchi, den heißesten der Acht heißen Höllen,
brennen.“ Der
Koufuku-ji brannte bis auf die Grundmauern ab, ebenso der Toudai-ji,
der „Große Tempel des Ostens“, Stolz von Kaiser Shomu vier
Jahrhunderte zuvor. Auch die große Buddhastatue, vor der sich der
Kaiser verneigt hatte, fiel den Flammen zum Opfer: „...die
kolossale Statue des Vairochana Buddha aus Kupfer und Gold, deren Kopf
sich in den Wolken befand ... zerfloß in der Hitze, so daß die
Verziehrungen herabfielen und der Körper zu einer unförmigen Masse
zusammenschmolz....“. Alles
in allem starben 3’500 Menschen in den Flammen. Nur der Shousou-in,
das ehemalige Lagerhaus von Kaiser Shomu blieb verschont und ist
bis heute erhalten geblieben. Die Köpfe von 1’000 getöteten Mönchen
wurden nach Kyoto gebracht und zur Schau gestellt. Noch Monate nach
diesem Vorfall gab es in ganz Nara keine Priester, die wichtige
Zeremonien durchführen konnten. Des Glückes Ausklang Die
Vorhersagen von Shigemori schienen sich zu bewahrheiten, denn
auch der Clan der Taira mußte einen schweren Schicksalsschlag
hinnehmen. Taira Kiyomori, das Oberhaupt des Clans, lag im
Sterben. Doch noch auf dem Totenbett war er unerbittlich. Er verlor
keine Worte über Schicksal oder Karma, oder äußerte den Wunsch, in Amida’s
reinem Land wiedergeboren zu werden, sondern er dachte nur daran, einen
Fehler seiner Vergangenheit zu korrigieren: „Vollzieht keine
buddhistischen Rituale, wenn ich tot bin. Schlagt nur Yoritomo den Kopf
ab und legt ihn vor mein Grab. Das ist der beste Dienst, den ihr mir
erweisen könnt.“ Und so starb Taira Kiyomori am 20. März
1181. Um seine letzten
Worte zu verstehen, muß man einige Ereignisse rekapitulieren, die sich
1180 im Osten, weit weg von Kyoto, zugetragen haben. Script: Stephan Henker |