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| Die
letzte Schlacht Japanische Geschichte - Teil 21 „Am
24. Tag des 3. Monats zur Stunde des Hasen wurden zu Dan-no-Ura in der
Provinz Nagato [...] die Taira ausgelöscht.“
Minamoto
auf See Die
Taira konnten sich sowohl von Ichi-no-Tani als auch von Yashima ohne
größere Verluste zurückziehen, da die Minamoto weder über
Seestreitkräfte, noch über das Wissen deren Einsatzes verfügten.
Doch Yoshitsune besaß nun einen entscheidenden Vorteil, seinen
Erfolg. Obwohl er sich auch dabei auf gefährliche Spekulationen
einließ, sollte ihm das Ergebnis wieder einmal Recht geben: Yoshitsune
wählte nach dem Sieg von Yashima einen seiner engsten Vertrauten, Ise
no Yoshimori, um den bekannten Krieger und Taira-Anhänger Taguchi no
Noriyoshi aufzusuchen, um ihn mit einer erfundenen Geschicht zur
Aufgabe zu bewegen. Yoshimori erschien mit nur sechzehn Begleitern,
allesamt unbewaffnet und ohne Rüstung vor Noriyoshi und erzählte ihm
die Geschichte, wie die Minamoto die Taira bei Yashima besiegten; eine
Geschichte, die folgende Unwahrheiten enthielt: das Oberhaupt der
Taira, Munemori und sein Sohn wurden gefangen, Noritsune, der beste
General der Taira, hat Selbstmord begangen, alle anderen Generäle der
Taira wurden entweder getötet oder sind ertrunken, Shigeyoshi, der
Vater von Noriyoshi, wurde gefangengenommen und alle anderen Taira in
der Shido-Bucht wurden vernichtet. Angesichts der erschreckenden
„Fakten“ ergab sich Noriyoshi und folgte Yoshimori mit 3000
Gefolgsleuten ins Lager von Yoshitsune. Yoshitsune lobte die Ausführungen
von Yoshimori und fragte, wie mit den Gefangenen verfahren werden
solle. Yoshimori empfahl, sie in die eigenen Truppen zu integrieren:
„Diesen Kriegern vom Lande ist es egal, für wen sie kämpfen. Sie
folgen jedem, der die Macht hat, die Ordnung im Lande
wiederherzustellen.“ Diese Worte, wenn gleich erfunden, mögen doch
den Kern getroffen haben, denn viele Krieger kämpften nicht ob ihrer
Zugehörigkeit zu Clans oder ob ihrer Beziehung zu einzelnen
Kommandanten wegen. Viele haben wahrscheinlich einfach nur das getan,
von dem sie glaubten, daß es das beste für ihr Land sei und dies
galt wohl besonders für die Krieger vom Lande. Und
so übernahm Yoshitsune nicht nur die Überreste der
Taira-Landungstruppen nach der Schlacht an der Shido-Bucht in seine
Reihen, er erhielt auch weiterhin Unterstützung. Die Clan-Führer der
Provinzen, die seine Siege über die Taira beobachtet hatten, brachen
nun hastig auf, um sich dem weißen Banner der Minamoto anzuschließen.
Auch Yoshitsune konnte nur daran gelegen sein, diese Truppen zu
integrieren. Er konnte sich sogar ausgesprochen glücklich schätzen,
waren doch die Schiffe und die maritime Erfahrung der Clans von der
Inlandsee die entscheidende Antwort auf die Frage nach der endgültigen
Vernichtung der Taira. Und so konnte die Armee der Minamoto bereits
einen Monat nach dem Sieg von Yashima einer der ausschlaggebendsten
Schlachten der japanischen Geschichte entgegensegeln: Dan-no-Ura. Die
Situation am Vorabend der Schlacht, des 24. April 1185 war folgende:
Die Flotte der Taira, kommandiert von Taira Tomomori, lag in Hikoshima
vor Anker und kontrollierte damit den westlichen Ausgang der
Shimonoseki-Strasse. Als die Flotte der Minamoto von Shikoku her
auftauchte, verließen die Taira ihre Basis und begaben sich auf die
See, so wie sie es seit Ichi-no-Tani praktiziert hatten. Sie fuhren
ostwärts durch die Seestrasse von Shimonoseki, bis sie auf der Höhe
von Ta-no-Ura auf Kyushu ankamen, einige Kilometer östlich des
heutigen Kitakyushu. Die Minamoto hielten gleichzeitig auf Manjushima
zu, so daß die Flotten nur noch ca. 3 km auseinanderlagen. Die
Stimmung unter den Taira war von gezwungener Selbstsicherheit. Sie
waren immerhin der Clan mit der größten Erfahrung in der Seekriegsführung,
doch aufgrund der zahlreichen Überläufer zu Yoshitsune waren die
Flotte der Taira mit ca. 500 Schiffen gegen ca. 840 der Minamoto klar
unterlegen. Zudem waren die neuen Einheiten der Minamoto ebenfalls in
der Seekriegsführung bewandert. Taira
Tomomori hielt eine bewegende Rede an seine Gefolgsleute und erinnerte
sie, daß es diesmal keinen Rückzug geben würde. Sie sollen keine Rücksicht
auf ihr Leben nehmen, sondern so tapfer kämpfen, wie sie es nur
vermochten. Kazusa no Kagekiyo bemerkte weiterhin, daß die Minamoto
keinerlei Erfahrungen im Kampf zur See hätten und daß sie somit
ebenso leicht zu bezwingen wären, „wie Fische, die auf Bäume
klettern“ und fügte für seine Leute hinzu, daß das Hauptziel
ihres Angriffes Yoshitsune sein werde. Sie können ihn nicht
verwechseln, meine Kagekiyo, sei Yoshitsune doch „ein kleiner
Mann mit blassem Teint und seine Vorderzähnen stehen etwas hervor“.
Dies ist die wohl unvorteilhafteste Beschreibung von Yoshitsune, die
in den historischen Aufzeichnungen gefunden werden kann. Der
einzige Krieger, dessen Loyalität Taira Tomomori anzweifelte, war
Taguchi Shigeyoshi, dessen Sohn Noriyoshi bereits kurz nach der
Schlacht von Yashima zu den Minamoto gewechselt war. Tomomori fordere
zwar seinen Kopf, um den Seitenwechsel zu verhindern, doch Munemori,
das Clanoberhaupt, lehnte diesen Vorschlag ab und Shigeyoshi wurde
erlaubt, seine Position in der Schlachtordnung der Taira einzunehmen. Auch
den jungen Kaiser Antoku hatte man mit an Bord genommen. Allerdings
brachte man ihn vorsichtshalber auf einem gewöhnlichen Schiff unter,
während das Flaggschiff der Taira mit reichlicher Verzierung als Köder
fungierte. Zur japanischen Art der Seekriegsführung muß noch erwähnt
werden, daß die Boote selbst keine aktive Funktion in der Schlacht
hatten. Sie besaßen keine Panzerung, Bewaffnung oder ähnliches,
sondern dienten nur als schwimmende Plattform für die Krieger. Dan-no-Ura Die
Minamoto gingen in einer Reihe nebeneinander in die Schlacht, während
sich die Taira in drei Gruppen formierten. Die Schlacht begann am
Morgen des 25. April 1185 in der Meerenge zwischen der Hauptinsel
Honshu und Kyushu vor einem Strand auf Honshu mit dem Namen Dan-no-Ura.
Der zahlenmäßigen Überlegenheit der Minamoto zum Trotz gestaltet
sich der Beginn der Schlacht ganz im Sinne der Taira, da sie an diesem
Morgen den Vorteil der Flut auf ihrer Seite hatten, die in östlicher
Richtung und damit gegen die Minamoto floß. Als die Boote schließlich
ca. 300m auseinander waren, begann das Bogenduell, bei dem die Taira
ihren Vorteil außerordentlich erfolgreich nutzen konnten. Die
Schlacht schien zu ihren Gunsten zu verlaufen und Tomomori war
gewillt, dies so lange wie möglich auszunutzen. Doch einem Omen
gleich tauchte die Bemerkung auf, daß „die Gezeiten der Schlacht
ebenso schnell wechseln können, [wie die Gezeiten der See]“.
Ein weißes Banner, das man zunächst als Wolke hielt, senkte sich vom
Himmel auf ein Boot der Minamoto herab und Yoshitsune sah darin ein
Siegeszeichen, gesandt von Hachiman, dem Schutzpatron der Minamoto,
und der Zug einiger Delphine wurde gleichfalls als Zeichen für den
bevorstehenden Sieg der Minamoto interpretiert. Gegen
11Uhr stießen die Flotten dann schließlich aufeinander und der Kampf
Mann gegen Mann begann. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich jedoch bereits
einige Dinge entscheidend geändert. Zum einen hatte sich die Richtung
der Flut umgekehrt und gab somit den Minamoto den Vorteil, während
die Taira mit etwa 8 Knoten gegen Dan-no-Ura getrieben wurden. Die
zweite Änderung war der erwartete Fahnenwechsel von Taguchi
Shigeyoshi, der das rote Banner der Taira einholte und zu den Minamoto
rudern ließ. Dort gab er das Versteck von Kaiser Antoku preis, so daß
die Minamoto ihren Angriff auf dieses eine Schiff konzentrieren
konnten. Ein weiterer Überläufer, Miura Yoshizumi, griff derweil den
Rücken der Taira an. Der
Untergang des Hauses Taira Noch
mehr Verwirrung wurde unter den Taira gestiftet, als Yoshitsune seinen
Schützen anordnete, auf die Ruderer und Steuerleute des Gegners zu
zielen. Da diese anders als die Krieger keinerlei Rüstung trugen,
trieben kurz darauf viele Boote der Taira hilflos in der Flut und als
sich die Minamoto dieser Boote eines nach dem anderen annahmen, wußte
Taira Tomomori, daß alles verloren war. Er ging an Bord des Schiffes,
auf dem der Kaiser war und verkündete, daß die Schlacht verloren sei
und daß jetzt nur noch der Selbstmord bliebe. Die
Beschreibung der Heike Monogatari über den Todeskampf der Taira bei
Dan-no-Ura ist eine der ergreifendsten Szenen der japanischen
Literatur. Die Großmutter des Kaisers, Taira no Tokiko (die Witwe von
Taira Kiyomori) nahm den achtjährigen Kaiser Antoku auf die Arme und
trat an die Reeling. Dort betete sie zu den kaiserlichen Vorfahren in
Ise und zu Buddha, die das Land beschützten, und mit den Worten „Auf
dem Grunde des Ozeans liegt unsere Hauptstadt“ versank sie mit
dem Kaiser in den Wellen. Mit sich nahm sie das heilige Schwert und
den Juwel aus den Reichsinsignien. Dies
war der Auftakt zu dem wohl tragischsten Massenselbstmord in der
Geschichte der japanischen Krieger. Die Mutter des Kaisers war die nächste,
doch sie konnte von einem Minamoto aus den Wasser gefischt werden, der
ihr Haar mit seiner Kumade zu fassen bekam. Als die Frau von Shigehira
über Bord sprang, wurde ihr Kleid von einem Pfeil an der Bordwand
festgenagelt. Dabei ließ sie eine Schatulle fallen und es stellte
sich heraus, daß darin der heilige Spiegel, das letzte der
Reichsinsignien lag. Der Juwel konnte später ebenfalls geborgen
werden, doch das heilige Schwert Kusanagi war für immer verloren. Inzwischen
hatten sich Taira Norimori und Taira Tsunemori schwere Anker an die Rüstungen
gebunden und sprangen Hand in Hand über Bord. Drei andere
Clanmitglieder, Sukemori, Arimori und Yukimori, taten es ihnen gleich,
doch Munemori, Kopf des Clans und von schwachem Charakter, stand nur
an der Bordwand und wartete. Einer seiner Gefolgsleute war von dem
Vorbild seines Herren derart beschämt, daß er ihn mit einem Stoß über
Bord beförderte. Kiyomune, der Sohn von Munemori, sprang seinem Vater
nach, doch beide waren exzellente Schwimmer und schaffte es
problemlos, sich über Wasser zu halten. Die Mutter von Munemori hatte
die Feigheit ihres Sohnes schon vorhergesehen, bevor sie mit dem
Kaiser in die Fluten sprang. Sie sagte ihm daher, das Munemori nicht
der Sohn von Kiyomori sondern das Kind eines Schirmhändlers sei und
am Tage seiner Geburt gegen eine Tochter getauscht wurde. Ise
no Yoshimori aus dem Lager der Minamoto konnte Munemori und seinen
Sohn schließlich aus dem Wasser fischen und nahm sie gefangen.
Munemoris Erniedrigung wurde noch verstärkt, als man seinen
Stiefbruder Hida no Kagetsune vor seinen Augen erschlug. Kagetsune
wollte Munemori zu Hilfe eilen, als er das Boot von Yoshimori bestieg
und diesen angriff. Doch Yoshimori wurde von einem selbstlosen Pagen
gerettet, der sich zwischen Kagetsune und seinen Herren stellte und
von dem Scherthieb niedergestreckt wurde, der für Yoshimori bestimmt
war. Kagetsune, abgelenkt von dem Pagen und ohne Deckung wurde
daraufhin von einem Pfeil getroffen und letztlich von den Kriegern der
Minamoto gefaßt und getötet. Auch
als Gefangener stellte Munemori eine erbärmliche Figur dar. Nachdem
man ihn mit den anderen Gefangenen von Dan-no-Ura durch die Straßen
von Kyoto geführt hatte, wurden Munemori und sein Sohn Kiyomune nach
Kamakura zu Yoritomo gebracht. Auf dem Weg bettelte er Yoshitsune,
sich bei Yoritomo für sein Leben einzusetzten und in Kamakura zeigte
er sich Yoritomo gegenüber völlig unterwürfig. Doch letztlich wurde
er auf dem Rückweg nach Kyoto von Yoshitsune exekutiert. Munemori
hatte zwar große Angst vor seinem bevorstehenden Tod, fand aber
letztlich geistigen Frieden durch die Anweisung eines Priesters und
dem Glauben in Amida Buddha. Taira
no Noritsune Der
spektakulärste Freitod bei Dan-no-Ura war der von Taira no Noritsune.
Nachdem er ein Sperrfeuer mit Pfeilen geschossen hatte, stürmte
Noritsune auf den Gegner, in einer Hand ein Schwert, eine Naginata in
der anderen. Noritsune kämpfte in den letzten Momenten der Schlacht
wild wie ein Berserker und „tötete und verwundete viele“.
Tomomori sandte ihm noch kurz vor seinem eigenen Freitod einen Boten,
der Noritsune wegen der Unehre ermahnte, unwürdige Gegner erschlagen
zu haben. Noritsune hingegen interpretierte die Ermahnung als
Aufforderung, nicht seine Zeit mit schwachen Gegnern zu vergeuden,
sondern sich einen würdigen Gegner zu suchen: den Kommandanten der
Minamoto, Yoshitsune. Für
Yoshitsune wurde die Situation ziemlich brenzlig, als sich Noritsune
den Weg von Boot zu Boot der Minamoto freikämpfte. Yoshitsune tat
zwar sein Bestes, um ihm aus dem Weg zu gehen, doch als sich Noritsune
letztlich bis zu seinem Boot durchgekämpft hatte, blieb dem Heerführer
der Minamoto nur noch ein aufseheneregender Verzweiflungssprung auf
ein anderes Boot, kurz bevor Noritsune ihn erreichen konnte. Dies ist
die einzige Passage in der gesamten Heike Monogatari, in der
Yoshitsune „vor einem Gegner davonläuft“. Yoshitsune war
als Kommandant der Minamoto zweifellos weise genug, einem Kampf mit
dem rasenden Noritsune aus dem Wege zu gehen. Dessen wilder Angriff würde
keinerlei Auswirkungen auf den Ausgang der Schlacht haben, hatten die
Taira den Kampf doch bereits verloren. Doch
wesentlich überraschender ist, das Yoshitsune dem Angriff von
Noritsune so schutzlos ausgeliefert war. In der gesamten Heike
Monogatari wird Yoshitsune von der eingeschworenen Gemeinschaft seiner
persönlichen Gefährten begleitet, jeder davon bereit, für ihren Anführer
in den Tod zu gehen. Bei Yashima formten sie einen menschlichen
Schutzschild, um Yoshitsune vor den Pfeilen eben jenes Taira Noritsune
zu schützen, von denen Satou no Tsuginobu getroffen wurde und starb.
Doch bei Dan-no-Ura ist merkwürdigerweise keiner der Anhänger zur
Stelle, wenn Yoshitsune sie am meisten gebraucht hätte. Als
Noritsune sein Ziel entschwinden und sich in den Reihen des Gegners
eingekesselt sah, warf er Schwert und Naginata über Bord. Er nahm den
Helm ab und auch den größten Teil seiner Rüstung, so daß er
unbewaffnet und nur im Dou (Brustharnisch) dastand. Dann forderte er
alle „die glauben, ihm gewachsen zu sein“ zum Kampf. Zunächst
traute sich niemand, doch dann nahmen drei, zwei Brüder aus der
Provinz Tosa, die für ihre Kraft bekannt waren und ihr Gefolgsmann,
die Herausforderung an. Sie glaubten, Noritsune zu dritt überwältigen
zu können, doch dieser stieß den Gefolgsmann kurzerhand über Bord
und nahm die anderen beiden unter den Arm. Dann rief Noritsune, daß
die Brüder und er gemeinsam das Totenreich betreten würden, sprang
ins Wasser und ertränkte sich mit ihnen. Der
Tod von Noritsune symbolisiert die endgültige Niederlage der Taira,
war Noritsune doch der begabteste Militärführer der Taira. Die
meisten Erfolge der Taira während des Gempai-Krieges sind ihm
zuzuschreiben. Mit seinem Tod erlosch auch der Glanz der Taira als
militärische Macht. „Und
nun war das ganze Meer rot von den Bannern und Insignien (der Taira),
die sie abgenommen und weggeworfen hatten, so daß es aussah wie die
Wasser des Tatsuta-gawa, wenn sie befleckt sind von Ahornblättern,
die der Wind im Herbst herunterweht und die weissen Brecher an der Küste
waren von ihrem Blut purpur gefärbt [...]“. Epilog Die
Schlacht von Dan-no-Ura markiert die entgültige und vollständige
Zerschlagung des Clans der Taira und mit Dan-no-Ura verschwindet der
Name der Taira aus der japanischen Geschichte. Kein Sieg in der
gesamten Geschichte der Samurai war so umfassend. Doch wenn gleich
diese Schlacht eine der berühmtesten ist, sind die konkreten
historischen Umstände wenig bekannt. Die Frage, wie Yoshitsune diesen
riesigen Triumph über die Taira erringen konnte; in einem Gebiet, in
dem die Taira Jahrhunderte lang die Vorherrschaft hatten und noch dazu
in einer Seeschlacht, einer von den Taira meisterhaft geführten
Kriegskunst; wird, von einigen wagen Hinweisen abgesehen, in den
historischen Aufzeichnungen kaum hinreichend beantwortet. Minamoto
Noriyori hatte Ende 1184 und Anfang 1185 relativ erfolglos versucht,
mit einer Landstreitmacht östlicher Krieger Kyushu zu besetzen.
Yoshitsune hingegen entschied sich, die Taira mit ihren eigenen Leuten
anzugreifen und dabei ihr eigenes Spiel zu spielen. Sein Erfolg dabei
ist ein weiterer Beweis für seine Genialität als Militärführer. Innerhalb
von nur einem Monat zwischen den Schlachten von Yashima und Dan-no-Ura
muß Yoshitsune eine beachtliche Anzahl Schiffe und Personal
rekrutiert haben. Vermutlich bestanden seine Truppen bei der
Seeschlacht zu großen Teilen aus den Kriegern lokaler Clans, die nach
der Niederlage der Taira bei Yashima zu den Minamoto überliefen. So
wechselte Heike Monogatari zufolge kurz vor Schlachtbeginn ein Anhänger
der Taira namens Tanzou mit 2000 Mann und 200 Booten die Fronten und
kurz zuvor hatte Kawano no Michinobu aus der Provinz Iyo auf Shikoku
die Minamoto mit 150 Booten verstärkt. Dies brachte den Minamoto
einen Vorteil von dreitausend Booten gegen eintausend der Taira. Azuma
Kagami hingegen berichtet von nur 840 Booten der Minamoto und 500 auf
Seiten der Taira, was mit einem Vorteil der Minamoto von weniger als
2:1 und „angemessenen“ Zahlen plausibler erscheint, da es auch
physikalisch äußerst unwahrscheinlich ist, die 4000 Boote der Heike
Monogatari in die Meerende bei Dan-no-Ura zu quetschen. Grund
für diese Frontenwechsel sind laut den Ausführungen der Heike
Monogatari zahllose ungünstige Vorzeichen für die Taira, die
voraussagen, daß ihnen eine katastrophale Niederlage bevorsteht. So
gruppierten sich die Taira vor der Schlacht bei Hikushima (Rückzugsinsel),
während sich die Minamoto bei Oitsu (Verfolgungsbucht) sammeln. Und
Tanzou entschied, sich den Minamoto anzuschließen, nachdem ihm vom
Geist eines Shintou-Schreins geraten wurde, dem weißen Banner (der
Minamoto) zu folgen und nachdem er beobachtete, wie sieben rote Hähne
beim Hahnenkampf von sieben weiße Hähne besiegt wurden. Das
Ausmaß der Vernichtung eines gesamten Clans hat der Schlacht von
Dan-no-Ura des weiteren einen unsterblichen Platz in der Welt der
japanischen Geistergeschichten eingebracht, die einen außerordentlichen
Umfang besitzt. Das schreckliche Ende so vieler Leben hat die Psyche
der lokalen Bevölkerung über lange Zeit beeinflußt. Für
Jahrhunderte wurde das Gebiet von Dan-no-Ura von Seeleuten gemieden,
da sie sich vor den ruhelosen Geistern der Taira fürchteten, die
verdammt waren, über die Wellen zu ziehen und Bauern sahen in ihrer
Phantasie Armeen von Geistern aus den Wassern steigen. Eine besser
bekannte Legende handelt von der Heikegani, der Heike-Krabbe. Man erzählt
sich, daß ihre Schale den Geist eines Kriegers enthalte. Und in der
Tat kann man mit ein wenig Vorstellungskraft in dem Muster auf der
Krabbenschale ein menschliches Gesicht mit dem Helm eines Kriegers
erkennen. Japans
neuer Herrscher Mit
Dan-no-Ura fand auch der Gempai-Krieg sein Ende und machte Minamoto no
Yoritomo, den Herr von Kamakura de facto zum Herrscher von Japan. Die
Schritte zu seiner Machtergreifung unterschieden sich stark von denen
der Fujiwara und Taira. Diese hatten stets versucht sich in das
bestehende System der Kaiserherrschaft einzubinden und die Macht von
innen heraus zu erlangen. Yoritomo hingegen entschied, von Kamakura
aus zu herrschen. 1192 wurde er schließlich vom Kaiser offiziell zum
„Seii-Tai-Shougun“ ernannt. Diese Jahreszahl gilt heute als Beginn
der Kamakura-Periode, die somit die Heian-Zeit ablöste. (eine
japanische Eselsbrücke zum Lernen dieser Jahreszahl: „1 1 9 2“ =
„i(chi) i(chi) ku ni“ = „ii kuni“ = „gutes Land“) Der
Titel des Shougun (ursprünglich „General zur Unterwerfung der
Barbaren“) war zwar ein zeitlich befristeter Titel für Militärbefehlshaber
zur Niederschlagung von Rebellionen, doch Yoritomo machte aus dem
zeitlich befristeten Amt ein permanentes, denn der Titel des Shougun
wurde erst am 4. Januar 1868 an das Kaiserhaus zurückgegeben!
Yoritomo hatte dazu eine erbliche Militärherrschaft eingerichtet, die
für alle Zeiten innerhalb des Minamoto-Clans bleiben sollte. Diese
wurde „Bakufu“ genannt, einem Wort, das von „Maku“ abgeleitet
ist, der Bezeichnung für die großen Vorhänge, mit denen die
Feldlager der Krieger umsäumt wurden. Dieses „Shogunat“ war im
wesentlichen eine Regierung der Krieger, von den Kriegern für die
Krieger. Der Kaiser blieb zwar als letzte Instanz erhalten, doch die
gesamte politische Autorität wurde von der einzigen im Lande
verbliebenen Macht übernommen - den Samurai. Wenn
man die legendären Aspekte des Gempai-Krieges außen vor läßt, kann
man ihn als eine Periode immensen Wandels in der japanischen
Geschichte sehen. Bis 1180 hatten die Taira die Methoden der höfischen
Intrigen und der herkömmlichen Wege zur Macht bis zur absoluten
Spitze gemeistert, doch sie wurden gestürzt, weil diese Methoden
bereits überflüssig waren, als sie begannen, sie zu benutzen. In den
26 Jahren ihrer Herrschaft hatten die Taira uneingeschränkte Macht über
ausgedehnte Gebiete des Landes und durch ihre Ländereien und den
Seehandel waren ihnen unermeßliche Reichtümer zugefallen. Allerdings
hatten sich die Taira zunehmend unbeliebt gemacht, besonders durch die
selbstherrlichen Methoden von Kiyomori; und das nicht nur bei Hofe, wo
er sowieso nur als tyrannischer Emporkömmling angesehen wurde,
sondern auch bei den Tempeln und, schlimmer noch, bei den Kriegerclans
der Provinzen. Doch dank ihrer spektakulären Niederlage erhielten die
Taira eine Art rückwirkende Sympathie. Das traditionelle Mitgefühl für
den Verlierer verband sich mit der buddhistischen Vorstellung von
Schicksal und Karma zu dem bekannten japanischen Sprichwort: „Ogoru
Heike ha hisashikarazu“ (Die stolzen Heike währten nicht ewig). 1185
hatten die Minamoto die Macht im Lande mit dem Schwert errungen und
das System einer feudalen Militärherrschaft, welches von Yoritomo im
Kantou errichtet worden war, wurde nun auf ganz Japan übertragen. Es
sollte fast sieben Jahrhunderte Bestand haben. Bruderzwist Der
Lohn für den größten aller Bushi sollte allerdings nur kärglich
ausfallen. Die
traurige Wahrheit, auch wenn Yoshitsune sie in seiner Naivität nur
langsam begriff, war, daß er durch seinen letzten Sieg über die
Taira seine Daseinsberechtigung für Yoritomo verloren hatte. Aus
dessen Sicht hatten die Tapferkeit und das militärische Können
seines Halbbruders ihren Zweck erfüllt und drohten nun, lästig zu
werden. Wie es schon in dem chinesischen Sprichwort heißt: „Und ist
der listige Hase erledigt, wird geschwind der Hund gekocht.“, hatte
Yoshitsune seine Schuldigkeit getan und den Feind erledigt. Nun
bedurfte es nur noch eines geringfügigen Anlasses für Yoritomo, um
sich seiner entgültig zu entledigen. Das
Verhältnis der Brüder Yoritomo und Yoshitsune war ohnehin nicht das
Beste. Die letzten Vorfälle um Ex-Kaiser Goshirakawa und verschiedene
Gerüchte hatten ihr übriges getan, um Yoritomo seinen Halbbruder
argwöhnisch betrachten zu lassen. Nun wurde ihre Beziehung von
weiteren Gerüchten und Berichten belastet, die nach Kamakura
gelangten. Einige der Gerüchte scheinen von seinem mißgünstigen
Halbbruder Noriyori zu stammen, die Hauptquelle war jedoch Kajiwara
Kagetoki, einer der engsten Gefolgsleute von Yoritomo, der die Gunst
seines Herren erworben hatte, als er ihm einst bei dem
„Taubenvorfall“ das Leben rettete. Sicher läßt sich nur sagen,
daß Kajiwara einer jener rauhen Krieger war, auf die Yoritomo seine
Herrschaft im Osten stützte. In der Legende wird er jedoch zum
Erzschurken, der von Neid und Haß auf Yoshitsune zerfressen, seinen
Herrn gegen den jungen Helden aufhetzt. Historisch
korrekt mag dies zum Teil sogar sein, denn der militärische Erfolg,
den die unkonventionellen Taktiken von Yoshitsune stets hatten, war
sicher ein Grund, um seine vorsichtigeren Mitstreiter zu verärgern
und ihre Eifersucht zu erregen. Und darin liegt zweifellos auch die
Ursache für die Beschwerden über Yoshitsune, die Yoritomo
erreichten. Nach
der Auseinandersetzung von Kajiwara und Yoshitsune in Watanabe kam es
auch vor der Schlacht von Dan-no-Ura zu Meinungsverschiedenheiten.
Laut Heike Monogatari wollte Kajiwara den Angriff selbst befehligen.
Yoshitsune hingegen meinte, es sei seine Aufgabe. „Unerhört“
schrie Kajiwara, „Ihr seid doch der Oberbefehlshaber (Tai-Shougun).“
„Keineswegs“ entgegnete Yoshitsune, „Unser
Oberbefehlshaber sitzt in Kamakura. Ich bin nur sein Stellvertreter in
der Schlacht, genau wie ihr.“ Kajiwara konnte seine Absicht nun
nicht weiterverfolgen und murrte: „Dieser Mann ist von Natur aus
ungeeignet, Soldaten anzuführen.“ Yoshitsune, der die Bemerkung
hörte, griff zu seinem Schwert: „Und ihr seit der größte
Dummkopf in ganz Japan. Ich gehorche keinem anderen als dem Herrn von
Kamakura.“ Kajiwara griff daraufhin auch zu seiner Waffe und
ihre Mitstreiter konnten sie nur mit Mühe zurückhalten. Die
Beschreibung dieser zweiten Konfrontation von Yoshitsune und Kajiwara
wird von den Autoren der Heike mit der Bemerkung versehen, daß „von
dieser Zeit an Kajiwara Kagetoki den Leutnant (Hougan) verachtete und
ihn letztlich durch seine Verleumdungen vernichtete“. Nach dem
Triumph von Dan-no-Ura versuchte Kajiwara sein Bestes, um den
Verdienst von Yoshitsune zu schmälern und betonte, daß der Sieg eine
„göttliche Fügung“ sei und nicht den Fähigkeiten einzelner
Heerführer zugeschrieben werden könne. Das
Motiv dieser undankbaren Welt verstärken die Tragik des Schicksals
von Yoshitsune, denn damit beginnt das letzte und wichtigste Kapitel
in seiner Geschichte. Script: Stephan Henker |