Festgebunden!
Hojo
jutsu
Kunst
der Fesselung
Sieht
man von den humanen Inhalten und den spirituellen Hintergründen der
Kriegskünste ab, dann kann man ihre Bestimmung auf einen ganz
spezifischen Grund reduzieren – die Tötung eines Gegners. Stechen,
schneiden, würgen, schlagen - die Techniken waren vielfältig. Doch
manchmal war es nötig einen Feind nicht auszuschalten, sondern ihn
lebend gefangen zu nehmen um eventuell Informationen zu bekommen.
Für
einen solchen Fall war das Schwert oder der Speer recht ungeeignet.
Waffenloser Nahkampf und Fesselungstechniken waren hingegen angebracht
um einen Gegner zu überwinden und dingfest zu machen. Diese Techniken
wurden in Japan in Form einer eigenen Kunst geübt.
Ende
der Muromachi-Epoche und Anfang der Tokugawa-Zeit übernahm man die
primitiven Techniken des Schlachtfeldes für den zivilen Bereich und
perfektionierte sie. Neben Sicherheitskräften und Rechtsbeamten waren
Fesselungstechniken vor allem für Wachpersonal und Personen im
Vollzugsdienst interessant. Man glich die bekannten Formen den Bedürfnissen
der neuen Bereiche an und etablierte somit eine eigene Kriegskunst –
Hojo jutsu.
Hojo
jutsu oder Torinawa (Ho, Tori – greifen, fangen / Jo, Nawa – Seil
) gilt in Japan als die Kampfkunst, die sich mit der Bindung und
Fesselung eines Gegners beschäftigt. Zahlreiche Schulen beinhalteten
sie als Bestandteil ihrer Ausbildung, so die Kurama ryu, Takenouchi
ryu, Ittatsu ryu.
In der japanische Kultur
spielten Respekt, Status und Rang eine größere Rolle als etwa in
Europa zu vergleichbaren Zeiten. Ein Gegner war nicht nur
hassenswerter Feind sondern auch ein würdiger Gegenspieler im Spiel
um Leben und Tod. So beeinflußte diese Punkte auch maßgeblich die
Kunst des Hojo jutsu. Die Formen der Bindung sind so nicht nur
praktisch sondern auch ästhetisch und zeugen vom Respekt gegenüber
dem Gegner und der hohen Kunstfertigkeit des Kriegers. Im Hojo jutsu
ging es nicht nur darum einen überwältigten Feind in dekorativer
Weise zu fesseln.
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Hojo
jutsu
Vor jeder
Anwendung von Fesselungstechniken, ob in historischen oder
modernen Zeiten, folgt das Überwinden des Gegners und der
damit wohl schwierigste Teil.
Auf dem
Bild kann man erkennen, wie neben Händen und Füßen, zum
Niederhalten des Opfers, auch die Zähne zur Vorbereitung des
Fesselungstechniken eingesetzt werden.
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Die
Regeln dieser Kunst waren streng reglementiert. Für jede Art von
gesellschaftlicher Stufe, Geschlecht und sogar für spezielle
Berufsgruppen wurden verschiedene Techniken und Knoten entwickelt. So
war die Art einen buddhistischen Mönch zu binden völlig
unterschiedlich von der Fesselungstechnik eines shintoistischen
Priesters, eines Zivilisten, Fußsoldaten oder gar Samurai.
Diese
unterschiedlichen Versionen beruhten auf den verschiedenen Kleidung
der Stände, welche bestimmte Arten von Fesselungstechniken beeinflußten.
Trug die betreffende Person einen Kimono oder eine Rüstung, mußte
man beim Binden im Gürtel getragene Waffen oder Werkzeuge berücksichtigen,
waren bei bestimmten Berufszweigen Arme oder andere Körperteile durch
Kleidung verdeckt oder nackt, etc. Ebenso waren die anatomischen
Unterschiede zwischen Mann und Frau zu bedenken. Ein ebenso
bedeutender Faktor war die Erfahrung des zu fesselnden Gegners. Eine
Frau bedurfte sicher nicht einer solch harten Fesselung wie ein
erfahrener Krieger, der an einer Flucht gehindert werden mußte.
Allerdings
muß man sich vor Augen führen, daß die dekorativen
Bindungstechniken nur den Abschluß einer Reihe von Handlungen
bildeten, die zum Überwältigen eines Kontrahenten führte. Ju jutsu,
Kumi uchi, Yawara oder Torite bildeten die Grundlage einen Gegner
nieder zu ringen und unter Kontrolle zu halten. In Verbindung mit
Klein- oder Stockwaffen konnte man ihn entwaffnen und mit Hilfe von Würgen
oder Hebeln am Boden halten, während man gleichzeitig, oder durch
einen Mitstreiter, die Fesselung vornahm. Dieses Verfahren erforderte
ein hohes technisches Niveau in den Kriegskünsten sowie Erfahrungen
im waffenlosen Kampf. Der Faktor Geschwindigkeit und Timing spielte
eine große Rolle im Hojo jutsu, da die Niederhaltung eines sich
wehrenden Gegners nur für kurze Zeit aufrechterhalten werden konnte.
Technik und
Material
Die
Art der Bindung erfolgte fast ausschließlich auf dem Rücken des
Opfers, wobei üblicherweise die Arme justiert wurden. In den meisten
Formen unterstützte eine Halsschlinge die Bindung, was zusätzlich
die Blockierung der gefesselten Arme unterstützte. Sollte das Opfer
in einem solchen Fall eine Fluchtbewegung versuchen würde es sich
selbst strangulieren. Natürlich war die Bewegungsunfähigkeit des
Gefangenen primäres Ziel des Hojo jutsu. Neben dieser Funktion
beinhalteten die Techniken jedoch auch eine Stimulierung von
Nervenpunkten durch Knoten und Seilzüge, Druck auf Gelenke oder die
beschriebene Strangulierung über die Halsschlagader, die die
Kontrolle über den Gefangenen erleichterte
.
Die
im Hojo jutsu benutzten Schnüre (Nawa) sind je nach Schule und System
recht unterschiedlich in Länge und Ausführung. So schwanken die Maße
zwischen 1 und 7 Metern, an einer Seite mit einer Schlaufe oder
Metallring (Yakuguchi) versehen. Gebräuchlich waren meist Seile von
mehreren Metern Länge, um die komplizierten Schnürungen durchführen
zu können. Im Feld und auf Kriegszügen, also nicht bei speziell dafür
vorbereiteten Justizbeamten, griffen die Samurai häufig auch auf
andere Arten von Bindungen zurück. Seile gehören zwar zur Ausrüstung
der Krieger, um im Feldlager Pferde und Gepäck zu sichern, Unterstände
zu errichten, als Kletterhilfe usw. Auf dem Schlachtfeld, wenn ein
Gefangener gemacht werden sollte, konnte es jedoch dazu kommen, daß
ein solches Seil nicht greifbar war. Als Alternative nutzte man alles
was sich binden ließ und in direkter Reichweite war. Hier konnte der
Obi (traditioneller Stoffgürtel) des Opfers, das Sageo des Schwertes,
das Zaumzeug eines getöteten Pferdes oder die Haltebänder der
gegnerischen Rüstung zum Einsatz kommen um einen Gefangenen unter
Kontrolle zu halten.
Neben
der Länge spielte auch das Material der Schnur eine Rolle. Seile aus
Hanf oder Leinen eignen sich vorzüglich um Knoten zu halten und
schneiden sich bei Fluchtversuchen in die Haut des Gefesselten. Seide
hat hingegen die Eigenschaft schlüpfriger zu sein und auch nicht so
gut die Festigkeit seiner Knoten zu gewährleisten.
Einige der Hojo jutsu Methoden waren eher Wickeltechniken als
geknotete Bindungen, wobei die Verbindung der einzelnen Schlingen und
die Kontrolle des Kriegers über die freien Enden des Seils den festen
Sitz der Fesselung garantierte. Besonders hier wären die rutschigen
Seidenschnüre unvorteilhaft gewesen.
Einige
Quellen sprechen auch von der Verwendung farbiger Seile in
historischen Zeiten. Speziell in der Tokugawa-Periode sind von
Polizeieinheiten unterschiedlich farbige Schnüre benutzt worden.
Vier
Farben spielten im Hojo jutsu eine Rolle. Weiß – zur Fesselung von
gewöhnlichen Kriminellen, Blau - zum Sichern von gefährlichen Straftätern,
Violett – bei hochrangigen Samurai und Schwarz – bei Kriegern der
unteren Ränge. Die Auslegung der Farben änderte sich mit den Zeiten
und am Ende der Tokugawa-Ära waren nur noch die Farben blau und weiß
in Verwendung.
Die
Bedeutung der Farben soll auf die traditionelle, chinesischen
Farbenlehre mit ihrer
Zuordnung auf die Himmelsrichtungen und ihre heiligen Wächter zurückgehen.
Dabei entspricht Schwarz dem Norden mit der schwarzen Schildkröte als
Symbol, Blau dem Osten mit dem blauen Drachen, Rot dem Süden mit dem
roten Phönix und Weiß dem Westen mit dem Wächtertier eines weißen
Tigers.
Unabhängig
welcher Schule der Krieger auch angehörte und welchen Grad der
Ausbildung er innehatte - Hojo jutsu folgte stets 4 hauptsächlichen
Regeln:
1)
Dem Gefangenen darf kein Entkommen aus seinen Fesseln gelingen.
Dieser
Punkt ist außer Frage der praktische Teil der Regeln. Er besagt, daß
jede Bindung so effektiv sein muß, daß dem Gefangenen keine Chance
gegeben wird seine Fesseln zu entschlüpfen.
2)
Dem Gefangenen dürfen keine physischen oder psychischen Schäden
zugefügt werden.
Hojo jutsu ist die Kunst des Fesselns und nicht der Folter! Ziel war
es nicht den Gegner zu quälen sondern ruhig zu stellen. Im
Allgemeinen galt unter traditionellen Kriegern eine Art Ehrenkodex,
nach dem man selbst starke Feinde für ihre Leistung in Strategie oder
Kampf achtete und ihnen selbst bei Gefangennahme die Ehre nicht
versagte. Krieger handeln aus anderen Beweggründen als Henker oder
Folterknechte.
3)
Kein Uneingeweihter darf die Techniken kennen.
Die
Geheimhaltung der Techniken einer Schule hat keinen verschwörerischen
Hintergrund. Die Gründe sind eher praktischer Natur. Jede Kenntnis
der Geheimnisse einer Schule ermöglichte es Außenstehenden
Gegentechniken zu entwickeln oder die Schwachpunkte zu finden. Dies
gilt für das Hojo jutsu ebenso wie für die waffenlosen Künste oder
den Schwertkampf. Im Hojo jutsu führte es sogar dazu, daß
Strafgefangenen, die über die einzelnen Provinzgrenzen transportiert
wurden, vor den Grenzpunkten die Fesseln abgenommen worden. So konnten
die Beamten der benachbarten Provinzen keine Rückschlüsse auf die
Techniken der eigenen Systeme oder Ryu
ziehen (meist waren bestimmte Schulen auf lokale Gebiete
beschränkt).
4)
Die Bindungen sollten den Regeln entsprechen und ästhetisch aussehen.
Dies
betrifft nicht nur die optische Seite der Kunst. Gutes Aussehen
bedeutet im Hojo jutsu auch korrekte Ausführung der Fesselung und
damit verbunden eine effektive Technik. Wie bereits weiter oben
beschrieben, war auch die zu sichernde Person bei der Wahl der Bindung
zu berücksichtigen. Selbst ein Gefangener war noch ein Mitglied der
Gesellschaft und somit Teil des historischen Ständesystems. Dem
entsprechend mußte z.B. ein Angehöriger des Samurai-Standes auch als
solcher behandelt werden und ein „gepflegtes Erscheinungsbild“ gehörte
nun einmal dazu...
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Nawa
waza
Fesselungstechniken der Ittatsu-ryu |
Ittatsu
ryu
Unter
den Schulen, welche Hojo jutsu in Ihre System integrierten, soll hier
die von Matsuzaki Kinzaemon gegründete Ittatsu ryu aus dem 17. Jhdt.
Beispiel sein. Die Ryu ist Bestandteil der Shindo muso ryu, und war über
Generationen Bestandteil der Ausbildung des Kuroda-Clans in Kyushu.
Die Ittatsu ryu benutzt ein Seil von 5m Länge mit einem Durchmesser
von ca. 4 mm.
Speziell
die Sicherheitskräfte und Krieger der Familie Kuroda wurden in diesem
System in der Fesselung und Sicherstellung von Gefangenen unterwiesen,
was in Form von 25 Kata überliefert wurde. Diese Methoden wurden in 3
Stufen eingeteilt und sind wie folgt beschrieben:
Ge
(untere Stufe)
Ichimonji
haya nawa
Hagai
tsuke haya nawa
Hitoe hishi nawa
Shin hagai tsuke nawa
Ya
hazu nawa
Sumi
chigai nawa
Shin
tombo nawa
Happo
karami nawa
Yagura
hishi nawa
Chu
(mittlere Stufe)
Hishi haya nawa
Hishi nawa
Jumonji nawa
Bajo hagai tsuke nawa
Tombo nawa
Shin futae hishi nawa
Shin kiko nawa
Yagura hishi nawa
Jo (obere Stufe)
Jumonji haya nawa
Jumonji nawa
Futae hishi nawa
Kiko nawa
Age maki nawa
Shin hagai tsuke nawa
Munawari hitoe hishi nawa
Kiri
nawa
Script:
Ulf Lehmann
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