Polizeiwaffen im alten Japan
Jutte und Hachi wariEine
der typischsten japanischen Waffen des Mittelalters, wie
sie nur dort verwendet wurde, war der Jutte (oder Jitte).
Für seinen Namen gibt es keine genaue Übersetzung in
die deutsche Sprache, Parierstab, Polizeiknüppel oder
Schwertbrecher wären nur unzureichende Bezeichnungen.
Wörtlich wiedergegeben hieße Jutte "Zehn
Hände", womit die Japaner meinen "mit der
Kraft von zehn Männern kämpfen" oder besser noch
"gegen zehn Männer kämpfen". Diese
Parierwaffe tauchte in ihrer uns heute bekannten Form im
16. Jhdt. in Japan auf, und zwar als Entwicklung zweier
älterer Formen, dem Uchi harai jutte und dem Hachi wari.
Beides waren Abwehrinstrumente, welche schon Anfang des
15. Jhdt. verbreitet waren. Der modernere Jutte stellte
eine Symbiose beider dar, indem er die Vorteile beider
Waffen verband.
Der lange Uchi harai jutte (Schlag und Block Jutte) glich
eher einer Peitsche in seiner Form. Aus Holz in
Schwertlänge gefertigt war er mehr ein Selbstverteidigungs-Instrument als eine reale Kriegswaffe.
Mit einer metallenen Abfanggabel versehen, konnte man ihn
hervorragend zum ableiten von Angriffen und selbst auch
zum Schlagen benutzen. Nach seiner Gesamtlänge und der
Griffart zu schließen schien man ihn sowohl ein- als
auch zweihändig eingesetzt zu haben. Seine Funktion
könnte man vielleicht mit den Spazierstöcken der
europäischen Herren des 18. Und 19. Jhdt. vergleichen,
welche in gewissem Maße auch Waffencharakter besaßen -
man denke nur an die Variante der Stockdegens. Und so
führten auch die Japaner den Uchi harai jutte wie ein
Schwert in einer Scheide im Gürtel getragen, wodurch er
vor allem bei Kaufleuten und Städtern sehr beliebt war.
Nach mittelalterlichem Standesrecht war ihnen das Tragen
von scharfen Waffen verboten.
Der zweite Ahne des Jutte war der bereits erwähnte Hachi
wari, (Kopfbrecher). Diese kurzschwertartige Waffe wurde
mit einer gebogenen, stumpfen Klinge versehen, welche
lediglich eine Spitze besaß. Anstatt der üblichen
Parierstange stattete man ihn mit einem von der Klinge
ausgehenden Dorn aus. Dieser übernahm im Ernstfall
jedoch weitestgehend die Aufgaben als Blockinstrument und
wird deshalb auch unter den Parierwaffen klassifiziert.
Ein gewöhnlich weiter verbreiteter Name des Hachi wari
war Kabuto wari (Helmbrecher). Allerdings sind beide
Übersetzungen etwas irreführend. Für die Bushi war
diese Waffe eher ein reines Selbstverteidigungs- oder
Nahkampfgerät ähnlich den Mete zashi oder Yoroi doshi
Dolchen in Verbindung mit Techniken des waffenlosen
Kampfes. Man nimmt an, das der Hachi wari als Hebel- und
Stichwaffe an der gegnerischen Rüstung eingesetzt wurde
und wohl durch diese Eigenschaft seinen etwas
eigentümlichen Namen erhielt. Angeblich soll er von
Kusonoki Masanori (gest. 1390) entwickelt worden sein und
seine Beherrschung galt unter den Kriegern als geachtete
Fähigkeit. Der Vater des legendären Schwertmeisters
Miyamoto Musashi, Munisai soll ein Experte im Umgang mit
dem Hachi wari gewesen sein. Seine Kunst im
"Kopfbrechen" war zu seiner Zeit so berühmt,
daß er sie sogar vor dem damaligen Shogun Ashikaga
Yoshiaki, dem weltlichen Herrscher Japans, in
Schaukämpfen demonstrieren durfte und dafür hoch geehrt
wurde.
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Jutte Die
perfekte Waffe im Nahkampf- leicht und kurz.
Gegen bewaffnete Angreifer ist sie auf nahe
Distanz, also bei Festnahmen oder
Überwältigungen von Straftätern, durch ihren
Aufbau flexibler zu nutzen als das Katana oder
andere längere Waffen. Durch ihre Massivität
ist sie dennoch geeignet selbst Schwerthiebe
abzufangen.
Jutte
Jutte
Hachi (Kabuto) wari
Uchi harai jutte
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Der neu entwickelte Jutte wurde von den Bushi zwar nicht
im konventionellen Sinne benutzt, zählt aber ebenso wie
Kampffächer oder Sichel zu den klassischen Waffen
Japans. Die ersten bekannten Arten des Jutte waren
herkömmliche Dolche (Tanto) mit Scheide (Saya) und den
bekannten scharfen Klingen. Neben dem Handschutz (Tsuba)
versah man diese Dolche mit einer externen Parierstange
parallel zur Klinge. Mit ihr war man in der Lage,
abgefangene Schwertklingen durch eine Eigendrehung oder
Verkantung der Waffe zu blockieren und sie so unter
Kontrolle zu halten. Später, ab dem 17. Jhdt. ersetzte
man die scharfe Dolchklinge durch einen massiven
Eisenstab mit rundem oder mehrkantigem Querschnitt und
kürzte die Spitze zu einem Stumpf. So verlor der Jitte
zwar etwas an Gefährlichkeit aber die beabsichtigten
Schutz- und Abwehrfunktionen blieben erhalten. Außerdem
konnte man zur Unterstützung der Technik nun auch den
vorderen Teil der Waffe mit der Hand greifen, was
wiederum zu einer flexibleren Auswahl an Anwendungsformen
führte, welche mit einer scharfen Klinge derart nicht
möglich wären. Diese Form war im Kampf sicher auch
nicht so anfällig auf Bruch und Ausplatzungen wie ihre
Vorgänger mit den flachen Klingen. Mit diesen
Eigenschaften erfüllte diese neue Waffe ihren Zweck,
ebenso wie Kette und Stock, hervorragend im Bereich von
Wachpersonal und Polizei zur unblutigen Überwältigung
von bewaffneten Störenfrieden. Sie verband die Vorteile
der Pariergabel des alten Uchi harai jutte mit der
Handlichkeit und Massivität der Hachi wari. Diese
erstklassige Parierwaffe wurde später mit einem runden
Griff statt den vorherigen normalen Dolchgriff und einer
Leder- oder Kordelwicklung versehen. Sie besaß nun auch
keine Saya mehr und wurde einfach in den Obi (Gürtel)
gesteckt oder an einer Schnur oder Ring getragen. Längen
und Gewicht der Waffe waren sehr individuell (bis 50 cm)
ebenso die schon beschriebenen Formen. Es soll über 200
verschiedene Varianten geben, welche sich jeweils von
Schule zu Schule unterschieden. Eine dicke Stoffquaste,
welche man am Griffende anbrachte tarnte zusätzlich die
Bewegungen des Jutte bei seinem Einsatz. Durch ihr
herumwirbeln und pendeln erschwerte sie dem Gegner die
Waffe genau zu fixieren und so Techniken und Bewegung
einzuschätzen.
In der Muromachiepoche (bis 1573) wurde oft die Mitsu
dogu (3 spezielle Lanzen) als typische Waffe von Polizei
und Sicherheitskräften erwähnt. Anfang des 17. Jhdt.
verdrängte der Jutte jedoch diese Langwaffen und bereits
Ende des Jahrhunderts ging er endgültig in den Besitz
der Polizeieinheiten über und wurde schließlich deren
Symbol und Markenzeichen in der Tokugawazeit. Dort blieb
er bis ins 19. Jhdt. als Hauptwaffe der Behörden im
Gebrauch. Für die mittelalterliche Polizeitruppe hatte
der Jutte neben seiner Art als Waffe aber auch eine
andere bedeutende Rolle. Das klassische japanische
Rangsystem grenzt sich vor allem durch offiziell getragen
Statussymbole ab. Einfache Polizeibeamte gehörten jedoch
nicht der Klasse des herrschenden Schwertadels (Buke) wie
die Bushi an, sondern rekrutierten sich aus dem Stand der
Städter (Heimin). Nach den Bauern der dritte, und vor
den Unwürdigen (Eta oder Hinin) der vorletzte Status im
japanischen Staatssystem. Um diesen Beamten trotz allem
eine gehobene Stellung innerhalb aller Klasse zu geben,
wurden komplizierte Regeln geschaffen. Einzig die Yoriki
(Polizeivorsteher), gehörten dem untersten Samurairang
an und trugen dementsprechend die Tracht mit den weiten
Hakama (Hosen) und dem dazugehörigen Überkimono
(Haori). Wie alle Bushi hatten sie das Recht auf zwei
Schwerter (Daisho) als äußeres Statussymbol. Jeder
Yoriki hatte ein ihm unterstelltes Stadtviertel (Machi),
für dessen Ordnung er persönlich verantwortlich war.
Ihm oblag die Gerichtsbarkeit und der Frieden seines
Bezirkes. Als Vorsteher hatte er aber mehr leitende
Aufgaben und befehligte so die eigentlichen
Gesetzeshüter. Doshin (Beamte), unterstanden den Yoriki
und bildeten sich aus der normalen Stadtbevölkerung. Sie
erledigten die "schmutzigere" Polizeiarbeit wie
Festnahmen und Wachgänge durch die zugewiesenen Reviere.
Allein Bestrafungen und Exekutionen führten die
außenstehenden Hinin aus(Todesstrafe - ein im alten
Japan ziemlich oft ausgesprochenes Urteil - sogar
Japanreisende im letzten Jhdt. beklagten die schnelle
Verurteilung für selbst kleine Vergehen mit dem Tode /
z.B. F. Beato). Als Rangabzeichen erlaubte man den Doshin
das zeitweise Tragen eines einzelnen Schwertes zu
feierlichen Anlässen, ebenso wie Ärzten und Vorstehern
besonderer Ämter. Der Hakama als Kleidungsstück war
ihnen jedoch verboten. Dafür zeichnete sie der
öffentlich getragene Jutte als Beamte aus und erhob sie
so über das gemeine Volk. Da ein Rangsystem innerhalb
des Polizeiapparates nach Abzeichen oder Orden in Japan
nicht bekannt war, unterschieden sich die Beamten durch
die Farbe der bereits oben beschriebenen Quasten an ihrem
Jutte. Diese änderte sich zwar geringfügig von Zeit zu
Zeit und auch regional, man kann aber sagen, das die
Farben in aufsteigender Form folgende Bedeutung hatten:
Schwarz für einfache Polizisten, dann Rot, und für die
höheren Ränge Purpur oder Violett. In der Tokugawazeit
gehörte der Jutte neben Kusari (Kette), Nawa (Seil) und
dem 6 Shaku langen Stock (Roku shaku bo) zur Standardausrüstung
der bewaffneten Polizeieinheiten.Die Langwaffen Sode
garami (Ärmelgreifer - eine mit Dornen versehene
Hakenwaffe), Sasumata (die Variante einer eisernen Klaue
) und der Tsuku bo (Stoßstock - T-förmige Langwaffe),
vormals Hauptwaffen der Polizei in der Muromachizeit
wurden in der friedlicheren Tokugawaperiode durch die
neuen Waffen vollkommen abgelöst.
Es soll unter vornehmen Damen der großen Städte wie Edo
oder Kyoto sogar als Modeartikel üblich gewesen sein,
einen Jutte in kleiner Ausführung zu tragen.
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Mitsu
Dogu Die Vorteile dieser alten
Langwaffen liegen auf der Hand. Wie mit einer
Lanze konnte man einen Gegner durch die Länge
der Stange auf Distanz halten. Die Dornen an den
Köpfen der Instrumente konnten einen Angreifer
abschrecken oder besser noch, durch verhaken in
seiner Kleidung unter Kontrolle halten. Mit dem
Tsuku bo war man in der Lage den Gegner in eine
Ecke zu drängen oder auf der Erde festzuhalten,
wo man ihn entwaffnen und binden konnte.
Sode
garami
Sasumata
Tsuku bo
Kumade
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Die Aktionen des Jutte sind eine Vermischung von Stock-
und Schwerttechniken. Man konnte mit ihm schlagen und
stechen ohne einen Gegner töten zu müssen und war sogar
in der Lage die extrem scharfen Schwertklingen von
Kriegern zu parieren. Sein Einsatz glich eher dem eines
eisernen Schlagstockes als einer Stichwaffe. Durch seine
Länge und Gewicht konnte man ihn schneller und flexibler
handhaben als die längeren Schwerter. Neben der Funktion
des Klingenfangens durch die Parierstangen ließen sich
diese genauso gut zum Niederhalten eines Angreifers in
Form eines Haken verwenden. In die Kleidung gefahren
konnte man mit ihm Arme oder Hände hebeln und dem
Aggressor so Schmerzen zufügen ohne ihn ernsthaft zu
verletzen ( eventuell war es für die Karriere eines
Doshin nicht sehr vorteilhaft einen betrunkenen Krieger
im Handgemenge zu töten ). Die Festsetzung von
Delinquenten erfolgte jedoch stets in Verbindung mehrerer
Beamter unter Zuhilfenahme verschiedener Geräte, wie
Stöcke, Lanzen und Seile. So spielte der Jutte vor allem
als persönliches Selbstverteidigungs-Instrument eine
Rolle und nicht als offensive Waffe.
Die Ikkaku ryu, ein Kampfsystem gegründet von Matsuzaki
Kinzaemon beinhaltet den Umgang mit dem Jutte. Hier
verwendet man eine Waffe von 45,5 cm Länge und einem
Gewicht von über einem halben Kilo. Seine Grundform ist
ein 6-kantiger Eisenstab - bei Schlägen mit der Waffe
verringert man so die auftreffende Fläche, was die
Wirkung des Treffers deutlich erhöht. Desweiteren wurde
die Abfanggabel des Jutte auf der Innenseite geschärft,
was ermöglichte, das Instrument im Nahkampf auch als
Schnittwaffe einzusetzen. In der Ikkaku ryu wird der
Umgang mit dem Jutte in jeweils 12 Omote und Ura Kata
überliefert. Dabei spielt auch die Kombination von Jutte
und dem Einsatz eines Metallfächers (Tessen) als Abwehr
und Angriffswaffe eine Rolle (nach P. Krieger).
Script: Ulf
Lehmann
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