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| Waffe
und Technik Betrachtungen am Beispiel So jutsu
So jutsu - Speerkampf Bis
zur Einführung der Feuerwaffen im 17. Jhdt. galt über Generationen
hinweg der Speer als die effektivste Waffe auf den Schlachtfeldern
Japans. Fußsoldaten wurden mit ihnen ausgerüstet, um erfahrene
Samurai abzufangen oder die Reihen der eigenen Schützen vor
feindlicher Reiterei zu sichern. Geübte Krieger benutzen sie vom
Pferd aus oder zu Fuß als individuelle Waffe im Kampf Mann gegen
Mann. Im
Gegensatz zu den Sogo bujutsu ryu (Komplexe Kriegsschulen) gab es
jedoch auch Systeme die sich ausschließlich dem Gebrauch von Speeren
(So jutsu ryu) verschrieben hatten. Die meisten dieser Schulen
entstanden jedoch erst in der Tokugawa-Zeit, als sich eine allgemeine
Spezialisierung der neuen Ryu auf eine einzige Kriegskunst
durchsetzte. Das Hauptaugenmerk dieser Schulen lag in der
Unterrichtung von Kata (Trainingsformen), bei denen ein Speerkämpfer
lernte, sich gegen andere Langwaffen oder Schwertangriffe zu
verteidigen. Dieser Fakt steht als hauptsächlicher Unterschied zu den
allgemeinen Sogo bujutsu Systemen. Die So jutsu ryu konzentrierten
sich vordergründig auf eine einzige Waffengattung – den Speer,
wobei die verwendeten Technik speziell auf diese eine Waffe
zugeschnitten waren. In den komplexen Schulen, die Speertechniken
unterrichteten, unterlagen diese eher den schuleigenen Methoden. Das
heißt, sie richteten sich nach einem allgemeingültigen Verfahren und
Ryu-typischen Verhaltensmuster, daß es einem Schüler ermöglichen
sollte vom Dolch bis zur Langwaffe verschiedenste Waffensysteme mit
einem einzigen Kampfprinzip zu beherrschen. Bei solchen Systemen
gliederte sich der Speer in ein Lehrprogramm von unterschiedlichen
Waffen ein und mußte sich diesem auch „unterordnen“. Schulen
dieser Art benutzten vor allem Speere mit herkömmlichen, geraden
Klingen (Su yari). Dagegen
bevorzugten die So jutsu ryu vor allem Speere und Lanzen mit
besonderen Charakteren oder außergewöhnlichen Klingen. Die
Beherrschung dieser ausgefallenen Waffenformen war der große Vorteil,
den diese Ryu ihren Schülern boten und die ihnen eine Chance gegenüber
anderen Kriegern auf dem Schlachtfeld gab. So spielte das Erlernen von
speziell für diese Langwaffen entwickelten Abwehrtechniken, die
vorteilhafte Ausnutzung der langen Kampfdistanz der Speere, sowie
deren besondere Taktik- und Angriffsmethoden den Hauptinhalt des
praktischen Unterrichtes der Ryu.
Einige
der alten So jutsu ryu bestehen noch heute in Japan. Saburi ryuDie
Saburi ryu wurde von Saburi Shigetaka Ende des 16. Jhdt. gegründet. Shigetaka
studierte anfangs die Verfahren der Tomita ryu Lanzenkampftechnik, einer Schule,
welche auf den Traditionen der berühmten Chujo ryu beruhte. Auf deren Grundlage
entwickelte er sein eigenes Speerkampf-System, die nach ihm benannte Saburi ryu.
Seine Schule wurde später Vorbild für viele andere Speersysteme Japans, z.B.
auch die weiter unten beschriebene Owari kan ryu. Unter
Gengo Saemon, dem zweiten Großmeister der Schule und Veteranen der Schlacht von
Sekigahara (1600), wurde die Saburi ryu zum militärischen Ausbildungssystem der
Ikeda Familie unter Ikeda Terumasa (1564 – 1613), dem Herren der Burg von
Himeiji, Provinz Harima. Später wurde die Schule dann vom Asano Clan unter
Asano Tadayoshi in Mihara, Provinz Bingo, übernommen, wo sie über viele
Generationen bis zur Meiji-Periode (1868) Familientradition blieb. Heute hat die
Ryu ihren Sitz in Hiroshima, unweit ihrer historischen Heimat in Mihara.
Die
Techiken der Saburi ryu sind speziell auf die der Schule eigenen Waffenform
zugeschnitten – einem Speer von 2,97 m Länge und einer enormen
zweischneidigen Klinge von fast 70 cm. Außerdem ist die Waffe mit einem großen
Klingenfänger (Hadome), mit einer Schenkelbreite von ca. 30 cm, direkt hinter
der Spitze ausgestattet. Diese markante Waffe, ein Kagi yari (Schlüsselförmiger
Speer), ermöglicht im Kampf besondere Aktionen, wie sie sonst mit herkömmlichen
Lanzen so nicht möglich sind. Die Klingenfänger sind die auffälligsten
Eigenschaften der Saburi ryu Lanzen. Sie werden primär eingesetzt um
gegnerische Lanzenschäfte oder Klingen abzulenken, zu paralysieren und zu
blockieren. Ähnliche, wie man es von anderen Defensiv-Waffen, wie etwa dem
Jitte kennt, können feindliche Waffen oder gegnerische Körperteile
„gefangen“ und niedergehalten werden. Dies ist ein Schlüsselpunkt in der
Arbeit mit dem Kagi yari in der Saburi Schule. Durch weite Kreisbewegungen
werden die gestoppten und abgewehrten, gegnerischen Waffen dann aus der
Angriffsbahn gebracht. Eine Besonderheit der Saburi ryu ist, daß die lange
Klinge des Speers dabei wie ein Schwert auch zum Schneiden und nicht nur zum
Stechen oder Stoßen genutzt wird. Die
Verfahren der Saburi ryu werden in verschiedenen Kata (Trainingsformen) übermittelt,
die sowohl den Kampf Speer gegen Speer, Speer gegen Schwert und auch Soloformen
ohne Gegner beinhalten. Des weiteren sind Übungen bekannt, bei denen in
Schutzausrüstung nach realistischen Gesichtspunkten, aber mit gepolsterten
Waffen, gekämpft wird. Die Kata der Saburi ryu gliedern sich in 4 Gruppen; Kihon no kata (Basisformen), Kamayari no kata (Schlüsselspeerformen), Shinso no kata (Reale Speerform) sowie Tachiai no kata (Schwert gegen Speer). Hozoin
ryu
Die Hozoin ryu (Schule des Schatzspeicher Tempels) ist eine der wenigen japanischen Kampfsysteme welche nicht direkt von einem Angehörigen der Kriegerkaste gegründet wurde. Initiator dieser Ryu war Hozoin Kakuzenbo Inei (1521-1607), der Abt des Kofufuji-Tempels in Nara. Inei studierte die Techniken des Speerkampfes und des Schwertes bei Daizen Daifu Moritada, Kamiizumi Ise no Kami Nobutsuna (Shin kage ryu) und Yagyu Sekishusei Munetoshi (Yagyu Shin kage ryu), einige der berühmtesten Schwertmeister seiner Zeit. Noch heute gehört die Schule der Hozoin zu den bedeutendsten Speerkampfsystemen Japans.
Die
Lanze, welche die Hozoin ryu einsetzt ist ein Jumonji Kama yari (Kreuzförmiger
Sichel Speer) mit zwei gleichlangen, seitlichen Beiklingen von 9 cm Länge. Mit
einer Waffe dieser Klingenform lassen sich gegenüber einem geraden Speer
komplexere Kampftechniken ausführen. Stoßtechnik kombiniert mit horizontalen
und vertikalen Offensiv- und Defensivtechniken sind Spezialitäten der Schule.
Eine der Charakteristiken der Schule sind schnelle Aktionen aus einer
Ausgangsstellung, bei der die Speerklinge kurz über dem Boden zu schleifen
scheint. Vor hier aus startet die Waffe ihre Angriffe, die neben Stichen zum Körper
auch Attacken zu den Schienbeinen führt, wobei die Beiklingen als „Fußstopper“
eingesetzt werden. Eine weitere Eigenheit der Ryu ist eine spezielle Art des
Kontrollierens gegnerischer Langwaffen. Dabei wird die eigene Lanze in Rotation
versetzt, wobei die Beiklingen den Schaft der gegnerischen Waffe touchieren und
somit ablenken. Der Speers wickelt sich quasi um die feindliche Lanze und
dominiert somit deren Griff. Dort kann die Klinge bis zur gegnerischen Hand
gleiten und so die Führhand des Feindes schneiden. Ein solches Verfahren ist
praktisch nur mit Speeren der Kama yari Klingenform möglich und die Hozoin ryu brachte diese Methode
zur Perfektion – sie ist das eigentliche Geheimnis dieser Schule. Das
Partnertraining wird gänzlich ohne Schutzausrüstung durchgeführt, wobei
lediglich Lanzen mit gepolsterten Spitzen eingesetzt werden. Die Kata der Hozoin
ryu beinhalten in der heutigen Zeit lediglich den den Einsatz Speer gegen Speer
– in historischen Zeiten jedoch auch gegen andere Waffenformen. Die 35 Kata der Hozoin ryu gliedern sich in jeweils 14 originale Omote- (Basis, offensichtliche Techniken) und 14 Ura-Formen (Fortschritt, verdeckte Techniken), sowie 7 Shin-Formen, (Neue Kata), welche erst nach Inei´s Tod in die Schule eingeführt wurden.
Owari kan ryu Die
Owari kan ryu (Kan Schule der Provinz Owari) war über Generationen,
neben dem Shin kage
Schwertsystem, Hausschule der Familie Tokugawa in der Provinz Owari in
Mitteljapan, einem Seitenzweig des letzten Shogun-Geschlechtes Japans.
Die Heimatprovinz der Ryu lieh ihr auch ihren Namen – die Provinz
Owari. Tsuda
Gonnojo Nobuyuki (1654-1698),
ein Gefolgsmann des Fürsten Tokugawa Yoshimichi, war der Gründer
dieser Speerschule. Er entwickelte die Techniken dieser Ryu Ende des 17.
Jhdt, nachdem er vorher verschiedene andere Speersysteme studiert hatte,
wie z.B. die Saburi ryu oder die Itto ryu. Von der Itto ryu übernahm er
eine spezielle Lanzenform, die für seine Schule, die Owari kan ryu später
so charakteristisch werden sollte – den Kuda yari (Röhren Speer).
Die
Besonderheit des Kuda yari ist, daß der Schaft des 3,6 m langen Speeres
innerhalb einer handlichen Metallröhre läuft, wodurch man die Waffe im Stil
eines Billard-Queue führen kann.
Dabei kontrolliert die Führhand die Röhre, während die hintere Hand für Stoß
und Rückführen der Waffe verantwortlich ist.
Dieses Verfahren ermöglicht bei Angriffen eine höhere Genauigkeit durch
das Zielen mit der Röhre, eine höhere Geschwindigkeit sowie eine größere
Reichweite gegenüber den beidhändig geführten Techniken sonstiger Speeren.
Dies ist der eigentliche Vorteil der Owari kan ryu gegenüber anderen
Speersystemen. Des weiteren beschreibt der Stich mit dem Kuda yari eine
rotierende Bahn - er trifft mit einer halbkreisförmigen Bewegung sein Ziel, was
ihn für einen Gegner sehr schwer berechnen läßt. Der Stich (Tsuki) ist die
Haupttechnik der Owari kan ryu – nicht komplexe Abwehr- oder Angriffsmanöver.
In dieser Form unterscheidet sich Aufbau und Anwendung des Röhrenspeers
deutlich von allen anderen Speertypen Japans. Zum Partnertraining setzt die Owari kan ryu Schutzrüstungen ein, wie man sie auch beim Kendo benutzt werden. Daneben gibt es eine Vielzahl von Kata, welche mit Partner Lanze gegen Lanze ausgeführt werden. Neben dem Kuda yari (5 Kata) werden in der Owari kan ryu außerdem Kata mit herkömmliche Speeren aus anderen Schulen (z.B. Saburi ryu und Itto ryu) sowie Schwerttechniken, welche der Shin kage ryu entlehnt wurden, praktiziert.
Script: Ulf Lehmann |
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