Die Zeit der Krieger
Japanische Geschichte - Teil 6"Das Zeitalter der
Kriegsgeschichten
"Yukinaga schrieb "Heike Monogatari" und
der blinde Mann Shoubutsu rezitierte es. Dies ist der
Grund, warum der Tempel auf dem Berg (Enryakuji auf dem
Berg Hiei) mit dieser speziellen Würde beschrieben wird.
(...) Shoubutsu stammte aus den östlichen Provinzen und
unterhielt sich mit Kriegern aus seiner Heimat über
Waffen und das Kriegshandwerk. Yukinaga schrieb auf, was
Shoubutsu in Erfahrung brachte." - Aus
"Tsurezuregusa", um 1330 von Yoshida Kenkou
über Fujiwara Yukinaga
Monogatari
Im frühen 10. Jh. hatten die großen Landeigner in den
Provinzen und ihre Samurai die militärische Macht zwar
weitgehend übernommen, doch sie waren noch weit davon
entfernt, eine Klasse von Kriegern zu sein. Die Samurai
waren zu jener Zeit bestenfalls Teilzeit-Kämpfer. Es gab
nur sehr wenige unter ihnen, die sich ausschließlich mit
dem Kriegshandwerk befaßten. Erst im Laufe der späteren
Jahrhunderte verschmolzen die Begriffe Samurai
(ursprünglich "Diener") und Bushi miteinander.
Bushi ist dabei eine allgemeine Bezeichnung für einen
Krieger (bekannt aus der Verbindung "Bushi-Do",
der "Weg des Kriegers") und deutet nicht auf
eine Herr/Diener-Beziehung wie das Wort
"Samurai". Aus der heutigen Perspektive besteht
da kein wesentlicher Unterschied mehr. Der Kampf mit den
Emishi gab den frühen Kriegern erste Erfahrungen in der
Kriegsführung, doch die echte Herausforderung sollte der
Kampf gegen ihresgleichen darstellen. Diese Ereignisse
sind in den Monogatari überliefert.
Monogatari sind eigentlich eher Chroniken und berichten
von realen historischen Begebenheiten, von Feldzügen,
Schlachten und Kriegen. Es sind jedoch auch religiöse
Bezüge enthalten. Dies liegt darin begründet, daß
diese Chroniken meist von Mönchen aufgezeichnet wurden,
die in vielen Fällen selbst Augenzeugen der Geschehnisse
waren oder anderweitig authentische Informationen
erhielten. Monogatari wurden schnell populär und
erfreuten sich regen Zuspruchs. In späteren
Jahrhunderten dienten sie sogar als Grundlage für
Stücke des Nou, Kabuki und Puppentheaters. Happy-Ends im
europäischen Sinne sind in den klassischen japanischen
Erzählungen eher unbekannt. Beim Publikum waren
besonders die dramatischen Geschichten beliebt, in denen
die Akteure mehr oder weniger tragisch den Tod fanden.
Der Stil dieser Geschichten sowie die Darstellung von
Charakteren und Handlungen hat bis heute starken Einfluß
auf die japanische Erzählweise und ist auch in der
japanischen Moderne zu finden. Im Unterschied zu den
Märchen und Fabeln des europäischen Raumes spielen
Magie und Zauberei selten eine tragende Rolle. Das
Schicksal eines Charakters wurde als Folge von
Fähigkeiten und Verhalten gesehen, die Figuren selbst
sind bei allem Heldenmut doch Menschen mit Stärken,
Schwächen und Gefühlen. Die Geschichten wirken somit
unterhaltend und gleichzeitig erziehend. Selbst der
unbeteiligte Leser/Zuschauer kann darin einen Teil seines
eigenen Wesens wiederfinden.
Shoumonki
Die Reihe der Kriegsgeschichten beginnt mit dem
Shoumonki, das von der Revolte des Taira no Masakado im
Kantou um 930 handelt.
Taira no Masakado war ein Nachfahre des Kaisers Kammu in
der 5. Generation. Der Urenkel des Kaisers Kammu, Prinz
Takamochi, bekam im Jahre 889 den Familiennamen
"Taira" und den Posten des Vize-Gouverneurs der
Kazusa-Provinz verliehen. Der Prinz blieb auch nach
Ablauf seiner Amtszeit in Kazusa, und seine Söhne
erwarben sich eine Reihe von hohen Positionen im ganzen
Kantou. Die Taira wurden schnell zu einem bedeutenden
Teil der Zuryou-Aristokratie. Masakado hatte seine Jugend
in Kyoto verbracht, doch nachdem sein Gesuch abgelehnt
wurde, ihm die Führung eines Kebiishichou (eine Art
Polizei) anzuvertrauen, kehrte er 931 ins Kantou zurück
und begann dort einen Guerillakrieg gegen die
"Obrigkeit". Zunächst bestand dieser aus
Fehden mit seinen eigenen Verwandten. Das Shoumonki
verzeichnet einen Streit von Masakado mit einem Onkel um
eine Frau; es wird aber auch um Land gestritten worden
sein. 935 wurde jener Onkel, der Gouverneur der
Hitachi-Provinz von Masakado in einer Schlacht bei Nomoto
getötet. Das war der Beginn der kriegerischen Phase der
Revolte. Von 935 bis 939 gab es eine Reihe von Gefechten,
aus denen Masakado siegreich hervorgehen konnte.
Zwischenzeitlich richteten Masakado und auch seine Gegner
Appelle an den Kaiserhof. Es gab zwar kein stehendes
Heer, das den Disput schlichten konnte, doch das Wort des
Hofes hatte noch immer großes Gewicht. 939 wurde aus der
Familienfehde eine richtige Rebellion. Innerhalb eines
Monats eroberte Masakado die Provinzen Shimotsuke und
Kouzuke und ernannte sich selbst zum "Neuen
Kaiser", Shinkou, des Kantou. Doch seine
Regentschaft war nur von kurzer Dauer. Der Kaiserhof
erkannte wohl die Gefahr im Osten und erteilte offiziell
den Auftrag, das Problem aus der Welt zu schaffen. 940
verlor Masakado die Schlacht bei Kitayama gegen die
vereinte Armee von Taira no Sadamori (Masakado's Cousin)
und Fujiwara no Hidesato, dem Präfekten (Ouryoushi) der
Shimotsuke-Provinz. Als Beweis für den Erfolg wurde der
Kopf von Masakado nach Kyoto gesandt und dort öffentlich
ausgestellt.
Die Revolte war ein schwerer Schlag für den Kaiserhof,
trug man doch die Verantwortung für Recht und Ordnung in
den Provinzen. Einmal noch konnte die Angelegenheit
bereinigt werden, da sich der Provinzadel mit Kyoto
verbunden fühlte. Letzten Endes konnte der Hof
Kantou-Leute benutzen (Sadamori und Hidesato), um ein
Kantou-Problem zu lösen, gleich der alten chinesischen
Strategie "die Barbaren durch Barbaren zu
kontrollieren".
Das Shoumonki kommentiert Aufstieg und Fall von Masakado:
Im ersten Teil, in dem es um seine familiären Fehden
geht, wird er als Held beschrieben; jedoch im zweiten
Teil, als er die Kontrolle über das Kantou anstrebt,
ändert sich der Ton. Der Autor hegt zwar noch Sympathie
für Masakado und bedauert seinen Fall, doch Masakado war
nun ein Rebell und wird auch Rebell genannt, Zoku. Seine
Handlungen können nicht geduldet werden und am Ende
bekommt er, was er verdient. Doch nicht jeder teilte
diese Auffassung. Während seiner Rebellion bekam
Masakado große Unterstützung vom einfachen Volk und
wurde gar als Held verehrt. In vielen Shintou-Schreinen
im Kantou wird noch heute seiner gedacht. Einer dieser
Schreine befindet sich im Stadtteil Kanda in Tokyo. Dort
wurde Masakado zwar 1884 als "Feind des
Kaiserhauses" gegen den Willen vieler Menschen als
Gottheit entfernt, jedoch ein Jahrhundert später, 1984,
hat man diese Entscheidung aufgehoben und Masakado in
einer feierlichen Zeremonie wieder eingesetzt.
Das Shoumonki selbst ist in "Hentai Kanbun"
verfaßt, (wörtlich: "abgewandeltes
Chinesisch"), einer hybriden literarischen Sprache,
die japanische Grammatik mit chinesischen Schriftzeichen
verband. Hentai Kanbun ist somit grob gesagt
"Chinesisch mit starkem japanischen Akzent" und
stellt eine Vorform der heutigen japanischen Schrift dar.
Die Bezeichnung eines Kriegers im Shoumonki ist
"Tsuwamono". Geschrieben mit chinesischen
Zeichen bedeutete dies ursprünglich "Waffe"
und steht für den berittenen Bogenschützen. Die Armeen
werden Ikusa genannt, ein Wort, das auch
"Schlacht" bedeuten kann. Zusätzlich zu den
Tsuwamono wurden auch Fußtruppen, Banrui, aus einfachen
Bauern rekrutiert. Die Kombination von Tsuwamono und
Fußtruppen in der Mitte des 10. Jh. offenbart die
Fortdauer der chinesischen Kriegsführung im japanischen
Militärsystem. Die Armeen wurden jedoch nur für
bestimmte Schlachten zusammengestellt und konnten nicht
lange gehalten werden. Ihre Größe variiert sehr stark,
auch von Tag zu Tag. So führten Kommandanten wie
Masakado zeitweise weniger als zehn Mann, zu anderen
Zeiten hatten sie hundert bis einige tausend Mann unter
ihrem Kommando. Die zeitweiligen Rekruten, insbesondere
die Fußsoldaten wurden von den immensen Belohnungen nach
den Schlachten angezogen. Lief der Kampf schlecht, war es
sehr wahrscheinlich, daß sie die Truppe wieder
verließen. Darin liegt auch die endgültige Niederlage
von Masakado begründet. Seine "normale Armee von
8000 Mann war noch nicht zusammengestellt und er fand
sich vor der Schlacht im Kommando von nur knapp 400 Mann
wieder". Im Shoumonki finden sich auch stereotype
Referenzen zu "sehr großen und kräftigen"
(kiwamete futou takumashii) Pferden. Masakado soll einige
tausend Krieger geführt haben, die alle ein
"drachengleiches Roß" (ryuu no gotoki uma)
geritten haben. "Drachengleich" impliziert Mut
und Tapferkeit und beschreibt die kräftigen Pferde der
Kanto-Region.
Konjaku Monogatari
Ein weiteres Genre der Literatur ist in den Konjaku
Monogatari zu finden, den "Geschichten aus längst
vergangener Zeit". Der Stil wird "Setsuwa
Bungaku" genannt, "Literatur von
Geschichten". Das Konjaku enthält mehr als 1000
Erzählungen, die alle mit den Worten "Ima ha
mukashi" beginnen - "Es war einmal
".
Es ist in vier Teile untergliedert: Geschichten zum
indischen Buddhismus, zum chinesischen Buddhismus, zum
japanischen Buddhismus und weltliche japanische
Geschichten. Die Sektionen sind jeweils in 31 Bücher
unterteilt, von denen jedoch einige fehlen oder
unvollständig sind. Der Sammler dieser im frühen 12.
Jh. zusammengestellten Erzählungen ist unbekannt, wenn
es denn eine einzige Person war.
Das Buch 25 der 4. Sektion enthält zwölf Geschichten
über Krieger und zwei Titel von Erzählungen, die
entweder verloren oder nie geschrieben worden sind. Jedes
dieser Kapitel in Buch 25 beschreibt eine eigene
Kriegsgeschichte. Eine davon ist ein Zusammenschnitt des
Shoumonki, eine andere des Mutsu Waki, die vom Frühen
Neun-Jahres Krieg (1056-1062) handelt, der im Norden von
Honshu geführt wurde. Das Konjaku ist in Japanisch
geschrieben und enthält relativ wenig chinesische
Phrasen, ein Stil, der den mittelalterlichen
Kriegsgeschichten zugeschrieben wird.
Regeln der Schlacht
Eine Geschichte im Buch 25 beschreibt eine Schlacht, die
im frühen 10. Jh von Minamoto no Mitsuru und Taira no
Yoshifumi (ein Verwandter von Masakado) ausgefochten
wurden. Mitsuru und Yoshifumi wurden zu Rivalen, da sie
ständig "auf dem Weg des Kriegers miteinander
konkurrierten". Sie einigten sich darauf, ihre
Streitigkeiten in einer Schlacht zu entscheiden. Es wurde
ein Ort und ein Tag für den Kampf vereinbart und Armeen
zwischen 500 und 600 Mann gesammelt. Am ausgewählten Tag
traf man sich und stellte sich im Abstand von etwa 100
Metern auf. Boten wurden ausgetauscht, um die Absicht zur
Schacht zu bestätigen. Danach begannen die Armeen,
Pfeile abzuschießen. Doch bevor die Krieger in den
Nahkampf übergehen wollten, rief Yoshifumi zu Mitsuru
und schlug vor, die Schlacht im Zweikampf zu entscheiden.
Mitsuru war einverstanden und so kämpften sie
miteinander. Es wurden eine Reihe von Angriffen
ausgeführt, bei denen sie aufeinander zu galoppierten
und Pfeile abschossen. Beide bewiesen ihr Geschick in der
Verteidigung und auch im Abschießen der Pfeile. Nach
einer Weile entschieden sie, aufzuhören, da sie gleich
stark waren. Beide waren zufrieden, ihr Talent mit den
Waffen gezeigt und ihrer Ehre genüge getan zu haben.
Danach, so die Geschichte, lebten Yoshifumi und Mitsuru
als gute Freunde. Wenngleich diese Erzählung
wahrscheinlich Fiktion ist, so berichtet sie von einer
"Ordnung im Kampf" nach der die Schlachten des
frühen Mittelalters geführt wurden. Sie enthält im
wesentlichen sechs Abschnitte:
Schlachten wurden im voraus arrangiert, beide Seiten
einigten sich auf Ort und Zeit (1). Auf dem Feld wurden
Boten zur anderen Seite gesandt, um die Kampfabsicht zu
bestätigten (2). Mit Kabura-Ya (Rübenpfeilen), die im
Flug ein pfeifendes Geräusch erzeugen, wurde die
Schlacht eingeleitet (3). Die erste Phase des Kampfes war
ein "Austausch von Pfeilen", Ya-Awase (4). Im
Falle des Mitsuru-Yoshifumi-Konflikts wurde das Signal
mit den Kabura-Ya gegeben, bevor die Boten in die eigenen
Reihen zurückgekehrt waren; die Boten bewiesen ihren
Mut, indem sie ruhig weiterritten, ohne zurückzuschauen,
auch als bereits Pfeile um sie herumflogen. In einer
Schlacht während des Gempai-Krieges (1180-1185) war ein
Kommandant der Taira-Truppen so erzürnt über die in
seinen Augen ungehörigen Worte des Minamoto-Boten, daß
er den Mann enthauptete. Diese tiefe Verletzung der
Etikette des Kampfes entmutigte die Männer seiner
eigenen Armee so sehr, daß sie den Kampf verloren.
Mitsuru und Yoshifumi fällten die ungewöhnliche
Entscheidung, einen Zweikampf im Stile eines Turniers
auszutragen. In diesem Turnier kämpften sie
ausschließlich mit Pfeil und Bogen zu Pferde. Es gibt
auch sonst nur sehr wenige Referenzen zu Schwertern in
den Geschichten des frühen Mittelalters. Einige wenige
Passagen enthalten z.B. die Worte "Schwerter
kreuzen", was jedoch allgemein als
"kämpfen" interpretiert werden kann. Der Bogen
war die Hauptwaffe der Krieger Japans.
Nach dem allgemeinen Ya-Awase, das die Schlacht
einleitete, bewegten sich die Armeen aufeinander zu und
die Pfeile wurden präziser abgefeuert (5). Danach teilte
man sich paarweise auf und kämpfte Mann gegen Mann (6).
Es ist schwierig einzuschätzen, wieviele Schlachten nach
dieser Sechs-Stufen-Ordnung geführt wurden, es waren
wahrscheinlich nur wenige. Selbst in den
Kriegsgeschichten sind solche Begebenheiten selten. Die
Mehrzahl der überlieferten Schlachten beginnen mit einem
Überraschungsangriff. Die anderen Kämpfe beinhalten nur
die Punkte (4) bis (6) der Schlachtordnung. Völlig
andere Kampfpraktiken wurden bei Belagerungen angewendet,
die besonders ausführlich im Taiheiki aus dem 14. Jh.
beschrieben sind.
Der starke Einfluß der Kriegsgeschichten auf die
japanische Kultur ist bis in die Neuzeit erhalten
geblieben. Seit Generationen beruhen die Ideale der
Japaner auf ihren Überlieferungen. Jedes Kind wächst in
Japan mit diesen historischen Bezügen und
Wertvorstellungen auf, einige Grundkenntnisse tragen
erheblich zum Verständnis der japanischen Kultur bei.
Die Monogatari sind somit nicht nur ein wertvolles
kulturelles Erbe, sondern gewähren dem interessierten
Leser auch einen tiefen Einblick in die japanische
Mentalität.
Script:
Stephan Henker
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