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| Die Schulen des Ostens und der Kashima- Schrein Die
Zeit der Götter Die
Legende erzählt, daß die Sonnengöttin Amaterasu Okami die beiden Götter
Takemikazuchi no kami und Futsunushi no kami aussandte um Japan zu
einigen und Frieden über das Land zu bringen. Beide Götter waren Brüder,
denen hohes kriegerisches Geschick nachgesagt wurde und welche in der
Kunst des Schwertkampfes bewandert waren. Wegen diesen Eigenschaften
wurden sie von den Menschen als Garant des Friedens und Förderer der
kriegerischen Künste verehrt. Wie
die Legende weiter erzählt, unterstützte Takemikazuchi no kami später
den ersten Kaiser Japans, Jinmu Tenno, bei seiner militärischen
Mission, die einzelnen japanischen Sippen zu einem großen Volk zu
vereinen und die Barbaren zu bezwingen. Auf der Höhe seiner Macht kürte
sich Jinmu Tenno selbst zum Herrscher Japans und legte damit den
Grundstein zum ältesten heute noch bestehenden Kaiserhaus der Welt.
Nach der Vollendung ihrer Aufgaben und ihrer
Wanderung durch ganz Japan ließen sich Takemikazuchi no kami
und Futsunushi no kami im Osten des Landes, in der Nähe des
Pazifischen Oeans nieder. Die Menschen errichteten ihnen dort in den
Shinto-Schreinen von Kashima und Katori einen Ort der Verehrung,
welche heute mit zu den ältesten religiösen Bauwerken Japans zählen.
Das Jahr 660 v.Chr. gilt als Gründungsdatum des Kashima-Schreins (Kashima
jingu) und wird in den japanischen Analen ebenso als Beginn der
kaiserlichen Dynastie angegeben (18 Jahre später, 642 v.Chr. Katori
jingu). Die ersten nachweisbaren, historischen Belege der Schreine
(672) stammen jedoch erst aus der Zeit des Kaiser Tenji (668 – 672
Reg.zeit), also fast 1000 Jahre später. Seit
Alters her gab es eine starke Bindung zwischen Kaiserhaus und Schrein.
Durch die göttliche Unterstützung Takemikazuchi no kamis für Jinmu
Tenno fühlte sich die Dynastie verpflichtet, dem in Kashima
residierenden Gott ihre persönliche Aufwartung zu machen. So reisten
kaiserliche Gesandte aus Kyoto in regelmäßigen Abständen nach
Kashima im Osten um dem Gott zu huldigen (diese Reiseroute bildete den
Ursprung der historischen Tokaido-Straße). Einer derart hohe Ehrung
durch den Tenno können sich nur 17 von ca. 80.000 Schreinen Japans rühmen
(Chokusai sha). Während
der Nara- (710-794) und Heian-Zeit (794-1185) wurde der Kashima jingu
nach alter Tradition alle 20 Jahre wieder neu aufgebaut (Shikinen
sengu), ein zeremonieller Ausdruck der Erneuerung und Reinigung des
Andachtsplatzes und der Kraft der verehrten Gottheit (dieses Ritual
wird noch heute im Schrein von Ise praktiziert). Bereits
seit frühester Zeit galt der Kashima jingu als einer der
Hauptschreine Ostjapans. So wurde er neben dem Kaiserhaus auch von
anderen bedeutenden Familien aufgesucht und verehrt. Insbesondere die
Fujiwara, die mächtigste Adelsfamilie des frühen Japans, wählte
Kashima als ihren Familienschrein und unterstützten ihn über viele
Jahrhunderte. Sie waren so einflußreich, daß fast alle Regenten
unter dem Kaiser von dieser Familie gestellt wurden (7. – 11. Jhdt).
Sie verheirateten ihre Töchter mit den Kaisern und nahmen starken
Einfluß auf Politik und kulturelle Entwicklung. Einen besseren Förderer
konnte sich der Kashima Schrein nicht wünschen. Als
Relikt und äußeres Zeichen der Anwesenheit des Gottes Takemikazuchi
no kami wurde im Kashima Schrein dessen Brustpanzer und Schwert
aufbewahrt. Die Artefakte schienen für einen Riesen gefertigt zu sein
- allein das Schwert hat eine Länge von 2,71 m. Es wird „Futsu no
mitama no tsurugi“ genannt und ist, wie sein Name schon sagt, eine
Waffe in der frühen Tsurugi-Form japanischer Schwerter, mit gerader
und einschneidiger Klinge von 2,25 m (7 Shaku, 3 Sun, 8 Sen). Das
Schwert wurde wahrscheinlich im 13. Jhdt. geschmiedet und gilt heute
als längste erhaltene Klinge von ganz Japan, welche den Status eines
Nationalheiligtums besitzt. Erst im Jahr 1956 wurde sie für die Öffentlichkeit
freigegeben und aus dem Dunkel des Schreins für die Besucher
hervorgeholt. Eine
enge Verbindung auf spiritueller und regionaler Ebene verbindet den
Kashima jingu mit dem Schrein von Katori (Katori jingu), welche ca. 15
km voneinander entfernt liegen. Seit alten Zeiten ähnelten sich beide
Schreine in Aufgabe und Bedeutung für die geistige Erbauung des
Kriegeradels und als Zentren religiöser Verehrung. Auch die in Katori
wohnhafte Gottheit Futsunushi no kami gilt als Hüter der militärischen
Künste und kriegerischen Tugenden. Man
findet beide Heiligtümer heute ca. 80 km nordöstlich von Tokyo
entfernt, in den Präfekturen Ibaraki und Chiba, dem äußersten Ausläufer
des alten Kanto-Gebietes. Die
Kanto-Region Der
Kanto umfaßt die große Ebene im östlichen Japan, welche die
historischen Provinzen Kozuke, Shimotsuke, Hitachi, Shimosa, Kazusa,
Awa, Sagami und Musashi umfaßte. Seit Alters her galt diese Region
als die Kornkammern Japans und war als Einflußbereich unter den Mächtigen
heiß begehrt. So prägten lang anhaltende Kriege und
Grenzstreitigkeiten die Region. In den Anfangszeiten des japanischen
Reiches, als sich der Einflußbereich der Yamato-Sippen noch nicht über
das ganze Gebiet der japanischen Inseln erstreckte, bildete die
Kanto-Region die Grenze zu den nordöstlich lebenden Emishi. Diese
Gruppe wurde von den Japanern als Barbaren angesehen, obwohl man heute
annimmt, daß sie der gleichen Volksgruppe angehörten und lediglich
wegen ihres Lebens in den abgelegenen östlichen Regionen, abseits von
allen kulturellen Strömungen der Hauptstämme im Zentrum der
japanischen Inseln, als Fremde angesehen wurden (Morris). Die
Befriedung der Barbaren dauerte bis 800 n.Chr. – als alle Emishi getötet
oder assimiliert waren. Während
dieser Zeit erlebten die Schreine von Kashima und Katori einen ersten
Aufschwung – nahe an der Grenze zu den Emishi, wurden sie beliebte
Zwischenstation für die Krieger auf ihrem Weg ins Feindesland. Hier
beteten sie um göttliche Unterstützung und Erfolg auf den Kriegszügen.
So entwickelten sich beide Schreine zu frühen Zentren kriegerischer
Kultur in denen Takemikazuchi no kami und Futsunushi no kami als
Gottheiten der Kriegskünste, des Schwerts, des Donners verehrt wurden.
Takemikazuchi galt außerdem als Beschützer vor Erdbeben, denn einige
Meter hinter seinem Heiligtum in Kashima befindet sich der Kanamei shi
– der heilige Stein, den der Gott auf das Haupt eines gigantischen
Welses legte, welcher der Legende nach die Katastrophen auslöst. Im
Zuge der Kriege gegen die Emishi bildete sich in der Kanto-Ebene eine
spezielle Gruppe von Kriegern heraus, die von den langjährigen
Gefechten mit den Barbaren eine neue Qualität an militärischen Fähigkeiten
entwickelte. Die alten Aufzeichnungen nennen diese Männer
Bando-Krieger („Bando“ entspricht dem Wort „Kanto“), deren
kriegerisches Können und deren Umgang mit Pferden unübertroffen war.
„Die angreifende Streitmacht bestand aus Bando-Kriegern, welche keinen Gedanken an Leben oder Sterben verschwendeten. Selbst wenn man ihre Kinder und Eltern niedermetzelte, schauten sie nicht zurück, obgleich man ihre Herren und Vasallen tötete, sie zollten dem keine Beachtung sondern ritten über ihre Körper hinweg - strebten immer nur vorwärts...“ Diese
Einstellung der Männer resultierte vor allem aus der Tatsache, daß
sich im Kanto-Gebiet die ersten professionellen Kriegerclans gebildet
hatten, aus denen später die Kaste der Samurai hervorgehen sollte.
Die Nähe zum Feindesland und das anhaltende Ringen um die fruchtbare
Heimatprovinz prägte die Männer und formte eine frühe Form von
Berufssoldaten mit einer eigenen Anschauung für Leben und Sterben.
Ihr Lebensinhalt war einzig und allein das Kriegshandwerk, während
die übrigen Provinzen Japans größtenteils Zivilisten zum Militärdienst
rekrutierten (Kari musha), deren eigentliches Interesse eher ihren
Familien und ihrem persönliche Wohlergehen statt dem Erfolg auf dem
Schlachtfeld galt. Im Gegensatz zu den Bando-Kriegern entstammten
diese Soldaten nicht einer engen Sippenverwandtschaft, waren
schlechter ausgebildet und hatten weniger Erfahrung auf dem
Schlachtfeld. Kein Wunder also, daß die Clans der Kanto-Region bis
ins hohe Mittelalter von den anderen Provinzen gefürchtet wurden und
als besonders blutrünstig galten. Die
Erben dieser Krieger brachten einige Jahrhunderte später, während
der Sengoku-Periode (1477 – 1600), eine Anzahl von berühmten
Schwertkämpfern (Kengo) hervor, die maßgeblich die japanischen
Kampfsysteme beeinflußten. Schrein
und Schwert Die
erste bedeutende Person, welche in enger Verbindung mit dem Schrein
und den Kriegskünsten stand, war Kuninazu no Mahito. Als Wächter und
Angehöriger des frühen Kashima jingu entwickelte er eine erste Form
von standardisierten Kampftechniken mit dem Schwert, welche als
Kashima no tachi (Schwert von Kashima) bekannt werden sollte. Der Überlieferung
nach erhielt er die Anweisungen für seine Techniken von Takemikazuchi
no kami persönlich und legte somit einen Grundstein für alle anderen
Stile, welche sich in späteren Jahrhunderten auf die Tradition von
Kashima berufen sollten. Wahrscheinlich war Kashima no tachi eine
erste Sammlung taktischer Verhaltensmuster für die kriegerische
Praxis aber noch keine komplexe Kampfmethodik im modernen Sinn (Ryu),
wie man es von den Kriegsschulen späterer Zeiten kannte. In
der Muromachi-Epoche (1338-1573) erlebte der Kashima-Schrein und die
Kanto-Region ihre militärische Blüte und brachten eine Vielzahl von
großen Schwertmeistern (Kengo) und Schulen hervor. „Die
Gottheiten, welche in Kashima verehrt wurden, beschützten die
tapferen Krieger und wurden von allen Menschen seit uralten Zeiten
sehr geschätzt. Seit Iizasa Yamashiro no kami Ienao, ein Bewohner von
Kashima, lehrte was er während seiner Studien der Kriegskünste
erfahren hatte, breitete sich die Kunst über das ganze Land aus.
Iizasa gilt somit als der Gründer des Schwertkampfes der alten Zeiten...“
Diese
Aussage widerspricht der allgemeinen Auffassung Iizasa stamme aus
Katori, worauf auch der Name seiner Schwertschule Katori shinto ryu
schließen läßt. Die ersten Namen seiner Schule wurden jedoch
lediglich als Shinto ryu oder Tenshin shoden shinto ryu angegeben.
Dennoch rechnen ihn viele Forscher eher Kashima zu, was sich auch
durch historische Quellen belegen läßt (Rogers). Der
zweite große Schwertmeister des Kanto-Gebietes war Matsumoto Bizen no
kami Masanobu (1467? – 1534?). Seine Ahnen, der Matsumoto Clan, gehörte
seit frühester Zeit zu den 4 Hauptfamilien, welche im Kashima jingu
als Wächter und Hüter des Schreins dienten. Viele seiner Schüler
und Studenten gründeten später eigene Schulen und verbreiteten die
Schwertkunst aus der Kanto-Region über ganz Japan. Im
Gegensatz zu vielen anderen Kampfschulen und deren Schöpfern gründet
sich der Erfolg der Kashima/Katori-Schwertmeister nicht auf Duelle
oder Einzelkämpfe sondern ihre Erfahrung auf dem Schlachtfeld.
Matsumoto werden 101 Tötungen in 23 Schlachten nachgesagt, wovon 25
der erbeuteten Köpfe anderen berühmten Samurai gehört hatten.
Kamiizumi Hidetsuna leitete über 1 Monat lang die Verteidigung der
Burg Minowa gegen den Takeda-Clan und wurde nach deren Fall von seinen
Feinden sogar geehrt, die von seiner Tapferkeit und Waffenfertigkeit
tief beeindruckt waren. Das
Geheimnis der Kashima-Schwertschulen beruht auf einem taktischen
Verfahren welches auf Matsumoto Masanobu zurückgeht. Diese, Ichi no
tachi (ein (erstes) Schwert / bester Hieb) genannte Technik, gilt als
höchste Vollendung der Schwertkunst – und wird als ebenso simples
wie auch geniales Verfahren beschrieben. Das Prinzip beruht auf einer
perfekten Abstimmung von Timing, Distanz und Schnittwinkel, wobei der
Schwertkämpfer mit seiner Waffe im gleichen Zeitpunkt in den
Schnittradius seines Gegners eindringt wenn dessen Angriff startet
(Friday). Ohne den feindlichen Angriff abzublocken oder ihn abzulenken
solle er den Kontrahenten im gleichen Augenblick mit einem Hieb
niederschneiden, in dem die gegnerische Klinge knapp an ihm vorbeigeht.
Diese Technik setzt ein gutes Auge und langjährige Erfahrung voraus
– ein Fehler hätte tödliche Folgen. In der Edo-Zeit (1603-1867) waren die bekanntesten der Kashima/Katori Schulen unter dem Namen Kanto shichiryu (7 Schulen des Kanto oder die 7 Schulen des Ostens) in ganz Japan berühmt. Die geschichtliche Facharbeit „Kendo Gohyakunenshi“, benennt in diesem Zusammenhang die Kashima ryu, Katori ryu, Honshin ryu, Bokuden ryu, Shinto ryu, Yamato ryu und die Ryoi ryu. Die aufgeführten Begriffe entsprechen teilweise recht umgangssprachlichen Bezeichnungen statt exakten Titeln – allein die Namen Kashima ryu und Shinto ryu sind auf mehrere Schulen anwendbarund untereinander austauschbar. Die Auflistung der Kanto shichiryu ist jedoch ein Hinweis auf die Bedeutung, welche den von Kashima/Katori beeinflußten Kriegssystemen im historischen Japan zukam. Die
folgende Auflistung zeigt nur einige der von den Hauptströmungen
beeinflußten Schulen. Viele dieser Kampfsysteme führen ihre Wurzeln
jedoch auch auf beide Linien zurück.
Die
eigentliche Anzahl der in der Kanto-Region initiierten Kampfsysteme
war jedoch um ein Vielfaches höher. Viele dieser Stile bestehen noch
heute und setzen die Tradition von Kashima bis in die Neuzeit fort.
Ihr Wissen und ihre Erfahrung reicht über 500 Jahre zurück und
bewahrt somit die Überlieferungen der alten Krieger auch für spätere
Generationen, die den Weg des Schwertes gehen wollen. Script: Ulf Lehmann |
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