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neue Herr des Ostens... Japanische Geschichte - Teil 13 "Vollzieht keine buddhistischen Rituale, wenn ich tot bin. Schlagt nur Yoritomo den Kopf ab und legt ihn vor mein Grab. Das ist der beste Dienst, den ihr mir erweisen könnt." (aus Heike Monogatari, die letzten Worte von Taira Kiyomori, 20. März 1181) Minamoto
no Yoritomo Katakiyushi
(Blutrache) Daß
sich Kiyomori diese Bitte einließ, verwundert in der Tat, denn Kiyomori
war nicht gerade für seine Güte berühmt. Diese Handlung war außerdem
nicht nur höchst unüblich, sondern auch extrem gefährlich. Es war
eigentlich vorauszusehen, daß Yoritomo die Angelegenheit nicht
auf sich beruhen lassen, sondern alles dafür tun würde, um irgendwann
Blutrache nehmen zu können. Blutrache,
jap. Katakiyushi (wörtlich: „den Feind angreifen“), ist tief
in der japanischen Geschichte verwurzelt und hat stets als
erstrebenswertes Ideal gegolten. Bereits in einer der Geschichten aus
dem Konjaku findet sich die Erzählung von einem Mann (von dem
nicht klar ist, ob er ein Krieger oder von niederem Stand war), der den
Tod seiner Eltern rächt, indem er ihren Mörder, einen echten Krieger
von Rang, im Schlaf tötet. Und obwohl der Stand des Mannes nicht geklärt
ist, urteilt der Autor der Geschichte, daß „es der Weg des
Kriegers ist, die Feinde seiner Eltern zu strafen“ und daß diese
Strafe „vom Weg des Himmels (Tendou) befürwortet“ sei. Dies
ist eine frühe Aufzeichnung darüber, daß die Rache an einem Mörder
nicht nur die Aufgabe eines Kriegers war, sondern auch vom Himmel selbst
verlangt wird. Üblicherweise zog man zur Rechtfertigung des Katakiyushi
auch konfuzianische Lehren hinzu. Im „Buch der Riten“ ist
folgendes zu finden: „Tzu-hsia fragt Konfuzius: ’Wie soll [ein
Sohn] mit jemandem umgehen, der seinen Vater oder seine Mutter getötet
hat?’ Der Meister antwortet: ’Er soll auf Stroh schlafen, mit seinem
Schild als Kopfkissen. Er soll erkennen, daß er mit dem Mörder nicht
unter dem selben Himmel leben kann. Wenn er ihm begegnet, soll er nicht
zurückgehen, um seine Waffen zu holen, sondern ihn [sofort]
angreifen.’.“ Während
man in anderen Gesellschaften schon frühzeitig versucht war, die
Blutrache einzudämmen und auf das staatliche Justizsystem umzulegen,
blieb das Katakiyushi in Japan stets eine ehrenvolle Aufgabe, die
von den Lehren des Konfuzius und dem Himmel selbst befürwortet wurde.
Blutrache blieb dabei nicht nur Kriegern vorbehalten. Einer der
bekanntesten Fälle einer mittelalterlichen Katakiyushi ist der Fall der
Soga-Brüder. Im späten 12. Jh. verbrachten die Brüder Juurou
und Gorou 17 Jahre ihres Lebens damit, den Mörder ihres
Vaters zu jagen und letztendlich zu töten. Ihre Geschichte wurde in der
Soga Monogatari festgehalten, die zuweilen sogar zu den
Kriegsgeschichten gezählt wird. Später diente diese Erzählung als
Vorlage für Nou-Schauspiele, Kabuki, Kouwaka (Balladendramen)
und Puppenspiele. Katakiyushi
blieb auch nicht nur auf Männer
beschränkt, Frauen hatten prinzipiell das selbe Recht auf Rache. In dem
Kabuki-Stück „Gotai eiki shiro ishi banashi“ wird
gezeigt, wie sich zwei Schwestern am Mörder ihres Vaters rächen. Während
eines Handgemenges gelingt es einem der Mädchen, den mit einem Schwert
bewaffneten Mann mit einer Kusari-gama (Kettensichel) zu fesseln
und ihre Schwester streckt ihn darauf hin mit ihrer Naginata nieder.
Dieses Drama soll auf eine wahre Begebenheit aus dem Jahre 1649 zurückgehen. Der
Gedanke, daß ein Angehöriger des besiegten Gegners später Rache für
den Tod seiner Verwandten fordern könnte, war ein entscheidender Grund
für viele siegreiche Militärführer, möglichst alle Mitglieder der
gegnerischen Partei zu töten, selbst die Kinder. Ein einziger Überlebender
konnte zu einem gefährlichen und unbarmherzigen Gegner werden. Angesichts dieser Tatsachen scheint es völlig unverständlich, ja töricht, wie Taira Kiyomori am Abend seines Sieges im Heiji-Konflikt den fatalen Fehler begehen konnte, vier potentiellen Feinden das Leben zu lassen. Dieser Fehler sollte sich später auch als äußerst tragisch herausstellen. In
Verbannung Doch
zunächst wurde der junge Minamoto ins Exil geschickt. Am Abend
seiner Abreise betete Yoritomo am Schrein von Hachiman,
dem Schutzgott des Minamoto-Clan und fragte, ob er eines Tages in
die Hauptstadt zurückkehren könne. Ein Vasall der Minamoto, der
ihm heimlich in den Schrein gefolgt war, erzählte ihm daraufhin von
einem Traum, in dem er Yoritomo sah, dem „Pfeil und Bogen“
überreicht werden, Zeichen, daß Yoritomo zu einem großer Militärführer
werden würde. Doch
zu jenem Augenblick war Yoritomo kaum mehr als ein Gefangener. In
der Provinz Izu im Kantou sollte er unter der Aufsicht von
Itou Sukechika gestellt werden, einem lokalen Adligen, der mit
den Taira verwandt war. Diese Form der Sicherheitsverwahrung
sollte den jungen Yoritomo an der Umsetzung etwaige Rachegelüste
hindern. Da Yoritomo nach dem Tod seines Vaters und seiner älteren
Brüder de facto Oberhaupt der Kawachi-Minamoto war (weder seine
noch lebenden Verwandten wie seine Onkel Yukiie und Yoshikata hatten
Anrechte auf diese Position) durfte er wohl mit strengster Überwachung
rechnen. Doch Sukechika zeigte sich als ein äußerst milder
Aufseher, der von dem Wesen seines „Gefangenen“ sehr angetan war. Yoritomo
brillierte durch seine schnellen Auffassungsgabe und zeigte viel
Talent in den Kriegskünsten. Mit der Zeit fand er in der Familie seines
Wächters einen Platz, der wohl nur einem Sohn des Hauses zugestanden hätte.
Viele Jahre verbrachte er mit Studien von Politik und Militärstrategie.
Er hatte auch sehr viel Zeit, darüber nachzudenken, wie katastrophal
sich die überstürzte und unüberlegte Anwendung von militärischen
Mitteln auf seine Familie ausgewirkt hatte. Es
ist jedoch auch überliefert, daß sich Yoritomo neben dem
Studium von Kriegskunst in seiner Freizeit mit einer weitaus
angenehmeren Beschäftigung befaßte, die auch „Aussaat von wildem
Hafer“ genannt wurde. Das Ergebnis war, daß sein Aufpasser plötzlich
bemerkte, daß er zum Großvater eines Minamoto-Babies geworden
war. Der loyale Taira war so aufgebracht, daß er das Kind tötete
und das selbe Schicksal hätte wohl auch Yoritomo ereilt, wenn er
nicht geflohen wäre und Schutz bei Houjou Tokimasa gefunden hätte.
Dort verliebte er sich auch prompt in Masako, eine der Houjou-Töchter
und heiratete sie kurz darauf. (In westlichen Transkriptionen werden die langen Vokale der japanischen Sprache sehr oft ignoriert, anstelle von z.B. „Houjou“ wird dann „Hojo“ geschrieben. Da dies jedoch eine potentielle Quelle für Fehler und Mißverständnisse darstellt, wird hier ausschließlich die japanische Schreibung zugrunde gelegt, auch wenn dadurch das Aussehen von einzelnen Worte merkwürdig erscheinen mag. Anm. d. A.) Auf
dem Weg zur Rebellion Der
Legende nach soll Yoritomo während seines Exils von einem
Wanderpriester namens Mongaku besucht worden sein, der ihm den
Schädel seines Vaters Yoshitomo überreichte und ihn zu einer
Rebellion gegen die Taira verleitet haben soll. Doch es war
weniger der Schädel seines Vaters, der Yoritomo die Möglichkeit
eines Aufstandes gegen die Taira überdenken ließ, sondern
vielmehr die Proklamation von Prinz Mochihito, die er am 23. Mai
1180 erhielt. Es dauerte nicht lange, bis sich Yoritomo durch die
Meldung der katastrophalen Wendung bei der Schlacht von Uji in
seiner Überzeugung bestätigt sah, daß übereilte und unüberlegte
Handlungen nicht der Weg zum Erfolg sein konnte. Am 13. Juli erreichten
ihn weitere schlechte Nachrichten: Taira Kiyomori hatte seine
Ergreifung und Hinrichtung befohlen. An wen dieser Befehl gerichtet war,
konnte der Bote zwar nicht sagen, aber es war aller Wahrscheinlichkeit
nach Taira Kanetaka, der stellvertretende Gouverneur der Gegend. Yoritomo’s
unsichere Position wurde noch weiter gefährdet, als Ouba Kagechika,
einer der gefürchtetsten Taira-Anhänger nach der Schlacht von Uji
nach Izu zurückkehrte. Dies brachte einen zweiten Feind mit
respektabler Kampfkraft in die Nähe von Yoritomo. Zwanzig
Jahre lang hatte Yoritomo die Torheit von überhasteten
Rebellionen überdacht und so muß ihm durchaus unbehaglich gewesen
sein, als er entschied, seine Position zu verlassen und den ersten
Schritt im offenen Kampf zu gehen. Das Ziel war Yamagi, das
Hauptquartier des stellvertretenden Gouverneur Taira Kanetaka.
Der Überfall fand am 8. September 1180 statt und war ein voller Erfolg.
Taira Kanetaka wurde getötet und seine Stellung zerstört.
Entgegen all seinen Vorfahren nahm Yoritomo jedoch nicht selbst
am Kampf teil, sondern betete im Hause seines Schwiegervaters für den
Sieg. Minamoto no Yoritomo war Politiker, ein Staatsmann und kein
General. Das Kämpfen überließ er anderen Mitgliedern seines Clans. In
dieser Position wird auch im gesamten Gempai-Krieg bleiben. Nach
dem Tod seines Feindes war der Weg frei, um aus Izu auszubrechen.
(Izu ist eine Halbinsel, ca. 60 km lang und am nördlichen Ende
nur knapp 20 km breit.) Und so verließ Yoritomo am 11. September
1180 Izu und ging nach Sagami. Zwei Tage später stießen die
ersten Verbündeten zu ihm, der Clan der Miura. Doch
der beste Mann der Taira, Ouba Kagechika war ihm bereits
auf den Fersen. Er hatte seine Truppen in Windeseile gesammelt und traf
am 14. September bei Ishibashiyama auf die Minamoto. Yoritomo
war 1:10 unterlegen und die Schlacht verlief für seine Seite ähnlich
tragisch wie die Schlacht von Uji. Ouba Kagechika fürchtete,
daß Yoritomo noch weitere Verstärkung erhält und führte seine
Truppen in einen überraschenden Nachtangriff auf die Stellung der Minamoto.
Ishibashiyama ist ein schmales Tal nahe der Küste; so eng, daß
kaum Platz zum Manövrieren bleibt, geschweige denn zu den üblichen
Formalitäten des ehrenvollen Kampfes. In der vollkommenen Dunkelheit
der Nacht, inmitten eines Taifun und sinnflutartigem Regen gingen die
Krieger ihrem blutigen Handwerk nach. Es gab weder Zeit, seinen Namen zu
rufen, noch um sich einen geeigneten Gegner zu suchen. Es gab nur
Schlamm und Blut in einem erbitterten Kampf um Leben und Tod. Am
Ende der Schlacht war die kleine Streitmacht der Minamoto fast
vollständig ausgelöscht, doch auch Ouba Kagechika hatte sein
Manöver mit dem Tod bezahlt; umsonst, wie sich zeigte, denn Yoritomo
war es gelungen, in den nahegelegenen Wald zu entkommen. Noch heute
werden viele Geschichten über die fünf Tage erzählt, in denen Minamoto
no Yoritomo durch die Berge von Hakone gejagt wurde. Die wohl
beste handelt von Kajiwara Kagetori, der zu dieser Zeit in den
Diensten der Taira stand, doch später zu einem der ergebensten
Anhänger von Yoritomo wurde: Yoritomo hatte sich in einem
hohlen Baum versteckt, den Kagetori untersuchen sollte. Kagetori
hegte schon zu dieser Zeit Sympathien für Yoritomo und als
er ihn in dem Baum sah, schlug er mit dem Bogen an den Stamm, so daß
zwei Tauben aufgeschreckt wurden. Die restliche Suchmannschaft nahm
daraufhin an, daß die Tauben die einzigen Bewohner des Baumstammes
gewesen waren. Diese Geschichte offenbart ihre Bedeutung, wenn man
bedenkt, daß die Taube als Bote des Gottes Hachiman gilt, dem
Schutzpatron der Minamoto. Yoritomo
erreicht kurz darauf die Küste
und gelangte unversehrt mit einem Boot in die Provinz Awa, die
angestammtes Minamoto-Territorium war. Von Awa aus
wanderte er an der Küste entlang, die heute die Bucht von Tokyo
umschließt und sammelte in den umliegenden Provinzen Unterstützung.
Innerhalb eines Monats hatte sich sein kleines Kontingent zu einer
gewaltigen Armee vergrößert, mit der er in das kleine Fischerdorf Kamakura
zog. Dort entschied Yoritomo zu bleiben und sein Hauptquartier zu
errichten. Ihm blieb jedoch nicht viel Zeit, denn es trafen schon bald
schlechte Nachrichten ein: Die Taira hatten mit einer gewaltigen
Armee Kyoto verlassen und zogen gen Osten. Dies geschah Anfang November
1180, einen Monat bevor die Taira den Mii-dera zerstörten.
Bis
zu diesem Zeitpunkt hatten die Taira keine einzige Niederlage
einstecken müssen und Taira Kiyomori war sich absolut sicher, daß
sich die Situation innerhalb der letzten Monaten nicht wesentlich verändert
haben konnte. In den Konflikten von Hougen, Heiji und dem
Aufstand von Prinz Mochihito hatten die Taira stets auf
eigenem Boden gekämpft, doch jetzt waren sie mit einem Aufstand der Minamoto
konfrontiert; 500 km weit im Osten; in traditionellem Minamoto-Territorium.
Noch
dazu hatte Kiyomori den Auftrag für diese Aktion nicht gerade
dem fähigsten Mitglied seiner Familie übertragen. Der Auserwählte war
Taira Koremori, sein Enkel und ältester Sohn seines kürzlich
verschiedenen Sohnes Shigemori. Koremori war zwar schon
zwanzig Jahre alt, hatte aber kaum Kampferfahrung. Heike Monogatari zählt
als positive Seiten nur auf, daß „seine Kleidung und seine Körperhaltung
so vollkommen sind, daß sie weit über der Fähigkeit stehen, mit einem
Pinsel gezeichnet zu werden“. Koremori war also weit mehr
ein Mann des Hofadels, weniger ein Krieger. Unter dem Befehl von Koremori
stand jedoch auch Tadanori, Kiyomori’s Bruder und
Veteran von Uji, außerdem hoffte man auf die Unterstützung der
Alliierten im Kantou, die Yoritomo bei Ishibashiyama so
vernichtend geschlagen hatten. Doch auch Yoritomo wußte dies und
schickte seinen Schwiegervater Houjou Tokimasa gegen seine
Widersacher in den Provinzen Izu und Suruga. Zusammen mit
dem Clan der Takeda stellten die Houjou sicher, daß die
Armee von Yoritomo den Taira auf der Toukaidou gefahrlos
entgegenziehen konnte. Die Toukaidou (wörtlich: der „östliche
Meeresweg“), der Kyoto mit der Kantou-Ebene verbindet, ist
eine der berühmtesten Straße Japans und existierte schon vor dem
Beginn der japanischen Geschichtsschreibung. Diese Straße hat ihre
Bedeutung über die Jahrhunderte hinweg behalten und ist bis heute eine
der wichtigsten Verbindungswege Japans geblieben. So trägt z.B. die Shinkansen-Linie
zwischen Tokyo und Kyoto diesen Namen, auch wenn sie nicht immer exakt
dem ursprünglichen Verlauf der Toukaidou folgt. Yoritomo’s Armee marschierte Anfang November 1180 von Kamakura aus auf der Toukaidou westwärts, überquerte den Ashigara-Pass in Hakone und zog weiter durch Suruga am Fuße des Berges Fuji. Am östlichen Ufer des Fujigawa, dem Fluß Fuji, kam man zum Stillstand. Auf der anderen Flußseite waren die roten Banner der Taira in Sicht. Zum erstem Mal seit der Gempai-Krieg begonnen hatte, standen sich nun am 9. November 1180 zwei große Armeen gegenüber. Die
Schlacht am Fuji Die
Aufzeichnungen über die folgenden Begebenheiten sind verwirrend und
widersprüchlich. Selbst die Bezeichnung „Schlacht“ ist eigentlich
weit hergeholt. Die
Taira empfanden ihre Situation in dem fremden Land wohl reichlich
unbequem und vielleicht hatten sie auch ein wenig Heimweh. Dies alles stärkte
ihr Selbstvertrauen keineswegs, als sie sahen, wie auf der anderen Seite
des Flusses die Truppen der Minamoto aufmarschierten. In
einigen Berichten ist zwar von einem Nachtangriff der Takeda auf
die Flanke der Taira die Rede, doch Heike Monogatari hat
einen viel poetischeren Eintrag: „Inmitten der selben Nacht wurden
die Wasservögel in den Sümpfen vom Berg Fuji aufgeschreckt und
schwirrten alle zusammen mit wildem Flügelschlag, der wie Donner klang,
auf. Die Krieger der Taira hörten dies und schrien: ’Die Armee der
Minamoto überfällt uns. Da sind Hunderte von Tausenden von Ihnen.’
Sie flohen voller Panik und ließen sogar all ihre Habe zurück. Ihre
Eile war so groß, daß einige nur ihren Bogen nahmen und die Pfeile
vergaßen, andere nahmen nur Pfeile ohne Bogen. Man stieg auf das nächst
beste Pferd und versuchte, davonzugaloppieren, manche sprangen sogar auf
noch angebundene Tiere, so daß diese immer rund um den Pflock liefen,
an dem die angebunden waren.“ Nun
mag der Rückzug der Taira nicht wirklich so panikhaft von
statten gegangen sein, wie in der Heike beschrieben. Der
strategische Rückzug vom Fujigawa war objektiv betrachtet eher
ein vernünftiger Schritt. Angesichts der Tatsachen, daß die
Verbindungs- und Nachschubwege der Taira äußerst ausgedehnt
waren und daß sie den Ashigara-Pass und die Berge von Hakone vor
sich hatten, ganz zu schweigen von der Armee der Minamoto,
konnten sie keinesfalls mit einem so überragenden Erfolg rechnen, wie
nur wenige Monate zuvor bei Uji. Allein der Kampf durch das
schwierigen Gelände war schon eine Herausforderung, die zusätzliche
Konfrontation mit einem ebenbürtigen Gegner schien die Taira dann
anscheinend an ihren Siegesmöglichkeiten endgültig zweifeln. Wie auch
immer, der Rückzug der Taira war schon recht schnell; nur zwölf
Tage später erreichten sie Kyoto. Die
Minamoto hatten hingegen den nächsten Morgen zum Angriff gewählt,
doch als sie im Lager der Taira ankamen, fanden sie es verlassen
vor. Yoritomo schrieb diesen „Sieg“ dem hilfreichen
Eingreifen des Kriegsgottes Hachiman zu und huldigte ihm dafür.
Die gute Entscheidung der Taira, sich vom Fujigawa zurückzuziehen
wurde von einer ähnlich weisen Entscheidung der Minamoto gefolgt,
diese nicht zu verfolgen. „Festige den Osten“ meinten die
Ratgeber von Yoritomo und so folgte eine Zeit, in der die Minamoto
nur kleinere Kampagnen unternahmen, um Verbündete zu gewinnen oder
Gegner zu liquidieren.
„Samurai“ In späterer Zeit sollte der Begriff „Samurai“ jedoch zunehmend Krieger kennzeichnen, die offiziell in den Diensten eines Herren standen. Diese Entwicklung begann mit dem gesellschaftlichen Aufstieg der Buke, den Angehörigen des Schwertadels, zur Zeit von Yoritomo. Yoritomo betrachtete alle seine Untergebenen als Teil seiner Armee und unterstellte sie damit seiner militärischen Gerichtsbarkeit. Der ursprüngliche Sinn des Wortes „Samurai“ blieb jedoch stets enthalten, auch Personen außerhalb des Schwertadels konnten Samurai sein/ werden. Dies gilt auch und insbesondere für Frauen. Die moderne westliche Interpretation, ein Samurai sei allgemein ein männlicher japanischer Krieger ist schlichtweg falsch und gefährlich irreführend. Eine solch irrtümliche Verallgemeinerung erschwert insbesondere das Verständnis für das streng hierarchische System der japanischen Stände, das im Laufe der Zeit eine sehr dynamische Entwicklung erfuhr und damit auch das Verständnis der japanischen Moderne, die noch heute sehr stark von den Wertvorstellungen ihrer Historie geprägt ist.
Script: Stephan Henker |