Fremde Religion
Japanische Geschichte - Teil 2"Der Klang der Glocken des
Gion-Tempels verkündet die Unbeständigkeit aller Dinge
und die Färbung der Blühten am Sala-Baum enthüllt,
daß diejenigen, die erblühen, auch verwelken müssen.
Der Stolze währt nicht ewig, er ist wie ein Traum in
einer Frühlingsnacht. Selbst der Mächtigste vergeht wie
Staub vor dem Wind." (aus "Heike
Monogatari")
Die japanische Geschichte wird in Perioden eingeteilt,
die nach dem jeweiligen Sitz der Regierung benannt sind.
In der Neuzeut wird dafür der Name des Kaiser verwendet.
Nara (710-793)
Heian (794-1184)
Kamakura (1185-1333)
Muromachi (1334-1575)
Azuchi-Momoyama (1576-1614)
Edo(1614-1867)
Meiji(1868-1912)
Taishou(1912-1923)
Shouwa(1923-1989)
Heisei(1989- )
Chronologie
57 japanische Delegation in China
ca. 360 japanische Invasion in Korea
ca. 405 Einführung der Schrift aus Korea
552 Einführung des Buddhismus
Japanischer Einfluß in Korea wird durch das
Silla-Königreich verdrängt
604 Chinesischer Kalender übernommen
645 Taika Reform
663 Niederlage in Korea gegen die Silla
702 Verkündung des Taihou Kodex
710 Beginn der Nara-Periode
Erste permanente Hauptstadt in Nara
Verwaltung nach chinesischem Vorbild
Buddhismus blüht auf
ca. 740 Fujiwara-Clan gewinnt stark an Einfluß
784 Hauptstadt wird nach Nagaoka verlegt
Kaiser auf Reisen
In Gedenken an Izanagi's Bad nach seiner Rückkehr aus
dem Reich der Toten, vollführten die frühen Kaiser
endlose Zeremonien von rituellen Reinigungen, besonders
nach Kämpfen oder anderen Begegnungen mit dem Tod. Es
war nicht die Angst vor dem Tod selbst, sondern mehr vor
der Verunreinigung und Verwesung, die mit dem Tode
einhergeht. Reinheit war vergleichbar mit Göttlichkeit.
Ein Haus mußte verlassen werden, wenn es vom Tod
heimgesucht wurde, selbst der Kaiserpalast. Für den
neuen Kaiser wurde eine neue Hauptstadt errichtet. So
kamen und gingen mit den Kaisern auch die Hauptstädte,
doch das Ansehen seiner Person, mit den Zeichen seiner
Macht, dem Spiegel der Weisheit, dem Schwert der Stärke
und dem Juwel der Reinheit, nahm stetig zu.
Schon seit Beginn unserer Zeitrechnung pflegten die
Japaner diplomatischen Kontakt zu ihren Nachbarn,
insbesondere zu China. Korea kennt auch eine japanische
Invasion. Die Kaiserin Jingou führte im 4. Jh., trotz
Schwangerschaft, selbst ihre siegreichen Truppen in
Korea. Nach ihrer Rückkehr nach Japan schenkte sie einem
Sohn das Leben, dem späteren Kaiser Oujin. Er wurde nach
seinem Tod als der Kriegsgott Hachiman verehrt. Doch
Hachiman und die anderen Shintou-Gottheiten konnte sich
nicht lange der ungeteilten Aufmerksamkeit der Japaner
erfreuen. Im frühen sechsten Jahrhundert kamen fremde
Götter: Ein Missionar brachte aus Korea eine Statue
Buddhas.
Buddhismus
Der Begründer des Buddhismus war Siddhartha Gautama. Er
wurde 563 vuZ. als Prinz in Lumbini geboren, einem
Landstrich an der Grenze des heutigen Indien und Nepal.
Im Alter von 20 Jahren verließ er Frau und Kind, um in
einem enthaltsamen Leben Erleuchtung zu finden. Doch auch
die Jahren des Studiums und der Entbehrungen brachten ihm
keine Erfüllung. So suchte er seinen eigenen Weg. Er
setzte sich mit gekreuzten Beinen unter einen Bodhi-Baum
und meditierte 49 Tage lang. Damit wurde er im Alter von
35 Jahren während einer Vollmondnacht im Mai zu Buddha
(jap. Nyorai), zum "Erleuchteten". Kurz danach
hielt er seine erste Predigt, "Das Rad der Wahrheit
bewegen". Buddha war kein Gott, er behauptete selbst
nicht einmal, der Erleuchtete zu sein, dennoch folgten
ihm viele. Er predigte noch 45 Jahre bis zu seinem Tod im
Jahre 483 vuZ. Buddha war auch bekannt als Sakyamuni, da
er vom Clan der Sakya (jap. Shaka) abstammt. Nach
buddhistischem Glauben war er einer von vielen Buddhas,
die in Vergangenheit und auch in Zukunft erscheinen. Etwa
140 Jahre nach Buddhas Tod bildeten sich zwei Schulen:
Hinayana und Mahayana. Hinayana ("kleiner
Wagen") lehrte, daß man nur mit dem Eintreten in
ein Kloster die Erleuchtung erfährt, während dies nach
dem Mahayana ("großer Wagen") jeder Mensch
kann. Hinayana verbreitete sich vor allem in Südindien,
Sri Lanka, Thailand und Indonesien. Mahayana wurde im
Inneren Asiens bekannt, in Tibet, China, der Mongolei und
in Japan.
Große Veränderungen
Doch zunächst wurde der Buddhismus von den Kaisern wegen
dem Widerspruch zu ihrem Status ablehnend betrachtet. Es
gab auch Konflikte mit dem Shintou-Glauben.
Merkwürdigerweise ist es aber gerade der Verdienst von
Shoutoku Taishi, dem Kronprinzen, daß der neue Glaube in
Japan integriert wurde. Die Rivalität zwischen
Buddhismus und Shintou konnte gelöst werden, indem
Shintou-Gottheiten als Manifestationen Buddhas
betrachtete wurden. Beide Religionen konnten so
nebeneinander existieren und gerade diese Koexistenz hat
die einzigartige japanische Kultur geschaffen. Shoutoku
entwarf auch einen Plan der Neuordnung Japans nach
chinesischen Lehren. Sein Werk starb nicht mit ihm im
Jahre 621, ein hoher Berater des Hofes, Fujiwara
Kamatari, führte seine Ideen weiter. Der Fujiwara Clan
sollte später eine Schlüsselrolle am Hof einnehmen.
China besaß aus japanische Sicht ein perfektes
Staatssystem. Somit wurde Japan als Miniaturversion der
Tang-Dynastie gestaltet. Statuen, Traditionen und noch
mehr wurden kopiert und an die örtlichen Gegebenheiten
angepaßt. Die "Großen Reformen" waren
schwierig und ihre Folgen weitreichend. Am bedeutendsten
war die Änderung des Steuersystems: die Taika-Reform.
Das patriarchalische System der Clans wurde durch eine
kaiserlich Bürokratie nach chinesischem Vorbild ersetzt.
Die Clans wurden enteignet und der Boden zu Eigentum des
Staates. Das Land wurde dann zu je 2 Tan (etwa 0,2 ha) an
jeden Mann über 5 Jahren und 2/3 der Größe an jede
Frau verteilt. Der neue Eigentümer zahlte drei Steuern:
Erntesteuer betraf den Reis; Warensteuer war zahlbar in
Naturalien, wie zum Beispiel Kleidung und die dritte
Steuer betraf Frondienste, was auch den Dienst beim
Militär einschloß.
Nara-Periode (710-793)
Im Jahre 710 wurde erstmals eine ständige Hauptstadt
eingerichtet: Heijou-kyou, das heutige Nara. Als Vorbild
für den Entwurf der Stadt diente Chan-an, die Hauptstadt
der nord-chinesischen Tang-Dynastie (heute: Xi-an). Mit
einem rechteckigen Grundriß von 4x5km wurde Nara schon
wesentlich kleiner ausgelegt als das Original, doch die
Bevölkerungszahl war stets zu gering, so daß die
westliche Hälfte der Stadt nie gebaut wurde.
Es bildeten sich sechs buddhistische Schulen, von denen
drei noch heute existieren. Um 740 wurde Nara von einer
Pocken-Epidemie heimgesucht. In den Tempeln wurde für
Rettung gebetet und Kaiser Shomu entschloß sich, eine
gigantische Buddha-Statue zu errichten. Es gab damals
schon zwei Tempel in der näheren Umgebung von Nara,
Houryuu-ji (Gründung 607), dem nachgesagt wird, er sei
die älteste Holzkonstruktion der Welt, und Yakushi-ji
(Gründung 680). Der neue Tempel, Toudai-ji (Großer
Östlicher Tempel) sollte beide überragen. Dieser Tempel
ist noch heute die größte hölzerne Konstruktion der
Welt und beherbergt im Daibutsu-den die gewaltige Statue
Buddhas, den Daibutsu.
Überall im Land wurden Klöster errichtet, um sich die
Gunst Buddhas zu sichern. Doch der Kaiser wurde so immer
mehr zum Knecht von drei Dingen: Buddha, dem Gesetz und
den Priestern. Die Kapitulation vor dem fremden Gott
zeigt sich kaum deutlicher als in den Handlungen von
Kaiser Shomu, der den Buddhismus quasi zur Staatsreligion
erhob. Bei der Einweihung des Toudai-Ji kniete der Kaiser
vor der Statue Buddhas nieder! Damit gab er den Priestern
eine Macht, die noch den Thron des Kaisers selbst
erschüttern sollte.
Doch auch am Hof gab es Ränke um Macht und Einfluß. Die
Fujiwara begannen systematisch mit der Infiltration der
kaiserlichen Linie. Das Prinzip war einfach. Eine Frau
konnte in der Hirarchie schneller aufsteigen, da sie
automatisch den Status ihres Ehemannes annahm. So wurden
schöne Töchter herangezogen und an Kronprinzen
verheiratet. Der Erfolg kann sich durchaus sehenlassen,
zwischen 724 und 1900 wurden 54 von 76 Kaisern von
Töchtern des Fujiwara-Geschlechts geboren. Die Fujiwara
wurden so zur wichtigsten Familie am Kaiserhof.
Das verteilte Land der Taika-Reform bestand nicht nur aus
Bauernland. Daneben gab es Land, daß nach Rang und
Verdienst vergeben wurde. Dieses hatte den Vorteil einer
geringeren Steuerlast. Am begehrtesten waren jedoch
Landgeschenke, da diese erstens steuerfrei waren und
zweitens zu permanentem Besitz des beschenkten Clans
wurden. Der Besitz der anderen Ländereien waren nur an
die Lebenszeit des jeweiligen Würdenträgers gebunden.
Es war nur ein kaiserliches Edikt nötig, um ein
Landgeschenk zu erhalten, und so sahen die Kräfte hinter
dem Thron darin eine Möglichkeit, ihren früheren Besitz
wiederherzustellen.
Der Grundbesitz der Tempel war nie Bestandteil der
Landreform. Die Priester konnten sich glücklich
schätzen, daß ihre frommen Taten nicht nur Krankheiten
vertrieben, sondern auch die Steuereintreiber
fernhielten. Der Einfluß der Priester wurde so groß,
daß sie begannen, sich in die Politik einzumischen. Der
Konflikt zwischen Tempel und Hof gipfelte in einem
Skandal um einen buddhistischen Hohepriester und der
Kaiserin. So wurde entschieden, die Hauptstadt zu
verlegen. 784 zog der Hof nach Nagaoka um, doch der Ort
erwies sich als ungeeignet. 10 Jahre später, 794, wurde
eine komplett neue Hauptstadt gebaut, Heian.
Buddhismus in Japan
Der buddhistische Glaube war schon 1000 Jahre alt, als er
Japan erreichte und es dauerte nicht lange, bis er zu
einem festen Bestandteil der japanischen Kultur wurde. Es
gibt viele Götter im japanischen Buddhismus, zB. Shaka,
der ursprüngliche Buddha, Amida (sanskrit: Amitabha),
der Buddha des westlichen Paradieses und Miroku
(sanskrit: Maitreya), der Buddha der Zukunft. Von Kannon
(sanskrit: Avalokitesvara), "die ihr Weinen
erhört", gibt es 33 verschiedene Ausführungen.
Jizou wird als ein Mönch mit Stab und Juwel in der Hand
dargestellt. Kleidungsstücke oder rote Tücher werden
ihm umgebunden, um die Seelen verstorbener Kinder
zuzudecken. Er gilt als Schutzpatron von Reisenden,
Kindern und schwangeren Frauen und hilft den Seelen der
verstorbenen Kinder bei ihrer Aufgabe, am Sei-no-Kawara,
dem Fluß der Unterwelt, Mauern aus Kieselsteinen zu
bauen. Als zusätzliche Unterstützung werden Steine um
die Statue gelegt.
Die Basis des buddhistischen Glaubens ist das Konzept der
ständigen Veränderung, Mujou. Daraus ergeben sich
Schlußfolgerungen, die zu den "Vier
Wahrheiten" des Buddhismus führen. Die erste dieser
Wahrheiten ist: "Leben ist Leiden". Die zweite:
"Das Leiden resultiert aus dem Verlangen der
Menschen, Besitz zu erlangen. Doch es ist unmöglich,
etwas vollständig zu besitzen, da sich alles ständig
verändert.". Die dritte: "Es gibt einen Weg,
sich von dem Leiden zu erlösen.". Und die vierte:
"Dieser Weg ist der Achtfach Edle Pfad (Korrekt in
Ansichten, Absichten, Sprache, Taten, Leben, Anstrengung,
Bedachtsamkeit und Konzentration)". Dieser Pfad
führt ins Nirwana, wo man völlige Freiheit findet. Die
"Vier Wahrheiten" sind immer grundlegend
gewesen, doch in den mittelalterlichen Zeiten klammerten
sich die von Kriegen und Entbehrungen gepeinigten
Menschen besonders stark an den Glauben, der ihnen
Erlösung versprach. Das Gefühl der menschlichen
Hilflosigkeit wurde noch durch die Anmerkung verstärkt,
daß die Welt in das Zeitalter des Mappou eingetreten
sei.
Nach buddhistischer Vorstellung gibt es drei Zeitalter:
die Zeit der Blühte der buddhistischen Ordnung
(Shoubou), die Zeit des Niederganges der Ordnung (Zouhou)
und die Zeit des Untergangs (Mappou), in der die Welt in
Dunkelheit und Zerstörung versinkt. Am Ende wird sich
die Ordnung selbst auslöschen. Die Japaner errechneten,
daß das erste Zeitalter im Jahre 552 endete. Das zweite
Zeitalter dauerte den Berechnungen zufolge nur 500 Jahre
und 1052 sollte die Zeit des Untergangs beginnen. Das
Geschick der Menschen sah man als das Werk von großen
mysteriösen Kräften, wie Schicksal (Unmei), Karma
(Inga) und dem Willen der Götter. Die Vorstellung vom
Mappou ist nur in Japan zu finden und hat maßgeblich die
zutiefst pessimistische Vorstellung geformt, mit der man
dort noch heute den Weg der Geschichte als ständigen
Niedergang betrachtet, der letztendlich in völliger
Zerstörung enden wird. Auch wenn schon morgen die
Apokalypse kommt, in Japan würden man sie bereits
erwarten. Andererseits ist dadurch auch die
bemerkenswerte Frage aufgeworfen worden, was nach dieser
Katastrophe kommen mag.
Der Buddhismus war anfangs nur eine Religion des Adels.
Die einfachen Menschen konnten mit dem Prinzip des Mujou
und den vier Wahrheiten nicht viel anfangen. Für sie war
diese Religion nur etwas, womit man böse Geister und
üble Dinge abwehren konnte und ging mit in die
Zeremonien des Shintou ein. In der "Zeit des
Untergangs" verloren viele Buddhisten ihr Vertrauen
in ihre eigenen Kräfte (Jiriki), die sie erlösen
sollten. So kam man dazu, auf Tariki zu vertrauen, auf
die Kräfte anderer. Dies führte zu neuen buddhistischen
Strömungen, deren bekannteste die Joudo-Schule ist, die
Schule des Reinen Landes, gegründet von Hounen
(1133-1212). Ihre Lehre basiert auf dem Versprechen von
Buddha Amida, all jene, die ihm Vertrauen schenken, in
das westliche Paradies zu führen. Hounen vermied
pedantische Lehren und zog Nembutsu, kurze Gebete vor,
die dem Gläubigen Erlösung bringen sollen. Durch diese
bodenständige (und leicht zu lernende) Anschauung wurde
der Buddhismus nun auch fuer das einfache Volk attraktiv.
Die Nichiren Schule hat ihren Namen von ihrem Gründer
Nichiren (1222-1282), der die traditionellen Lehren
ignorierte und Lotus Sutra als die wahre Lehre annahm.
Aber Nichiren wurde wegen seiner Forderung, die Religion
generell zu reformieren, nicht gerade wohlwollend
behandelt. In den späteren Jahrhunderten konnte seine
Schule aber ihren Einfluß vergrößern und viele der
neueren religiösen Bewegungen im heutigen Japan haben
ihre Ursprünge im Nichiren.
Script:
Stephan Henker
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