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| Kamae Position in den Kriegskünsten Die Schwerthaltung als das Allerwichtigste zu betrachten ist
eine falsche Denkweise. Im Grunde gibt es „Haltung“ nur solange
kein Gegner da ist. Trotz des Ausspruches von Musashi gelten sie als eine der bedeutendsten Elemente klassischer Kriegssysteme - die Kampfhaltungen (Kamae), wie sie bei vielen japanischen Schulen vorkommen und geübt werden. Kamae sind Körperhaltungen, die traditionell tiefe Bedeutungen haben, von vielen modernen Kampfsportarten jedoch vernachlässigt oder ganz abgelehnt werden. Warum wurden spezielle Körperhaltungen in den klassischen
Kriegskünsten entwickelt? Absicht: Jeder Kampfhaltung liegt eine Absicht
zugrunde, welche die äußere Form bestimmt. Die Positionen sind dafür
bestimmt eigene Angriffe vorzubereiten oder auf gegnerische Attacken
vorbereitet zu sein. So haben sie neben ihrem aggressiven auch einen
defensiven Charakter. In den Schwert- oder Stockkampfsystemen hat z.B.
die allgemeine Chudan no kamae (Position der mittleren Stufe) mehrere
Aufgaben. Sie deckt den eigenen Körper gegenüber einem Gegner durch
die eigene Waffe, fungiert als Ausgangspunkt für Stich- und
Abwehraktionen und kann ebenso als Drohgebärde oder Bedrängung eines
Feindes durch die Stock oder Klinge gesehen werden. Ähnliche
Funktionen lassen sich auch auf alle anderen Kamae übertragen. Eine Möglichkeit
der Kamae beinhaltet auch, aggressive Gegenspieler zu Angriffen zu
verleiten, bzw. den gegnerischen Angriff bewußt zu steuern.So kennt
man in den waffenlosen Künsten, wie etwa im Karate do spezielle Kamae,
die ganz absichtlich Schwachpunkte in der eigenen Deckung bieten, um
einen Gegner zum Angriff zu ermutigen (Ryoken koshi kamae in Heian,
Ryowan kamae in Unsu [Shotokan]). Eine ähnliche Absicht könnte man
auch im Fechten Jodan no kamae zuschreiben, wo man bewußt den Torso
oder die Schwerthand als Angriffspunkt freigibt. Man bietet dem Feind
quasi eine Blöße um mit seiner geplanten Aktion reagieren zu können. Waffe: Natürlich hängt die Kampfposition auch von
der Art des Stils ab, dem man angehört. Die Wahl der Waffe
entscheidet mit ihrer Größe und ihrem technischen Einsatz ebenso über
die Kampfstellung wie über die Distanz (Maai), die man damit zum
Gegner aufbaut. Mit einem Tanto oder Katana kann man flexiblere Kamae
einsetzen als etwa mit einem Yari mit seiner enormen Länge. Ein
anderer Punkt der Wahl einer geeigneten Ausgangsposition beruht auf
der Bewaffnung des Gegners. Ist er unbewaffnet, trägt er ein Schwert
oder einen Speer, wie wirkt sich dies auf die Distanz aus, wie muß
ich auf diese Angriffe reagieren etc. Kulturelles Umfeld: Ein wichtiger Punkt in der Betrachtung der Kampfstellungen sind seine zeitgeschichtlichen Hintergründe. Viele der Schwertstellungen der alten Schulen wurden vor allem durch die damalige Militärtechnik beeinflußt. Die Kamae sind auf den Gebrauch im Schlachtfeld ausgerichtet und so spielt z.B. der Aufbau einer mittelalterlichen Samurairüstung eine große Rolle auf die Bewegung seines Trägers. Verschiedene Teile dieser Rüstungen, wie Schulterplatten (Sode), Helmzier (Kuwagata) oder dessen ausladender Nackenschutz (Shikoro) lassen nur bedingt Ausholbewegungen oder Bereitschaftsstellungen zu, ohne sich im Kampf selbst zu behindern. So entstanden verschiedene Versionen, wie sie beim Schwertkampf speziell für den Einsatz im Kriegsfalle entwickelt wurden (Hasso kamae gegenüber Jodan kamae). Ähnliche Hintergründe hat auch der Ausholprozeß (Furikaburi) des Schnittes in einigen Ryu, der bestimmt wie weit die Klinge über dem Kopf zurückgezogen wird. Meist sind es ältere Schulen, die noch zu Zeiten der Clankriege (bis ins 17. Jhdt.) entstanden, die eine sehr steile (Shinkage ryu) oder eine seitlich des Kopfes gezogene (Katori shinto ryu) Bewegung bevorzugen, um Behinderungen durch die Rüstung zu umgehen. Aber auch in der heutigen Zeit unterliegen bestimmte Kamaeformen noch dem „Zeitgeist“. Einige klassische Jiu jutsu oder Karate-Systeme arbeiteten mit Kamaeformen, die sehr geschlossen und defensiv waren (Formen von Nekoashi dachi [Katzenfußstellung]) und somit auch eine optimale Verteidigung aller Körperteile ermöglichten. Im Zuge des modernen Sportes und seines Reglements wurden bestimmte Körperteile, wie Genitalbereich oder Knie, für tabu erklärt, was sich auch auf die Kampfposition auswirkte. Moderne Kamae sind eher offene, weite Stellungen, die sich vor allem bei Konfrontationen gegen bewaffnete Angreifer sehr nachteilig auswirken, da Hände und Knie so sehr anfällig gegen Attacken sind. Script: Ulf Lehmann |