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Nen Ryu Die älteste Schule Japans Nen Ami JionZu Beginn steht eine
Legende... (Überlieferung der
Maniwa nen ryu)
Higuchi Matashichiro Einer der Schüler
der Nen ryu war Higuchi Taro Kaneshige, ein Samurai aus der
Kansei-Region. Er etablierte dieses Fechtsystem als Familientradition,
wo es dann tatsächlich für viele Jahre trainiert wurde. Wie es in
den klassischen Kriegskünsten üblich war vererbte er das Wissen
schließlich an seinen Sohn und so blieb die Nen ryu für die nächsten
Generationen innerhalb der Higuchi Familie bewahrt (unabhängig der
Hauptlinie der Schule). 200 Jahre nach Kaneshige - einer der Nachkommen der Familie, Higuchi Matashichiro Sadatsugu, war ein anerkannter Schwertmeister der Gegend und führte in Maniwa ein kleines Dojo, wo er andere Krieger im Ken jutsu unterrichtete. Den Überlieferungen nach wurde er eines Tages von einem entfernten Verwandten, dem Samurai Konishi Kyobei, zu einem freundschaftlichen Duell herausgefordert. Kyobei war zwar selbst als guter Fechter bekannt, doch er hatte nie die Qualitäten Matashichiros erreicht und zudem hatte ihn eine schwere Augenkrankheit fast erblinden lassen. So schien der Ausgang des Zweikampfes bereits zu Beginn des Duells festzustehen. Doch zu aller Überraschung unterlag Matashichiro dem fast blinden Kyobei. Unfassbar forderte er eine Revanche – doch der Ausgang blieb der gleiche. Kyobei konnte nicht bezwungen werden und außerdem war sein Fechtstil deutlich besser geworden, als man es aus früheren Tagen von ihm kannte. Auf die Fragen von Higuchi Matashichiro erzählte ihm Kyobei von einem Arzt namens Tomomatsu Seizo Fujiwara Ujimune (Gian ), der sein Augenleiden behandelt hatte. Dieser Arzt war gleichzeitig ein begnadeter Schwertfechter von dem sein Patienten in einer innovativen Methode des Fechtens unterwiesen wurde, die den Kriegern bisher völlig fremd war. Natürlich interessierte sich Matashichiro für die Techniken des Arztes und es stellte sich heraus, das Tomomatsu Gian der 7. Großmeister der Nen ryu, Higuchis alter Familienschule, war. Seit nunmehr 4 Generationen wurden die Techniken dieser Schule nicht mehr in Higuchis Familie ausgeübt und für Matashichiro eröffnete sich die Chance die verlorenen Traditionen wieder neu zu beleben. Als Gehilfe seines neuen Lehrers begab er sich ab dem Jahr 1574 auf Kriegerwallfahrt (Musha shugyo), indem er Gian auf seinen Reisen begleitete. Seinem jüngeren Bruder übergab er in dieser Zeit die Aufsicht über sein eigenes Dojo. Er arrangierte sich während der Reise mit Gian, indem er dessen Instrumente und Hausapotheke auf seinem Rücken trug und im Gegenzug dafür von ihm im Ken jutsu unterwiesen wurde. 16 Jahre später, im Jahr 1590, in seinen Heimatort Maniwa zurückkam verbesserte er die gelernten Techniken mit Hilfe der erhaltenen schriftlichen Aufzeichnungen über die Nen ryu, die seine Familie noch besaß. Bereits 1591 erhielt er von Gian die Erlaubnis den Namen der Schule zu führen und 1595 war er in alle Geheimnisse der Ryu eingeführt. Im Jahr 1598 soll er schließlich alle Mysterien des Fechtsystems ergründet haben und Tomomatsu Gian übergab das Erbe der Nen ryu dann an Matashichiro, der ihr 8. Großmeister wurde. Nach den Überlieferungen der Maniwa nen ryu war dies der Zeitpunkt, an dem die Schule mit der Higuchi Familie verwoben wurde, welche die Ryu bis in die heutige Zeit ununterbrochen fortführte. Matashichiro etablierte sein System auf der Grundlage der traditionellen Nen ryu und den überlieferten Familientraditionen – dies war die Geburtsstunde der Maniwa nen ryu.
Die neue Schule Das neue Dojo in Maniwa wurde in kurzer Zeit recht erfolgreich. In der Ortschaft Maniwa waren vor allem Landsamurai (Jisamurai) angesiedelt, welche den untersten Kriegerrängen angehörten. Sie lebten in Friedenszeiten wie Bauern, gehörten jedoch der Samuraikaste an und hatten im Gegensatz zu Bauern und Städtern das Recht einen Familiennamen und Schwerter zu tragen. Hier etablierte sich die Ryu als Ausbildungsstätte der niederen Samurai des Ortes und der Umgebung. Die meisten der Schüler waren, wie auch die Familie Higuchi Matashichiros, Angehörige dieser Klasse, die ihrem Stückchen Boden ebenso nahe standen wie ihren Waffen. Nahe Maniwa liegt die
Burgstadt Takasaki, welche als Kontrollpunkt für die alte
Nakasendo-Heerstraße fungierte. Dort diente ein Mann namens Murakami
Tenryu, ein Angehöriger der Tendo ryu, auf der Festung als Samurai.
Angeblich soll er aus über 100 Duellen siegreich hervorgegangen sein
und sein Ruf war weit über die Grenzen der Stadt bekannt. Das neue
Dojo muß für ihn Herausforderung oder Konkurrenz gewesen sein,
jedenfalls wurde es von einem unbedeutenden Landsamurai statt von
einem altgedienten Krieger geführt.
Maniwa nen ryu Die Maniwa nen ryu
ist aber nicht nur eine Schwertkampfschule. In dem noch heute fast in
unveränderter Form bestehenden Dojo in Maniwa werden außerdem die
Techniken des Naginata jutsu (Schwertlanze) und des So jutsu
(Speerkampf) vermittelt. Somit beinhaltet diese Ryu die klassischen
Kriegswaffen Japans, welche hauptsächlich auf dem Schlachtfeld und
nicht in der Selbstverteidigung zum tragen kamen. Innerhalb der Ryu
werden die Techniken dieser Waffen gegen das Schwert unterrichtet. Und
eine vierte Kampfmethode wurde ab dem 18. Jhdt. in das System
aufgenommen – Yadome jutsu (Pfeilstop-Techniken). Diese außergewöhnliche
Kunst soll einen Krieger befähigen, auf ihn abgeschossene Pfeile mit
seinem Schwert im Flug entzwei zu schlagen. Diese Techniken werden in
der Maniwa nen ryu mit Pfeilen geübt, welche statt der scharfen
Spitzen Köpfe aus gepolstertem Material haben. Der Schüler erwartet
den Schuß in einer tiefen Stellung, mit seinem Kurzschwert (Kodachi)
bewaffnet. Eine nüchterne Einschätzung der Situation, perfektes
Timing und ein gutes Auge sind Voraussetzung für diese
Kunstfertigkeit. Das Training dieser Techniken kommt durch die
Entwicklung der beschriebenen Eigenschaften letzt endlich genau so dem
Umgang mit den Langwaffen Naginata und Speer oder dem Schwertkampf zu
Gute. Die Kata der Ryu wirken sehr ritualisiert und bedächtig und werden in Verbindung mit starken Atemtechniken und Kiai (Kampfschrei) ausgeführt. Typisch sind weite Techniken und Schnitte, die in tiefen Stellungen die gegnerische Abwehr unterlaufen. In Ergänzung zur Kata kennt die Maniwa nen ryu auch ein freies Kampftraining (Kiriwari jiai), bei dem die Schüler Angriffe und Aktionen nach eigenem Ermessen wählen und welche dynamisch und schnell ausgeführt werden. Dieses wurde traditionell (noch vor der Einführung des modernen Kendo) bereits mit einer primitiven Schutzrüstung, bestehend aus gepolsterten Handschuh und Helm, welcher Kopfoberseite und Ohrbereich schützt, ausgeführt. Zudem verwendete man dazu noch ein Übungsschwert (Fukuro shinai), welches aus gesplitteten Bambus gefertigt wurde und zusätzlich mit Leder umwunden war. Diese flexible Trainingswaffe, welche außerdem noch in der Shinkage ryu und der Kashima shin ryu verwendet wird, gewährleistet ein praxisnaheres Üben als das herkömmliche Unterricht mit dem Bokuto (Holzschwert), bei dem alle Schläge vor dem Körper abgestoppt werden mußten. Ausgehend von den wenigen, speziellen Trefferflächen, die eine japanische Kriegsrüstung zuläßt, war man so in der Lage gezielt Techniken gegen gepanzerte Gegner zu lehren ohne das sich die Schüler beim Training verletzen. Mit dieser Trainingsmethode war man im historischen Japan sensationell fortschrittlich und konnte alle Übungen realitätsnah ausführen. Wahrscheinlich bildete die Maniwa nen ryu damit den Grundstein aller ähnlichen Trainingsformen welche später in Japan mit Schutzausrüstung und „weichen“ Übungswaffen ausgeführt wurden – bis hin zum modernen Kendo. Zeit Ihres Bestehens
war die Maniwa nen ryu eine lokale Ryu geblieben, die seit ihrer Gründung
1598 bis in die heutige Zeit eng mit dem Ort Maniwa und der Präfektur
Gunma verbunden blieb. Ihre Aufgabe bestand stets in der Gewährleistung
der Verteidigungsbereitschaft ihrer Provinz. Kempo dient der Selbstverteidigung Kempo soll das Leben von Menschen schützen, nicht nehmen. Kempo ist eine Kunst des Friedens, nicht einen Feind zu töten. Entgegen vielen
anderen berühmten Schulen, welche bemüht waren zu expandieren und
durch politische Verbindungen an Macht zu gewinnen (wie etwa die Yagyu
ryu) blieb die Maniwa nen ryu eine Ausbildungsstätte für einfachen
Landsamurai und später vor allem für Stadtbewohner der Gegend.
Genealogie der Maniwa nen ryu Im folgenden wird die
Linie der Großmeister der Nen- bzw. Maniwa nen ryu aufgeführt. Sie
belegt die ununterbrochene Fortsetzung der Traditionen innerhalb der
Familien Komatsubara (Nen ryu) und später der Familie Higuchi (Maniwa
nen ryu). Der Gründer: Soma
Shiro Yoshimoto Nyudo Jion (Nen ryu) Das vom 20. Großmeister
gegründete Dojo in Maniwa ist noch heute aktiv.
Script: Ulf Lehmann |