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| Ichi-no-tani Japanische Geschichte - Teil 19
Ichi-no-Tani Eigentlich war Ichi-no-Tani nur die westliche Festung, die
den Zugang nach Fukuhara sicherte. Die Taira hatten ihren Stützpunkt
an einer Stelle errichtet, die sehr zum Vorteil des Clans mit der
Seefahrertradition gereichte, denn bei Fukuhara umrahmte die Steilküste
einen schmalen Landstreifen. Die Klippen bildeten dabei die Nordseite
der Festung, während sie nach Süden hin zum Meer offen war. Zugang
war nur über den Strand auf Ost- und Westseite möglich, den die
Taira durch Palisaden abgesichert hatten: Ikuta-no-Mori im Osten und
Ichi-no-Tani im Westen. Der Plan der Minamoto war, daß Noriyori mit der
Hauptstreitmacht (Oote) von Osten entlang der Küste gegen
Ikuta-no-Mori zog, während Yoshitsune mit der Nachhut (Karamete)
einen Bogen durch die Provinz Settsu machte, um einen gleichzeitigen
Angriff von Westen auf Ichi-no-Tani zu starten. Wenn die Angriffe präzise
und überraschend ausgeführt würden, sollte es möglich sein, durch
die Stellungen der Taira zu brechen, noch bevor sie überhaupt die
Chance hätten, mit dem Kaiser auf die offene See zu fliehen. In der
Nacht des 18. März überrannten Yoshitsune’s Truppen Mikusayama,
einen Außenposten der Taira, etwa 50km nördlich von Ichi-no-tani.
Danach übertrug Yoshitsune jedoch das Kommando seiner Streitmacht an
Doi no Sanehira, der die Truppen entsprechend des Planes führen
sollte, während Yoshitsune mit einer kleinen Gruppe eingeschworener
Krieger direkt in Richtung Süden auf die Klippen zuhielt. Von Würde und Zeugen Die mittelalterlichen Kriegsgeschichte enthalten viele
Begebenheiten, in denen es um „würdige Gegner“ (yoki kataki) oder
im Gegensatz dazu, um „unwürdige“ (awanu kataki) geht. Für einen
Krieger war der Kampf gegen hochrangige Gegner erstrebenswert, doch es
war ebenso wichtig, daß jemand diesen Kampf bezeugen konnte. So sind
in den Kriegsgeschichten zahlreiche Referenzen zu solchen Zeugen (Shounin)
und ihrer Notwendigkeit zu finden. So berichtet Heike Monogatari von
zwei Kriegern, Kumagai no Naozane und Hirayama no Sueshige, beides
Sinnbilder des östlichen (Bandou) Kriegers, die beim Angriff der
Minamoto auf den westlichen Zugang, Ichi-no-Tani, um die Führung
streiten. (Zuweilen ist auch der Name „Kumagae“ anstelle von „Kumagai“
zu finden, da dies alternative Lesungen der selben Kanji sind. Anm.d.A.).
Der niedrige Status der beiden Männer wird beim Vortrag
ihres Nanori (Namenrufen) deutlich, da sie nichts weiter zu berichten
haben, außer daß sie aus der Provinz Musashi stammen. Kumagai no
Naozane bemerkte: „Selbst wenn er nichts macht, erwirbt ein Anführer
(Daimyo) Ehre durch die Heldentaten seiner Vasallen (Kenin). Aber wir
Vasallen haben uns die Reputation selbst zu verdienen.“ Das
japanische Wort für einen Anführer, Daimyo, bedeutet wörtlich „großer
Name“ und wurde in den späterer Zeit zur üblichen Bezeichnung für
Militärführer, die ein gewisses Territorium kontrollierten und eine
große Gefolgschaft von Vasallen besaßen. In der Heike Monogatari
wird mit Daimyo jedoch noch ein Offizier bezeichnet, der mindestens
500 Reiter kommandierte. Das Gegenteil von „Daimyo“ ist „Shoumyou“
(kleiner Name). Shoumyou sind Krieger ohne eigene Vasallen, die den
„realen Kampf“ selbst zu führen haben, Leute wie Kumagai und
Hirayama. Beide tauchten schon nach der Kampagne gegen den Satake-Clan
in Hitachi im elften Monat des Jahres 1180 auf, als sie von Yoritomo
persönlich belohnt wurden. Im Azuma Kagami heißt es: „Von den
Kriegern [die gegen die Satake kämpften], haben sich besonders
Kumagai Jirou no Naozane und Hirayama no Musha-dokoro Sueshige
hervorgetan. Immer in vorderster Front kämpfend, bestritten sie eine
Begegnung nach der anderen ohne an Leben oder Tod zu denken und
sammelten viele Köpfe. Dementsprechend wurde angeordnet, daß sie großzügiger
belohnt werden sollten als ihre Kameraden.“ Viele Kommentatoren haben darauf hingewiesen, daß bei dem
Streit um die Führung bei Angriffen oft nur sehr wenig erreicht wurde,
obwohl im Azuma Kagami berichtet wird, daß Naozane und Sueshige bei
der Satake-Kampagne viele Köpfe nehmen konnten. Bei vielen anderen,
wenn nicht gar bei den meisten Wettläufen werden die Krieger kaum
mehr erreicht haben, als sich selbst in unnötige Gefahr zu bringen.
Und diejenigen, die den Angriff anführten, begannen den Kampf oft gar
nicht sofort, sondern warteten, bis andere ihrer Armee erschienen, um
als Zeugen zu dienen. Einige dieser Aktionen erfolgten sogar gegen den ausdrücklichen
Befehl ihrer Kommandanten. So wird in einer Passage der Heike
beispielsweise Minamoto no Noriyori zitiert, wie er vor der Schlacht
von Ichi-no-Tani sagte, daß „es keine Belohnung geben wird für
Krieger, die nach vorn zum Angriff stürmen und die Armee hinter sich
zurücklassen.“ Doch Kajiwara no Kagetaka ignorierte die Weisung und
stürmte mit lautem Kriegsgeschrei voran. Kagetaka's Vater, Kajiwara
no Kagetoki ergriff die Angst, daß sein Sohn getötet würde und stürzte
mit den 500 Reitern seines Kommandos hinterher. In dem entbrennenden
Gefecht wurden alle bis auf fünfzig aufgerieben. Eröffnung der Schlacht In der Nacht vor dem Angriff entschied auch Kumagai no
Naozane dem Befehl seines Kommandanten nicht zu folgen und als Erster
gegen die Taira zu ziehen. Er ahnte, daß auch sein Kamerad Hirayama
no Sueshige auf diesen Gedanken gekommen war, da beide „den
Massenangriff (uchikomi no ikusa) nicht mochten, bei dem der einzelne
Krieger in der Menge untergeht“. Also schlich sich Naozane in der
Nacht aus dem Lager und machte sich auf den Weg zum Schildwall (Kaidate)
vor der Befestigung von Ichi-no-Tani. In der Dunkelheit der Nacht rief
er seinen Namen: „Hier sind Kumagai Jirou no Naozane und sein Sohn
Naoie, die Ersten (Senjin) bei Ichi-no-Tani.“ Doch von der Taira-Festung
drang nur Stille. Im Gegensatz zu den Ausführungen der Heike beschreibt das
Gempai Seisui Ki den Ablauf etwas anders. Darin forderte Naozane die
Taira zum Kampf und als die Antwort ausblieb, verspottete er die
Besatzung der Festung und nannte sie „Krieger ohne Ehre“. Doch die
einzige Antwort der Taira war ein Pfeilhagel, der Naozane zum Rückzug
zwang. Auch Hirayama no Sueshige erschien noch in der Nacht am
Strand. Er war von Narida no Gorou aufgehalten worden, der ihn darauf
hingewieß, sich nicht zu weit von seinen Zeugen zu entfernen. „Was
kann von einem einzelnen Krieger vollbracht werden, der in die
gegnerischen Horden eintaucht und dabei sein Leben läßt?“ Doch als
Sueshige anhielt, um auf seine Verbündeten zu warten, schoß Narida
an ihm vorbei, in der Absicht, selbst Erster bei Ichi-no-Tani zu sein.
Doch dieser Trick half nicht, da Hirayama das schnellere Pferd besaß,
ihn einholte und weit zurückließ. Naozane hatte ebenfalls vor dem
Problem gestanden, keine Zeugen zu haben, als er allein mit Sohn und
Standartenträger vor der Stellung der Taira stand. Zusammen mit
Sueshige diskutierte er lange die Notwendigkeit der Zeugen, als die
Gruppe das Morgengrauen erwarteten. Am Morgen wiederholte Naozane
seine Herausforderung „Wenn es Krieger der Heike (Taira) geben
sollte, die glauben, gegen mich antreten zu können, dann laßt sie
herauskommen und kämpfen. Kommt heraus und kämpft!“. Schließlich
öffnete sich das Tor und zwanzig Krieger kamen herausritten, der
Kampf begann. Naozane und Sueshige bezwangen einem nach dem anderen;
Naozane verlor sein Pferd und mußte ein anderes besteigen, Naoie
wurde von einem Pfeil am Bogenarm getroffen und ein anderer Pfeil fällte
den Standartenträger von Sueshige. Letztlich beanspruchten beide,
Naozane und Sueshige, Erste bei Ichi-no-Tani gewesen zu sein, Naozane
dafür, als Erster die Befestigung erreicht zu haben und Sueshige, der
den Angriff in die Festung anführte, als die Tore geöffnet wurden. Doch weder der Angriff auf die Westseite noch auf die
Ostseite konnten die Schlacht entscheiden. Der Sieg wurde durch die
wohl wagemutigste und bekannteste militärische Heldentat in der
japanischen Geschichte erreicht: der Abstieg über die Klippen von
Hiyodorigoe. Hiyodorigoe Als Yoshitsune mit seiner kleinen Streitmacht von nur etwa
200 Krieger die Klippen von Hiyodorigoe erreichten, sahen sie, daß
der Kampf bereits begonnen hatte. Die Schlacht tobte, doch keine Seite
konnte die Oberhand gewinnen. Unter den Anhängern von Yoshitsune war
auch Benkei, der einen Führer in der Gegend kannte. Dieser sollte
ihnen den Weg die steilen Klippen hinunter weisen. Es hieß, der Weg
sei so steil gewesen, daß es nicht einmal die Affen wagten,
hinunterzuklettern, also prüfte Yoshitsune den Pfad, indem er zwei
reiterlose Pferde vorausschickte. Eines schaffte den Abstieg
unbeschadet, das andere brach sich die Beine. Yoshitsune folgerte
jedoch, daß seine Männer besser als die Affen sein würden und somit
wagten sie das Unmögliche: „So steil war der Abstieg, daß die Zügel
des hinteren Reiters an Helm oder Rüstung seines Vordermannes stießen
und es sah so gefährlich aus, daß sie ihre Blicke abwendeten, als
sie hinunterritten.“ Doch als der Grund erreicht war, lag der
ungeschützten Rücken der Taira-Festung vor ihnen. Sie galoppierten
durch die Stellungen und setzten alles in Brand, was sie vorfanden.
Die Taira, völlig geschockt von dem überraschend aufgetauchten Feind
in ihrem Rücken, verloren all ihren Mut und versuchten in kopfloser
Panik hastig auf ihre Schiffe zu fliehen. Für die Zurückgebliebenen
sollte ein aussichtsloser Kampf um ihren eigenen Kopf beginnen. Der
Kaiser war jedoch bereits zu Beginn der Kämpfe auf ein Schiff
gebracht worden, so daß den Minamoto zumindest diese Beute verwehrt
blieb. Dieses Manöver war typisch für Yoshitsune, der sich durch Kühnheit,
Schnelligkeit und die fast unheimliche Gabe auszeichnete, die
Reaktionen des Feindes vorauszuberechnen. Teil dieser Taktiken war
auch, bedeutende Risiken einzugehen und sich dabei ohne zu zögern über
andere Befehlshaber hinwegzusetzten. Der Erfolg, den seine Aktionen
stets hatte, trug jedoch nicht unbedingt zu seiner Beliebtheit in den
oberen Rängen der Befehlshaber bei, wenn gleich ihn seine
Untergebenen nahezu vergötterten. Taira Tadanori Taira Tadanori galt als renommierter Krieger und
kühner Stratege, der die „beiden Wege von Bun und Bu“, die Wege
des Hofes und des Militärs zu meistern schien. Als Sieger der ersten
Schlacht am Uji (1180 gegen Minamoto no Yorimasa) und Überlebender
von Kurikara war es Tadanori, der die Verteidigung bei Ichi-no-Tani
anführte. Die historische Figur des Taira Tadanori war auch ein
bedeutender Poet. Er hatte bei Fujiwara no Shunzei studiert, einem der
führenden Meister seiner Zeit und sein Name wurde unsterblich durch
16 Gedichte, die in kaiserlichen Anthologien aufgenommen wurden. Als
die Taira 1183 Kyoto verließen, kehrt Tadanori zu Shunzei's Haus zurück
und überreichte ihm eine Schriftrolle mit über 100 Gedichten. Er bat
Shunzei, sie für eine Anthologie in Betracht zu ziehen. Tadanori
glaubte, daß der Hof Shunzei beauftragen würde, eine solche
zusammenzustellen, sobald wieder Frieden im Land herrschen würde. Um
die außergewöhnliche Ehre wiederzugeben, die mit der Aufnahme eines
Gedichtes in einer kaiserlichen Anthologie verbunden war, sagte
Tadanori, daß er „selbst im Grabe Freude verspüren und als
Shunzei's Schutzpatron wiederkehren würde“, wenn auch nur ein
Gedicht ausgewählt würde. Und tatsächlich erhielt Shunzei der
Auftrag für einen Gedichtsband, dem Senzaishuu, den er 1187
fertigstellte. Und auch eines der Gedichte von Tadanori ist enthalten,
allerdings war Tadanori zu diesem Zeitpunkt ein „Feind des Hofes“,
darum schrieb Shunzei „Verfasser unbekannt“ unter das Gedicht. Als Okabe no Tadazumi, ein Samurai der Minamoto, Tadanori bei
seiner Flucht erblickte, setzte er in vollem Galopp zur Verfolgung an,
um die noble Beute zur Strecke zu bringen. Als Tadanori ihn bemerkte,
drehte er sich um und rief „Wir sind Freunde! Wir sind Freunde!“
Doch Okabe bemerkte, daß der vorgebliche Freund die unmännliche höfische
Sitte übernommen hatte, seine Zähne schwarz zu färben und somit unmöglich
ein Minamoto, sondern ein Taira war. Als Okabe die Taira erreichte
stoben die Begleiter von Tadanori, die nur Kari-musha (zeitweilig
rekrutierte Soldaten) waren, in wilder Flucht davon. Doch Tadanori, so
berichtet Heike Monogatari besaß große Kraft. Nachdem er Okabe
mehrmals mit dem Schwert treffen, die Rüstung jedoch nicht
durchschlagen konnte, packte Tadanori seinen Gegner und war kurz davor,
ihn zu enthaupten, als ein Diener von Okabe auftauchte und ihn mit
einem kräftigen Hieb am rechten Arm verwundete. Tadanori erkannte, daß
dies sein Ende war und sandte noch ein Gebet an Amida Buddha und bat
um seine Wiedergeburt im reinen Land, bevor sein Kopf die Schultern
verließ. Okabe no Tadazumi war sich zwar bewußt, einen „würdigen
General“ (yoi Tai-Shougun) getötet zu haben, doch die genaue
Identität war ihm noch unklar. Bei der Untersuchung der sterblichen
Überreste fand Tadazumi jedoch ein Gedicht am Pfeilköcher, dessen
Unterschrift den General als Taira Tadanori auswies. Okabe steckte den
erbeuteten Kopf auf sein Schwert und begann seine Siegesproklamation.
Unter den Anwesenden, ob Freund oder Feind war niemand, der keine Tränen
vergoß, als er vom Tode Tadanori’s hörte. „Wie traurig. Er war
eine Person, die auf den Wegen des Militärs und auf den Wegen der
Poesie wandelte, ein General, den man schmerzlich vermissen wird.“ Taira Atsumori Auf einem anderen Teil des Strandes ereignete sich eine
andere berühmte Geschichte der Heike Monogatari, die vom Tod des
jungen Taira-Generals Atsumori durch die Hand des rauhen Bandou
Kriegers Kumagai no Naozane handelt. Getrieben vom unstillbaren Verlangen, Ehre zu erlangen, indem
er würdige Gegner besiegt, ritt Kumagai no Naozane nach der
Niederlage der Taira zum Strand. Er hoffte einen General unter den
Taira zu entdecken, die in kopfloser Panik zu ihren Booten flohen. Die
Situation auf den Booten war jedoch sehr ernst, einige waren bereits
gesunken, nachdem Heerscharen von schwer gepanzerten Kriegern
einzusteigen versuchten. Also wurde die Entscheidung getroffen, nur
„würdige Krieger“ (yoki musha) an Bord zu lassen. Die
niederrangigen Krieger wurden mit Schwertern und Naginata auf Abstand
gehalten und einigen, die es dennoch versuchten, waren bereits die
Arme abgeschlagen worden. Vom Strand aus beobachtete Naozane das
Treiben und entdeckte einen Krieger mit reich dekorierter Rüstung,
die den Träger als hochrangigen Offizier auswies. Naozane forderte
ihn unverzüglich heraus. Er rief dem Krieger zu, er solle nicht vor
dem Feind davonlaufen, sondern zurückkehren und kämpfen. Ohne zu zögern
drehte dieser um und stellte sich der Herrausforderung. Doch Kumagai
erwies sich als der Stärkere, warf seinen Gegner vom Pferd und sprang
auf ihn, um seinen Kopf zu nehmen. Doch als Naozane den Helm des
Kriegers entfernte, um ihn zu enthaupten, blickte er in das Gesicht
eines 16-jährigen Jungen, gepudert und die Zähne geschwärzt, wie es
höfische Sitte war. Die Reaktion von Naozane war zwiespältig:
einerseits übermannte ihn das Mitgefühl, da ihn die Jugend und Schönheit
des Jungen an seinen eigenen Sohn erinnern, der beim Angriff auf die
Palisade verwundet worden war; andererseits ergriff ihn tiefe
Ehrfurcht angesichts der höfischen Eleganz und Aufmachung. Er war schon kurz davor, den Jungen laufen zu lassen, als er
sah, daß von rundumher Krieger der Minamoto auf sie zuströmten und
Naozane wußte, daß diese keine Gnade zeigen würden. Heike
Monogatari schreibt: „’Wenn Du schon sterben mußt, dann laß es
durch meine Hand geschehen. Ich werde dafür sorgen, daß Gebete für
deine Wiedergeburt abgehalten werden.’ Der junge Krieger erwiderte:
’In der Tat, wenn es so sein soll, dann nehme er meinen Kopf sofort.’
Und so nahm Kumagai, gerührt und geblendet von Tränen, daß ihm die
Augen verschwammen und seine Hand zitterte, daß er kaum wußte, wie
er mit der Klinge schlagen solle, den Kopf des jungen Taira.“ Naozane's Verhalten in der Gegenwart von
Atsumori, den er kaiserlichen Höflingen gleichstellt, zeigt auch, wie
weit die Taira das höfische Leben übernommen hatten. Es ist auch ein
ausgezeichnetes Beispiel, wie einfache Krieger dieser Zeit mit
Mitgliedern des Kaiserhofes gesprochen haben könnten, mit Personen,
die von ihrem sozialen Standpunkt aus gesehen buchstäblich „über
den Wolken“ schwebten. Um Atsumori anzusprechen, benutzt Naozane die
respektvollste Sprache zu der klassisches Japanisch fähig ist - und
klassisches Japanisch ist ausgesprochen reich in dieser Hinsicht.
Atsumori hingegen spricht mit Naozane, wie ein Herr mit seinem Diener.
Als Atsumori das Nanori von Naozane vernahm und dieser die Vorstellung
seines Gegners erwartete, erwiderte Atsumori: „Nun, es gibt keinen
Grund für mich, meinen Namen einer Person wie deinesgleichen
anzusagen. Laß es einfach darauf beruhen, daß ich ein würdiger
Gegner (guter Fang) bin.“ Später entdeckte Naozane in einem Brokatbeutel am Gürtel
des jungen Taira eine Flöte und ein Schwall von Mitleid überkam
Naozane, als er erkannte, daß es das Flötenspiel von Atsumori war,
dem er im Morgengrauen vor der Festung gelauscht hatte. Keiner der „zehntausend
Reiter“ der Minamoto hätte eine Flöte auf die Expedition
mitgenommen. Naozane bemerkt später: „Es gibt nichts
schmerzlicheres als das Leben eines Mannes von Bogen und Pfeil. Wenn
ich nicht in das Haus eines Kriegers (Bugei) geboren worden wäre, hätte
ich diese unglückselige Erfahrung nie machen müssen. Die Qual, ihn
so kalt zu töten.“ Das ist eine eindruckvolle Erklärung gegen die
Grausamkeit des Kriegshandwerkes und die Passage ist um so
beeindruckender, da sie von einem niederrangigen Krieger stammt,
dessen ganzes Leben praktisch aus Kampf und Töten bestand. Auch wenn es nicht in der Heike niedergeschrieben ist, so ist
in anderen Geschichten überliefert, daß sich Naozane später einem
religiösen Leben widmete. Nach dem Gempai-Krieg soll er die Tonsur,
das buddhistische Gelübte abgelegt und seine Weisungen direkt von
Hounen, dem Gründer der Sekte des „reinen Landes“ erhalten haben.
Historisch ist nachweisbar, daß Naozane sein Gelübte 1192, sieben
Jahre nach Ende des Gempai-Krieges ablegte. Der wahrscheinlichste
Grund für diesen Sinneswandel war jedoch die Frustration wegen eines
langanhaltenden Streits um Landbesitz. Doch in den Geschichten ist das
Versprechen, sich um die Seele von Atsumori zu kümmern, der Grund für
Naozane, ein Priester zu werden. So ging Naozane in die Geschichte ein,
um als Mönch Rensei in dem Nou-Stück „Atsumori“ aus der
Muromachi-Zeit wieder aufzuleben, der die Stelle der Schlacht von
Ichi-no-Tani besucht, um für Atsumori zu beten. Wenn gleich Atsumori nur einen kurzen Auftritt in der Heike
Monogatari hat, ist er doch ein denkwürdiger Charakter. Er ist mit
seiner Eleganz ein Symbol für die Ise-Taira, die den Hofadel als führende
Elite des Landes während des tumultvollen Überganges zum Mittelalter
verdrängten und nun ihrerseits vom Schwertadel der Provinzen verdrängt
wurden. Atsumori war, schon wegen seiner Jungend, vermutlich nicht
sonderlich stark und kein ernstzunehmender Gegner für den
kampferprobten Naozane, wenn auch im Gempai Seisui Ki berichtet wird,
daß Atsumori einen guten Kampf lieferte. Dennoch, indem sich Atsumori
der Herausforderung stellte, offenbarte er ungewöhnlichen Edelmut.
Die Heike ist zwar voll von Heldentaten, doch nur wenige konnten sich
einer Bewunderung erfreuen wie Atsumori. Dies liegt wahrscheinlich
daran, daß sein Kampf eher eine noble aber bedeutungslose Geste war;
der Höfling opfert sich selbst dem ungestümen Krieger, der dabei
war, seine Welt zu überrennen. Taira Shigehira Als Sohn von Kiyomori, war der historische Shigehira einer
der fähigsten Generäle der Taira, auch wenn dies in der Heike
Monogatari nicht zum Ausdruck kommt, da sich dieses Werk weit mehr auf
die Überlegenheit der Minamoto konzentriert als auf die Siege der
Taira während des Gempai-Krieges. So sind einige Erfolge von
Shigehira nicht einmal erwähnt, andere werden Verwandten zugeschlagen.
Shigehira wurde zum meist-gehaßten Taira
nach Kiyomori, da man ihn für die Niederbrennung der bedeutendsten
Tempel in Japan, Toudai-ji
und Koufuku-ji in Nara 1180 verantwortlich machte. Für die Menschen,
die damals glaubten, in der Zeit des Mappou, des Niedergangs der Welt
zu leben, war die Zerstörung der Tempel, die vom Kaiserhaus und den
Fujiwara beschirmt wurden, das Symbol für die Zerstörung der
japanischen Nation selbst. Heike zitiert die angeblichen Worte von
Kaiser Shoumu, dem Erbauer des Toudai-ji: „Wenn mein Tempel gedeiht,
dann gedeiht das Reich, wenn mein Tempel untergeht, wird auch das
Reich untergehen.“ Und Heike kommentiert weiter: „Und es scheint
somit, daß das Reich dem Untergang geweiht ist.“ Nach der Niederlage bei Ichi-no-Tani versuchte auch Shigehira,
die rettenden Boote zu erreichen, er wurde jedoch aufgehalten und
lebend gefangen genommen, ein höchst unübliches Vorgehen.
Shigehira's Gefangennahme resultierte hauptsächlich aus der Feigheit
eines Verbündeten. Nur wenige namentlich erwähnte Krieger der Heike
sind als Feiglinge gebrandmarkt, während die große Mehrheit der
Krieger in den Geschichten Mut und manchmal sogar außergewöhnliche
Tapferkeit zeigten. Shigehira wurde zum Verhängnis, von seinem
Stiefbruder Morinaga begleitet worden zu sein. Beide ritten zu den
Booten als Shigahira's Pferd von einem Pfeil getroffen wurde, ein Glückstreffer
aus beachtlicher Distanz, doch seine Flucht war damit zunächst
gestoppt. Morinaga ignorierte jedoch die Rufe von Shigehira und fürchtete
wahrscheinlich, daß dieser sein Pferd beschlagnahmen würde, so daß
er die verräterischen Abzeichen auf seiner Rüstung verbarg und so
schnell wie möglich davonritt. Man nannte ihn daraufhin eine „ehrlose
Person“. Alleingelassen, versuchte Shigehira sich zu ertränken,
doch das Wasser war zu seicht. Also zog er seinen Dolch und wollte
sich damit töten, doch seine Verfolger hatten bereits aufgeschlossen
und nahmen ihn gefangen. In den meisten Fällen wurden die Gefangenen
sofort exekutiert und ihre Häupter zusammen mit den anderen bei der
traditionellen Inspektion der Köpfe ausgestellt. Hochrangige
Gefangene hatten jedoch oft eine öffentliche Demütigung vor ihrer
Hinrichtung zu erleiden. Shigehira sollte allerdings eine weit längere
Gefangenschaft erdulden. Ausgetragen im zweiten Monat des Jahres 1184 an der Küste der Inlandsee markiert die Schlacht von Ichi-no-Tani die erste große Niederlage der Taira seit ihrer Flucht aus Kyoto ein Jahr zuvor. Zehn der näheren Verwandten von Kiyomori wurden getötet, einer gefangen. Der einzige Hoffnungsschimmer war die gelungene Flucht des Kaisers Antoku nach Yashima, der Taira-Basis auf Shikoku. Script: Stephan Henker |