Lange Klingen - Naginata
Naginata - Teil 2Der
Aufbau aller Schwertlanzen, ob Nagemaki oder Naginata,
war vom Grundcharakter über die Jahrhunderte beibehalten
worden. Unabhängig ihrer Größe und Form gliederte man
sie nach der Montierung der Klinge in folgende Schema
ein:
| Naginata |
Bei
dieser Version wurde die Angel der Klinge tief im
Schaft versenkt. Diese Form war die
weitverbreitetste Variante von Schwertlanzen und
verdrängte ab der Muromachi-Zeit fast
vollständig die anderen uns heute bekannten
Montierungsarten |
| Tsukushi
naginata |
Die
Klinge dieser Form wurde mittels einer oder zwei
seitlich angesetzter Ösen am Griff befestigt. |
| Tai
no saki naginata |
Diese
seltenste Art eine Montierung wurde wie bei der
Tsukushi Form durch eine Hülse vorgenommen. Die
Klinge befestigte man jedoch nicht seitlich
sondern direkt oberhalb des Ösenkopfes, der auf
den Schaft aufgesteckt wurde. |
Während die beiden
letztgenannten Formen in den ersten Jahrhunderten ihrer
Verbreitung noch relativ oft gefertigt wurden, verloren
sie ab dem 13. Jhdt fast völlig an Bedeutung. Die
Erfahrung ergab eine tief im Griff (Nakae) versenkte
Klinge (Ha), welche gegenüber den durch Ösen
aufgesetzten Schneiden, einen viel stärkeren Halt und
einen festeren Sitz bei kriegerischen
Auseinandersetzungen bot. Zwischen Klinge und Schaft
fügte man , ähnlich den Schwertern, Stichblätter
(Tsuba) ein, die Hände und auch Griffteil im Nahkampf
vor abgeglittenen, feindlichen Schwertern abschirmte. Die
Tsuba der Schwertlanzen waren jedoch meist kleiner als
die von herkömmlichen Schwertern und wurden, wie bereits
beschrieben, mehr bei Naginata und weniger bei Nagemaki
eingesetzt. Die Schäfte, meist aus Eichenholz gefertigt,
erhielten eine Lackierung um sie vor allem gegen
Feuchtigkeit und Verunreinigungen zu bewahren. Je nach
Bedeutung der Waffe verwand man eine mehr oder minder
wertvolle Lackierung mit Wappen oder Ornamenten und
schützte die Klinge bei Transporten durch eine Saya
(Scheide), wie man es bereits von Schwertern und Speeren
kennt. Ebenso war ein Verstärken des klingennahen
Bereiches des Griffes (Tachi uchi) mit Metallzwingen
(Sakawa und Dogane) weit verbreitet, um ein Ausbrechen
der Angel und eine Beschädigung des Schaftkopfes durch
Konfrontationen mit anderen Waffen zu verhindern. Am
anderen, dem unteren Ende des Schaftes wurde wie bei
allen anderen Langwaffen die Ishi zuki Kappe
(Steinezerschläger) mit verschiedenartigen Spitzen zum
Einsatz für den Nahkampf befestigt.
Die Klassifizierung von Naginataklingen entsprach
allgemein dem System von herkömmlichen Schwertklingen.
Einige dieser Typen könnten sogar als Vorbild für
spätere Varianten vom Schwert- und Dolchformen gewesen
sein. Die häufigsten Versionen sollen im folgenden kurz
erwähnt werden:
Hira zukuri ( Flache Form )
Ko shiki zukuri ( Alter Stil Form )
U no kubi zukuri ( Kormoran-kopf Form )
Kamuri otoshi zukuri ( Kronentropfen
Form )
Die beiden letzteren Typen, U no kubi und Kamuri otoshi,
kann man als die meist verbreitesten Arten von
Naginataklingen bezeichnen. Sie sind, wie Schwertklingen,
Meisterstücke japanischer Schmiedekunst und so von enorm
hoher Qualität und Schärfe. Es ist jedoch schwierig
Vorteile dieser oder jener Klingenform aufzuzeigen,
unterlag ihre Entwicklung doch eher modischen oder
zeitmäßigen Zwängen als schwerwiegenden praktischen
Erwägungen..
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Naginata
Linke Seite von oben: Naginata / U no kubi ·
Kamuri otoshi · Ko shiki
Rechte Seite von oben: Tsukushi naginata (Heian
Periode) / Ko shiki · Hira zukuri
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Ab dem 15.
/ 16. Jhdt. gaben die Bushi jedoch mehr dem Speer den
Vorzug, so daß viele Naginata in den Behausungen der
Krieger zurückblieben. Die Frauen der Bushi, nach dem
Kodex ebenfalls Samurai, übernahmen die einstige
Männerwaffe und übten sich in deren Umgang. Für sie
lag die Bedeutung vor allem in der Verteidigung von
Familie und Heim. Die Waffe wurde immer griffbereit im
Hauptraum des Hauses aufbewahrt. Die Behausungen, vor
allem der Bushi der unteren Ränge, waren hölzerne,
einstöckige Häuser. Von einer kleinen Terrasse, wo man
sein Schuhwerk wechselte, betrat man den Hauptraum, von
dem alle anderen Zimmer und Räume des Hauses abgingen.
In diesem Vorzimmer waren Schwertständer (Tachi kake)
aufgestellt, auf denen Gäste ihre Schwerter während der
Zeit des Besuches ablegen konnten. In eben diesem Zimmer
waren aber auch Halterungen (Yari kake) über der
Außentür angebracht die die Naginata und Speere der
Familie aufnahm. So war sie im Falle einer Aggression
sofort greifbar. Insofern es sich nicht um hochrangige Bushi-Ränge handelte, war die Zahl der Dienerschaft meist
dementsprechend gering oder gar nicht vorhanden. Die
Frauen und Töchter mußten die Verteidigung ihres Lebens
selbst in die Hand nehmen, wenn die Männer auf
Feldzügen oder im Dienst waren. Stadterstürmungen und
Plünderungen waren zu jener Zeit genauso üblich wie in
jedem anderen Teil der Welt auch.
Das Waffentraining stärkte die Konstitution und die
Überlebenschancen der Frauen und Töchter so um ein
vielfaches. Man erwartete von ihnen im Ernstfall das
gleiche Verhalten wie von ihren Männern. Und es gibt
eine Vielzahl von Beispielen, wo die Töchter der Krieger
ihren Vätern, Männern und Söhnen mit der Naginata zur
Seite standen. Die wohl populärste Episode dieser Art
geschah vor knapp 100 Jahren zur Zeit der
Meiji-Reformation. Diese Reformationszeit war für Japan
die Epoche der großen Umbrüche, der Übergang vom
Mittelalter zur Industriegesellschaft. Durch neue
Gesetzgebungen und die Angleichung an westliche
Maßstäbe, schaffte der Kaiser den jahrhunderte alten
Status der Samurai-Kaste ab.
Die Bushi, deren einziger Broterwerb der Umgang mit
Waffen war, verarmten zu Tausenden. Plünderungen und
Aufstände waren die Folge. Ein besonders stolzer und im
Mittelalter gefürchteter Clan war die Familie Shimazu in
der Provinz Satsuma im südlichen Japan. Die Kagoshima
erhebung 1877, angeführt vom Clan der Shimazu, war so
gewaltig, daß die kaiserlichen Truppen, sämtlichst mit
Feuerwaffen ausgestattet, mehrere Monate in Schlachten
und Straßenkämpfe verwickelt wurden. Ein Abschnitt
dieses Krieges war der Zusammenschluß der Samuraifrauen
von Kagoshima. Sie bildeten eine eigene Einheit und
verteidigten mit ihren Naginata einen Teil des ehemaligen
Samurai machi (Viertel für Samurai-Familien) der Stadt
bis zum bitteren Ende. Ihre Chancen waren nicht sehr
groß, Klingenwaffen gegen Kugeln. Aber ihre Erziehung
als Kriegerfrauen erlaubten ihnen keine Alternative.
Nachdem fast alle Gefährtinnen gefallen waren
verbarrikadierten sich die letzten, überlebenden Frauen
in einem brennenden Gebäude vor den kaiserlichen
Soldaten und setzten ihrem Leben durch Jigai (Kehle
öffnen), die Art des rituellen Freitodes der
Samuraifrauen, ein blutiges Ende.
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Naginata
Aufbau der Waffe / nach jeweiligen Schulen auch
verschiedene Bezeichnungen
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Vom Umgang
mit der Schwertlanze sind heute über 425 Ryu
(Lehrsysteme) bekannt. Viele Schulen sind im Lauf der
Geschichte wieder verschwunden. Die bedeutendsten Ryu,
welche diese Kunst noch heute an ihre Schüler
weitergeben, sind die Tendo-, Katori shinto- und die Shin
kage ryu.
Der eigentliche Vorteil der Naginata, gegenüber den
anderen historischen Schnittwaffen Japans und
insbesondere gegenüber seinem Konkurrenten, dem Schwert,
ist ihre Länge und das damit verbundene Arbeiten auf
größerer Distanz. Einen Schwertkämpfer konnte man so
leichter unter Kontrolle halten als mit anderen
Waffenformen. Historische Sammlungen, in denen man noch
heute Naginata bewundern kann, führen Modelle von über
2 oder sogar 2,50 m, deren Klingen teilweise die Hälfte
der Gesamtlänge ausmachen. Diese Eigenschaft übte nicht
unbedeutenden Einfluß auf die japanische Kriegsführung
und die Entwicklung der Samurairüstungen aus. Durch ihre
größere Reichweite als das traditionelle Schwert konnte
man auch gezielte Angriffe auf Unter- und Oberschenkel
des Gegners anbringen, ohne sich in die Gefahr der
feindlichen Klinge zu begeben. Mit der Zeit wurde diese
Angriffsform eine Spezialtechnik des Naginatakampfes.
Diese Attacken konnten für einen Schwertkämpfer sehr
schwerwiegend sein. Als Antwort darauf trugen die Krieger
bei Kämpfen zu Fuß den Haidate (Schenkelpolster) und
Sune ate (Schienbeinpolster), Ober- und
Unterschenkelschutz aus gepanzerten Matten und metallenen
Verstrebungen. Frühe Formen sind teilweise aus massivem
Metall, von Größen, daß sogar die Knie noch Schutz
unter ihnen finden.
Durch ihren speziellen Aufbau konnte man die Naginata
vorteilhaft mit beiden Enden einsetzen. Einerseits als
Stoß und auch als Hiebinstrument. Die stumpfe Seite des
Schaftes wurde vorteilhaft zum ableiten und blocken
feindlichen Angriffe benutzt, indem man mit drehenden
Bewegungen und Paraden gegnerische Attacken stoppte.
Ebenso mit der gebogenen Klinge, mit welcher man, mit
weiten Schwüngen und Schnitten, seine eigenen
Gegentechniken vorbereitet. Durch ihre Länge und dem
damit verbundenen größeren Hebel kann man den
Naginatahieben eine größere Kraft verleihen, als sie
bei Schwertern möglich ist. Außerdem war es so
möglich, wie bereits erwähnt, vorteilhaft Füße und
Beine eines Gegners zu attackieren und ihn so
kampfunfähig zu machen. Diese Möglichkeiten
verschafften einem Krieger den eigentlichen Vorteil
gegenüber einem mit einem Schwert bewaffneten Feind.
Die eigentliche Technikanzahl sind ähnlich gering denen
des Ken jutsu. Naginata jutsu (Naginata Kunst) beinhaltet
neben den bekannten Yoko giri (Seitschnitt), Kesa giri
(Schärpenschnitt), Tsuki (Stoß) und Kiri otoshi
(Schnitt abwärts) noch spezifisch auf die Fußattacken
zugeschnittene Formen. In der Katori shinto ryu haben
diese Techniken z.B. sehr poetische Namen. Kusanagi giri
(Grasmähendes Schneiden), ein diagonaler Hieb mit
gleichzeitigem Abknien des Kriegers oder Kamuri irimi no
gedan (von unten Richtung Kopf in den Körper
eindringen), ein vertikalen Aufwärtsschnitt, bei den
Füßen beginnend. Jede Schule hat hier ihre eigenen
Traditionen und Besonderheiten. Eine weitere Spezialität
der Naginata ist das kontinuierliche, schnelle Wechseln
der Schnittrichtungen. Ha gaeshi (Klinge zurückführen),
wie diese Technik genannt wurde, erlaubt dem
Naginatakämpfer eine schnelle Schnittfolge, um auch auf
engerem Raum einen Kontrahenten zu bedrängen. Einige der
bekannteren Formen dieser Art sind uns heute als Kazu
guruma gaeshi (Windmühlenschnitt), Mizu guruma geashi
(Wasserradschnitt) oder Cho gaeshi (Schmetterlingschnitt)
überliefert.
Ab Mitte des 19. Jhdt. fertigte man die Schwertlanzen
etwas leichter, speziell für den Umgang für Frauen. Die
Klinge wurde schmaler und der Schaft verlor an Stärke.
Die Atarashi naginata, wie diese neuzeitlichere Waffe
genannt wurde, wurde bald Standardform des
Naginatakampfes.
Moderne Methoden des Naginata do (Weg der Schwertlanze)
sind etwa mit der Entwicklung des auch in Europa
bekannten Ken do (Weg des Schwerts) gleichzusetzen.
Dafür führte man in der Tokugawazeit, ebenso wie beim
Ken jutsu, Brustpanzer (Do), Kopfschutz (Men) und
Handschuh (Kote) ein. Zusätzlich benutzt man noch auf
die Technik der Naginata zugeschnittene Beinschützer
(Sune ate) wie bei realen, alten Kriegerrüstungen. Alle
Übenden verwendeten diese Schutzrüstungen um die Gefahr
einer Verletzung auf ein Minimum zu reduzieren. Eine
elastische Bambus-Klingenattrappe, die Keiko naginata,
fungiert anstelle der scharfen Klingen der Vergangenheit
als Übungsinstrument. Durch die Übernahme dieser Waffe
durch das weibliche Geschlecht änderte sich mit der Zeit
auch etwas in der Technikführung der Schwertlanze. Die
Frauen erweiterten etwas die Distanz (Maai) des
Kampfgeschehens gegenüber den Männern und bevorzugten
die harmonischeren Kreisbewegungen statt der
herkömmlichen Schnitt- und Schlagtechniken.
Ausschlaggebend hierfür ist wohl der Umstand, daß in
den klassischen Schulen vor allem das Treffen zwischen
Naginata und Schwert trainiert wurde, im modernen
Naginatasport jedoch Schwertlanze gegen Schwertlanze
gekämpft wird.
Nach dem II. Weltkrieg gründete man auf der Basis der
Techniken der Toda-, Tendo- und Jikishin kage ryu die
moderne Form des Naginatasports mit einer Anzahl von 25
verschiedenen Techniken. Naginata do ist eine Methode die
heute fast ausschließlich von weiblichen Sportlern
betrieben wird.
Script: Ulf
Lehmann
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