Der heilige Stahl
Schwertkult im alten JapanWie fast jedes Kulturgut einer Nation seine
repräsentativen Kunstobjekte hat, besitzt auch die Lobby
der japanischen Schwerter eine Anzahl "heiliger
Klingen". Diese Schwerter schätzte man wegen ihrer
hohen Qualität, ihrer ehemaligen bekannten Besitzer oder
der ungewöhnlichen Ereignisse, welche diese Waffe
berühmt machten. Die Güte japanischer Schwerter, im
Faltschmiedeverfahren gefertigter Klingen, sind für
Härte, Stahlqualität, Widerstandsfähigkeit und nicht
zuletzt wegen Ihrer Schärfe berühmt und geehrt.
Diesen qualitativ hochwertigen Klingen widerfuhr eine
fast religiöse Verehrung. Wenn man davon ausgeht, daß
dem Schwert mit seinen Eigenschaften im Krieg der Garant
für das Überleben war, verwundert diese Hingabe nicht.
"Wenn ich mein Leben einer Waffe anvertrauen muß,
dann kann es nur die beste seiner Art sein, die ich
bekommen oder mir leisten kann" - der Standardspruch
beim Waffenkauf, heute wie vor 500 Jahren. Das solche
Klingen von Generation zu Generation weitervererbt werden
und für den Besitzer mehr als ein herkömmliches
Werkzeug sind ist leicht verständlich.
Es ist aber auch falsch anzunehmen, daß alle japanische
Klingen große Kostbarkeiten waren. Teilweise bestand
schon im historischen Japan eine Art Manufakturgewerbe,
welche Klingen in großer Stückzahl, jedoch minderer
Qualität, ausspuckten. Es ist belegt, daß das
Inselreich diese Schwerter auch zu großen Mengen ins
Ausland exportierte und sogar potentielle Feinde wie
China und Korea damit belieferte.
Nach diesen Aspekten und anderen, Güte und Qualität
betreffenden Punkten unterteilte der Waffenmeister Yamada
Asaemon Yoshimutsu im Jahr 1815 die japanischen Klingen
nach folgendem Muster:
| Waza
mono |
gebrauchsfähige
Schwerter |
| Yoi
waza mono |
gute
gebrauchsfähige Schwerter |
| O
waza mono |
große
gebrauchsfähige Schwerter |
| Saijo
o waza mono |
größte
gebrauchsfähige Schwerter |
Bleiben wir jedoch bei den guten und wertvollen Klingen.
Mit der Zeit entwickelte sich ein regelrechter
Schwert-Kult. Eine gute Klinge war eine unbezahlbare
Kostbarkeit und paarte in sich Schönheit, Geist und
Gebrauchsfähigkeit. Eine bestimmte Form der
Schwertehrung war die weit verbreitete Art der
Namensgebung. Wie Menschen oder vertraute Tiere bekamen
sie einen eigenen Rufnamen. Dabei fällt auf, daß einige
auf die japanische Silben -maru enden. Maru bedeutet
soviel wie "absolut rein" - im Sinne einer
reinen Seele. Dieser Zuname war und ist in Japan einzig
und allein Schwertern, Schiffen und Kindern vorbehalten,
also unschuldigen Geschöpfen oder solchen, denen man
sein Leben auf Gedeih und Verderb anvertraut. Eine
berühmte Klinge dieser Art ist z.B. die Kogaratsu maru
(Kleine Krähe), eine Tachi-Klinge aus dem 9. Jhdt.
Ein anderer beliebter Zuname berühmter Schwerter war die
Vorsilbe O- (Groß / Mächtig) wie etwa bei der Klinge
O Kanehira (Großer Kanehira) des Schmiedes Kanehira der
Provinz Bizen aus der frühen Heian-Zeit.
Alle Waffen dieser Art nannten die Bushi "Bedeutende
Schwerter" (Mei to). Diese Glorifizierung war aber
keinesfalls ein ausschließliches Privileg der
Kampfschwerter. Auch Dolche, Kurzschwerter oder Speere
erfuhren solche Auszeichnungen. Die verliehenen Namen
bezogen sich meist auf besondere Begebenheiten oder
Eigenschaften des bestimmten Schwertes. Ein schönes
Beispiel dieser Art sei hier die Klinge Kura giri
(Sattelschneider) genannt, welche ihren Namen von einem
Erlebnis ihres Besitzers Date Masamune (1566 - 1636),
eines mächtigen Fürsten seiner Zeit, bekommen haben
sollte. Dieser soll einst mit dieser Waffe einen
berittenen Feind mit einem einzigen Hieb vom Scheitel bis
zum Sattel gespalten haben - deshalb Sattelschneider.
Berühmt wurden in diesem Zusammenhang auch zwei No dachi
(Moorschwerter), welche der Krieger Makara Jurozaemon und
sein Sohn in der Schlacht von Anegawa (1570) führten.
Beide Männer waren angeblich von enormer körperlicher
Stärke, daß sie diese eigentliche Fußvolkwaffe vom
Pferd aus, wie ein normales Schwert, handhaben konnten.
Makara's Klinge nannte sich Tairo dachi (älteres
Schwert) und das seines Sohnes, etwas kürzer, Jiro dachi
(Zweitältestes Schwert). Die Geschichte der Bushi ist
voll von solchen Legenden und Überlieferungen und zeugt
noch heute von ihrer Liebe und ihrem Vertrauen in ihre
Waffen.
Die wohl bekannteste aller japanischen Klingen war das
Schwert Kusanagi (Grasmäher). Der mystische Prinz Yamato
Takeru, Sohn des vorzeitlichen Kaisers Kageyuki tenno
rettete einst sein Leben, indem er von Feinden umzingelt
in einem weiten Kreis das Gras um sich abmähte, welches
seine Gegner angezündet hatten um ihn zu verbrennen.
Zuvor erhielt der erste japanische Kaiser Jimmu tenno
diese Waffe von der Göttin Amaterasu o no kami zum
Geschenk. Diese Klinge zählt ebenso wie der Heilige
Spiegel und der Diamant zu den drei Reichsinsignien
Japans (Sanshu no shinki).
Die bekanntesten der "neueren heiligen
Klingen", welche schon im Mittelalter hoch
geschätzten wurden, waren die sogenannten 5 himmlischen
Schwerter - die Tenka go ken. Diese Klingen, sämtlichst
von ausgesuchter Schönheit und höchster Qualität,
waren Produkte früher japanischer Schmiedekunst. Diese
Waffen krönten über Jahrhunderte die Waffensammlungen
der Herrscher Japans und wurden von Generation zu
Generation, hauptsächlich in den Dynastien großer
Fürstenhäuser oder der Shogun, weitervererbt.
Die erste dieser Klingen, Doji kiri (Doji spalter)
genannt, war ein Exemplar des Schmiedes Yasutsuna,
Provinz Hoki (ca. 900 n.Chr.), und gehörte einst dem
legendären Helden Minamoto no Yorimitsu (948 - 1021). Er
soll mit diesem Schwert einen zauberkundigen Unhold,
namens Shuten Doji getötet haben. Dieses Schwert, im
Shinogi zukuri Stil, ist mit einer Ko kissaki Spitze
ausgestattet und hat eine Klingenlänge von 80 cm. Es
fand sich später im Besitz aller Shogun Japans, von den
Minamoto, Ashikaga bis zur Tokugawa Familie.
Die zweite Klinge Juzu maru (Heiliger Rosenstrauch) wurde
um 1200 n.Chr. vom Schmied Tsunetsugu, Provinz Bitchu,
gefertigt. Sie soll dem Kriegermönch Nichiren, dem
Begründer der buddhistischen Nichiren-Sekte, gehört
haben, die ihre Lehre als einzig wahre Auslegung des
Buddhismus verstanden.
Die Dritte, O tenta (Groáer Tenta) genannte Klinge, war
ein Meisterstück des Schwertschmiedes Tenta Mitsuyo.
Seine 66 cm lange Klinge, versehen mit einer Ikubi Spitze
und im Shinogi zukuri Stil gearbeitet, gehörte einst der
Shogunfamilie Ashikaga. Von dort gelangte sie über die
Familie Toyotomi zum Fürsten Maeda Toshiie (1538 -
1599). Seitdem ziert sie die Sammlung des Maeda Clans.
Eine andere Klinge, die vierte in dieser Sammlung, ist
die sogenannte Mikazuki
(Halbmond) des Schmiedes Munechika Sanjo aus der Provinz
Yamashiro (ca.1200 n.Chr.). Ihr Name leitet sich von der
auffallend, halbmondförmigen Zeichnung der Härtelinie
(Hamon) in der Spitze der Klinge ab.
Die letzte und fünfte Klinge, Ichigo hitofuri wurde
einst von Yoshimitsu gefertigt. Sie gelangte später zu
dem berühmten Feldherren Toyotomi Hideyoshi (1537 -
1598). Da dieser angeblich nie die Gelegenheit fand,
dieses Schwert zu benutzen, gab er ihm den Namen Ichigo
hitofuri - sinngemäß übersetzt: "Einmal im Leben
..."
Script: Ulf
Lehmann
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