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Staub vor dem Wind Japanische Geschichte - Teil 15 „Die
Stolzen dieser Welt verweilen nur einen Augenblick, wie ein Traum einer
Frühlingsnacht. Am Ende vergehen die Mutigen wie Staub vor dem Wind."
(aus Heike Monogatari) Kurikara Die
Taira führten ihre riesige,
über 100'000 Mann starke Armee ohne größere Kampfhandlungen durch die
südlichen Hokuriku-Provinzen Echizen und Kaga tief in
gegnerisches Territorium hinein. Um Etchuu
zu erreichen, hielten sich auf der Nordseite des Bergmassives, dessen
Ausläufer weiter nördlich in die Halbinsel Noto
laufen. Der Paß von Kurikara,
unterhalb des Berges Tonami (Tonamiyama)
gelegen, sollte ihr Übergang sein, doch um den Bergrücken schneller überwinden
zu können, teilten sich das Heer. Ein kleineres Kontingent sollte zunächst
den Tonamiyama nördlich umgehen und dem Weg noch durch Noto
hindurch folgen. Sie würden später östlich des Bergkammes wieder auf
die Hauptstreitmacht treffen. Das Hauptkontingent des Expeditionskorps
wurde derweil von Taira Koremori und Taira
Michimori über den Paß von Kurikara
geführt, so wie es Kiso Yoshinaka
bereits vorausgesehen hatte. Yoshinaka
war bewußt, das die Taira auf ihre Überlegenheit bauten und eine einzige große
Entscheidungsschlacht auf freiem Gelände östlich des Bergrückens
bevorzugten. Er ahnte auch, daß sie ihre Armee aufteilen würden, um
ihren Angriff von zwei Seiten aus führen zu können. Dem Aufgebot der Taira
hatte Yoshinaka zwar nichts
ebenbürtiges entgegenzusetzen, er war jedoch in den Bergen aufgewachsen
und durchaus erfahren in verschiedensten Täuschungstaktiken. Sein Plan
war daher in erster Linie darauf gerichtet, die Übermacht der Taira
zu kompensieren. Das Gelände an besagter Stelle war Yoshinaka bestes bekannt und eignet sich ideal für unkonventionelle
Strategien. In der Umgebung gibt es mehrere Berge, die als Deckung oder
als Defensivstellung genutzt werden konnten. Zudem fällt der Boden
unterhalb des Tonamiyama, wo
der Paß die Gebirgskette überquert, steil in ein Tal, das wie der Paß
Kurikara genannt wird. Yoshinaka
hatte zweifellos auch die Geschichte von den Wasservögeln am Fluß Fuji
gehört und er wußte, wie er sich diesen Umstand zu Nutze machen konnte.
Taira Munemori, das derzeitige
Oberhaupt der Ise-Taira hatte
in Belangen der strategischen Weitsicht nichts mit seinem Vater Kiyomori
gemein. Aus den Vorkommnissen am Fuji
hatte er jedenfalls keine Lehren gezogen, als er die Armee für die
Expedition gegen Yoshinaka rekrutieren ließ. Indem er sich wieder auf die zeitweilig
rekrutierte Soldaten, Kari-musha,
verließ, war er praktisch schon verlassen. Zwar waren bei der Hokuriku-Kampagne
eine wesentlich größere Anzahl von Kari-musha
dabei als am Fuji, ihre
grundlegenden Schwächen, hauptsächlich die unzureichend Kampfmoral und
die latente Neigung zum fluchtartigen Rückzug waren damit jedoch nicht
beseitigt. Für
den Plan, den Yoshinaka
ausgearbeitet hatte, war es zunächst notwendig, daß die Truppen der Taira stationär in der Nähe des Passes gehalten wurden. Um dies zu
erreichen, ließ Yoshinaka 30
weiße Banner auf die Spitze eines Berges mit Namen Kurosaka tragen, der vom Tonamiyama
aus überblickt werden kann. (Weiß ist die traditionelle Farbe der Minamoto;
die Taira führten rote Banner. Der Gempai-Krieg
wird daher in Anlehnung an die englische Geschichte manchmal auch als
„japanischer Rosenkrieg" bezeichnet.) Als
die Taira den Paß von Kurikara
überschritten und die weißen Flaggen auf dem gegenüberliegenden Berg
ausmachten, glaubten sie sich einer großen Streitmacht der Minamoto
gegenüber. Da eine Gebirgskette nicht von einer ganzen Armee
gleichzeitig überquert werden kann, entschieden die Befehlshaber der Taira, in der Nähe des Passes zu rasten, um ihre Streitkräfte zu
sammeln. Diese Position erschien ihnen sicher, da sie dort den Höhenvorteil
besaßen. Die Taira
verbrachten somit die Nacht vom 1. Juni 1183 am Tonamiyama,
um sich zu sammeln, während Yoshinaka
zur selben Zeit seine Truppen verstreute. Er schickte kleinere
Kontingente von Soldaten hinter dem Kurosaka
entlang in den Rücken der Taira.
Am darauffolgenden Tag forderten diese Krieger, insgesamt kaum mehr als
100 Mann, die Taira zu einer
ehrenvollen Schlacht heraus. Die Minamoto
bestanden dabei auf dem vollen zeremoniellen Aufgebot von extravaganten
Formalitäten und die Taira
namen diese Herausforderung dankend entgegen. Nach dem Austausch von
Boten, die das gegenseitige Einverständnis zum Kampf einholten, begann
man mit dem Nanori (Namenrufen),
bei dem man auf das ausführlichste die eigenen Heldentaten und die
seiner Urahnen aufzählte. Wahrscheinlich nahm man sich auch noch die
Zeit, um die Taten von Nachbarn und Bekannten zu erwähnen. Dannach
folgte das Ya-awase (Pfeilaustausch),
das ebenfalls in voller Länge zelebriert wurde; also zuerst das
Bogenduell mit Kabura-ya, den
Rüben-Pfeilen (die wegen ihrer Form so heißen, da sie statt einer
scharfen Spitze einen rübenförmigen Hohlkörper tragen, der ein lautes
Pfeifen erzeugt, wenn der Pfeil verschossen wird. Solche Pfeile dienten
oft als Signal.). Dann folgte ein Duell mit scharfen Pfeilen, danach der
Kampf Mann gegen Mann und letztlich die Gruppenschlacht mit ca. 100 Mann
pro Seite. Dies
mag alles sehr merkwürdig erscheinen, da eigentlich klar sein sollte,
daß die wenigen Krieger der Minamoto
gegen das riesige Heer der Taira keine Chance hatten. Doch dieses ganze
Aufgebot war nur dazu vorgesehen, die Taira
den 2. Juni hindurch bis zum Einbruch der Dunkelheit beschäftigt zu
halten. Als nun die Nacht herabsenkte, ließ Yoshinaka seine Wasservögel
aufsteigen, nur hatte er die Vögel zuvor gegen eine Herde Ochsen
ausgetauscht. Den Ochsen hatte man zudem brennende Fackeln an die Hörner
gebunden, damit sie noch furchteinflößender wirkten und trieb sie in
die Flanke der Taira-Truppen. Zur gleichen Zeit begannen die Krieger von Yoshinaka,
die sich bis zu diesem Augenblick rund um das Lager der Taira
versteckt gehalten hatten, ihren Angriff. Die Taira waren so geschockt, daß sie, so wie Kiso Yoshinaka es vorhergesehen hatte, augenblicklich zurückwichen
und, wie am Fujigawa, ihr Heil
in der Flucht suchten. Die Panik muß dabei so groß gewesen sein, daß
der Eingang zur Schlucht von Kurikara
als einzig möglicher Ausweg erschien. Zielsicher rannte das Heer der Taira ins Verderben. Einmal an der Schlucht angekommen: „...die
hinten schrieen 'Vorwärts' und die vorn brüllten 'Zurück'",
als sie von den Minamoto hineingetrieben wurden. Heike Monogatari berichtet: „So
kamen siebzigtausend Reiter der Taira ums Leben, vergraben in dieser
einen tiefen Schlucht, die Bergflüsse waren erfüllt von ihrem Blut und
ihre Körper bildeten einen Berg am Grunde der Schlucht; und es heißt,
daß man in diesem Tal die Spuren von Pfeilen und Schwertern bis zum
heutigen Tag sehen kann.". (Heike
Monogatari wurde erst Jahrzehnte nach den Vorkommnissen
aufgeschrieben und vorher nur mündlich überliefert. Anm.d.A.) Doch
auch Yoshinaka war an diesem
Tag nicht vollkommen siegreich, denn seine Flankensicherung, die unter
Befehl seines ewig glücklosen (wahrscheinlich aber eher unfähigen)
Onkels Yukiie stand, hatte den
Kampf gegen die kleine Nachhut der Taira
nördlich des Bergmassivs verloren. Es scheint, daß Yoshinaka
bei der strategischen Planung zwar sehr vorrausschauend gehandelt hatte,
der Befehlshaber jedoch nicht anhand des Könnens sondern nach familiärer
Bindung bestimmt wurde. Es ist aber auch recht wenig konkretes über die
Ereignisse jener Tage bekannt und selbst die historischen Berichte sind
nicht ganz schlüssig. Selbst die Frage, wer Sieger der Schlacht beim Tonamiyama war, wird nicht ganz eindeutig entschieden. Je nachdem,
ob die Verfasser der unterschiedlichen Berichte Pro-Taira oder Pro-Yoshinaka
eingestellt waren, wurde der eine oder andere Sieg stärker betont.
Dennoch hatten die Taira bei
der Schlacht von Kurikara (oder
Tonamiyama) den Großteil ihrer Streitkräfte verloren. Die
Niederlage war so entgültig für die Taira,
daß diese Schlacht den eigentlichen Wendepunkt im Gempai-Krieg markiert. Der
letzte Kampf Die
Taira zogen sich in Eilmärschen
in Richtung Hauptstadt zurück, während Yoshinaka
zu einer furiosen Verfolgungsjagd ansetzte. Schon am 12. Juni hatten die
Minamoto die Taira bei Shinowara in der
Provinz Kaga eingeholt und am
darauffolgenden Tag kam es zur Schlacht. Die Schlacht von Shinowara hat jedoch nur geringe militärische Bedeutung. Die
Truppen der Taira waren erschöpft,
voller Panik und ihre Moral am Boden. Die Kari-musha
flohen in Scharen und die Schlacht an sich war eigentlich nur ein Rückzugsgefecht.
Dennoch gab es doch einen erwähnenswerten Vorfall. Ein einzelner
Krieger der Taira stellte sich
den Minamoto in den Weg und
besiegte viele von ihnen. Tezuka
no Mitsumori, war beeindruckt von dem Mut und der Tapferkeit des Kämpfers
und forderte ihm zum Zweikampf. Der Krieger nahm die Herausforderung an
und meinte, daß Mitsumori ein
würdiger Gegner sei, doch er lehnte es ab, seinen eigenen Namen zu enthüllen.
In dem folgenden Kampf gewann Mitsumori
nach langem Ringen die Oberhand und nahm letztlich den Kopf seines
Gegners als Trophäe. Doch
Mitsumori war etwas verwirrt
wegen der unklaren Identität seines Gegners. Er schien eine bedeutende
Person gewesen zu sein, da er eine Robe aus rotem Brokat unter seiner Rüstung
trug und auch sonst zahlreiche Dekorationen an Helm, Rüstung und Sattel
vorhanden waren, die üblicherweise Generälen und höheren Kommandeuren
vorbehalten waren. Doch der mysteriöse Krieger war allein gewesen und
hatte keine Bediensteten bei sich, wie es für einen Mann seines Ranges
üblich gewesen wäre. Schließlich
brachte Mitsumori den Kopf
beim Kubi-jikken vor, der
Schlachtauswertung, bei der die gesammelten Trophäen begutachtet und
entsprechende Belohnungen verteilt wurden. Yoshinaka
persönlich untersuchte den Kopf und glaubte Saitou
no Sanemori zu erkennen, den Samurai,
der ihm vor Jahren, als er noch ein Baby war, das Leben gerettet hatte.
Doch das Haar des Kopfes war schwarz und Sanemori
hätte zu dem Zeitpunkt weit über Sechzig sein müssen. Es wurde ein
Krieger gerufen, der Sanemori
gut kannte und dieser erinnerte sich, daß Sanemori
einmal erwähnt habe, er würde sich im Alter die Haare schwarz färben,
bevor er in die Schlacht zieht, um sich einem jungen Krieger nicht
unterlegen zu fühlen. Yoshinaka
wusch daraufhin den Kopf in einem Fluß und sofort floß die schwarze
Tinte davon und ließ schlohweisses Haar zurück. Der Samurai
war in der Tat der alte Saitou no
Sanemori gewesen. Er hatte sich entschieden, den Minamoto
allein entgegenzutreten, um seinen Truppen Zeit für den Rückzug zu
verschaffen. Es ist ein oft wiederkehrendes Thema in den
Kriegsgeschichten, daß ein einzelner oder wenige Krieger gegen eine überwältigende
Übermacht antreten und wird bei der Klassifikation von historischen
Schlachtbeschreibungen Ikki-uchi
(wörtlich „ein (einzelner) Reiter greift an") genannt. Heike
Monogatari enthält noch viele Beschreibungen dieser Art. Der
Autor der Heike berichtet
weiterhin, daß Sanemori von Taira Munemori persönlich vor seinem Aufbruch aus Kyoto die
besondere Erlaubnis erhielt, eine Kommandeursrobe zu tragen. Sanemori
hatte diese Bitte vorgebracht, da er wohl wußte, daß dieser Feldzug
sein letzter sein werde und er wollte vorher ein letztes Mal nach Hause
kommen und „Brokat tragen", wie es nach alter chinesischer Tradition auch
in Japan Brauch geworden war. Das
gesamte Kapitel um Saitou no
Sanemori illustriert die Gefühlswelt der aufstrebenden Kriegerkaste
recht anschaulich, wenn
gleich diese Geschichte wahrscheinlich nur apokryph ist, da sie wohl
erst in der Phase der mündlichen Überlieferung entstand. Laut dem Shibu
Kassenjou, der ältesten überlieferten Aufzeichnung der Heike Monogatari, flieht auch Sanemori
zusammen mit den anderen Kriegern der Taira,
doch auf Grund seines hohen Alters wird er von einem jungen Krieger der Minamoto
eingeholt und getötet. ...wie
Staub vor dem Wind In
der Zwischenzeit hatte sich die Nachricht von der vernichtenden
Niederlage der Taira wie ein
Lauffeuer in der Hauptstadt verbreitet und die ganze Stadt verfiel in
Panik. Hastig wurden Vorbereitungen getroffen, um die Stadt vor den
Truppen Yoshinaka's zu verteidigen. Die Ressourcen waren jedoch äußerst
knapp, denn die Taira hatten
ja ihr ganzes Aufgebot nach Hokuriku
gesandt und nur armselige Reste des stolzen Heeres hatten das Glück,
lebend zurückzukehren. Nun wurde nach jeder erdenklichen Unterstützung
gesucht. Taira Munemori bat
sogar den Enryaku-ji um Hilfe.
Doch die Mönche verhöhnten ihn nur. Das war nicht anders zu erwarten
gewesen, war doch die Erinnerung an die Niederbrennung von Nara
und den Verlust dieser religiösen Einzigartigkeit noch frisch und trotz
der Zwistigkeiten zwischen den Tempeln fühlte man sich untereinander
doch verbunden. Man versetzte den Taira
im Gegenzug eher noch den Todesstoß; am 11. August trafen die Truppen
von Kiso Yoshinaka am Enryaku-ji ein und wurden von den Mönchen freundlich empfangen. Daraufhin
sahen die Taira von dem
Versuch ab, ihr Hauptquartier in Kyoto gegen die drohende Allianz von Minamoto und Souhei (Kriegsmönchen)
zu verteidigen. Die Chancen für einen erfolgreichen Kampf waren selbst
bei optimistischer Betrachtung sehr gering. Dies schien auch für die
strategisch nicht sonderlich begabte Führung der Taira offensichtlich zu sein, denn drei Tage nach dem Eintreffen der
Minamoto auf dem Berg Hiei,
am 14. August, evakuierten sie die Stadt. Sie nahmen Kaiser Antoku,
den Großteil der kaiserlichen Familie und die Kronjuwelen mit sich und
zogen sich auf ihr eigens Territorium zurück, die Inlandsee. Kyoto überließ
man kampflos dem Feind. Doch
nicht alle aus dem Kaiserpalast folgten den Taira.
Zu erwähnen wäre zumindest eine hochrangige Ausnahme: Der alte
Ex-Kaiser Goshirakawa, der
schon seit geraumer Zeit in gewisser Distanz zu den Taira
stand, verließ zur selben Zeit die Hauptstadt und schloß sich in
Windeseile Yoshinaka an. Am
17. August 1183 zog Goshirakawa
wieder in Kyoto ein, eskortiert von Minamoto
Yoshinaka und Minamoto Yukiie.
Die war das erste Mal seit 1159, daß eine siegreiche Armee der Minamoto die Hauptstadt betrat. Freunde
und Feinde Yoshinaka
stand somit auf dem Zenit seines Erfolges. Die Feinde waren in die
Flucht geschlagen, der politisch wichtigen Ex- Kaiser stand auf seiner
Seite und die Hauptstadtstand unter seiner Kontrolle. Doch der weitere
Verlauf der Geschichte scheint schon im Anfangszitat der Heike
Monogatari beschrieben zu sein: „...
Das was blüht, muß unausweichlich fallen. [...]". Und so
begann auch der Abstieg von Yoshinaka. Zunächst
machte er sich recht schnell unbeliebt. Wenn es in der Hauptstadt
Menschen gegeben haben mag, die den siegreichen Yoshinaka
und seine Truppen als Befreier vom Joch der Taira-
Herrschaft betrachtet haben, dann sollten sie eines besseren belehrt
werden. Die Krieger von Yoshinaka
und Yukiie sollen sich nach
ihrem Einzug in Kyoto wie Banditen benommen haben, denen man die Stadt
zum plündern gegeben hatte. Die rauhen Männer aus den Bergen, wild,
gefährlich und ausgehungert, beraubten alle, Alliierte der Taira
und Minamoto gleichermaßen
und Yoshinaka dachte
nichteinmal daran, sie aufzuhalten. Auch
Ex-Kaiser Goshirakawa bemerkte,
daß eine politische Allianz mit dem ungehobelten Bergkrieger nicht von
Dauer sein konnte. Der alte Fuchs, der stets mit verdeckten (und
wahrscheinlich auch mit gezinkten) Karten spielte, war hocherfreut, als
er sah, daß die Beziehung zwischen Yoshinaka
und seinem Onkel Yukiie alles
andere als innig war. Der Hof lachte bereits über die beiden und machte
sich über die „Landeier" aus der Provinz lustig. Als Goshirakawa
sie zu einer Audienz lud, hatten sie sich öffentlich gestritten, wer
von beiden den Vortritt haben sollte. Letztlich einigte man sich darauf,
nebeneinander zu gehen - zur Belustigung des ganzen Hofstaates. Für Männer,
die in die exklusive Umgebung des Heian-Hofes
geladen wurden, war dieses Benehmen absolut unpassend. Zur
Verteidigung von Yoshinaka
sollte vielleicht bemerkt werden, daß die historischen Aufzeichnungen
allesamt stark tendenziellen Charakter haben. Dies resultiert vor allem
aus dem weiteren Verlauf der Dinge. Solange Yoshinaka
im „gerechten Kampf" mit den Taira
stand, sah man keinen Makel an ihm, als ihm letztlich eine entscheidende
Machtposition zufiel, änderte sich sein Bild ins negative. Eine
korrekte Charakterisierung seiner Position wird wahrscheinlich irgendwo
zwischen dem Jubel und der Verunglimpfung seiner Person zu finden sein.
Doch insgesamt kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß der
Zweig des Kiso- Minamoto den Zenit seines Erfolgs nach dem Einzug in Kyoto
bereits überschritten hatte. Ende
1183 verließen Yoshinaka und Yukiie
die Hauptstadt, um gegen die Taira
zu ziehen, die sich auf die Inlandsee zurückgezogen hatten. Doch sie
waren von ihren bisherigen Siegen anscheinend etwas zu selbstsicher
geworden, denn sie wurden beide, Yoshinaka
am 17. November 1183 bei Mizushima
und Yukiie eine Woche später bei Muroyama,
vernichtend geschlagen, so daß sie sich zurückziehen mußten. Die
Armee der Minamoto kehrte also
Ende 1183 zerlumpt und müde nach Kyoto zurück. Yoshinaka's
Position verschlechterte sich von nun an täglich. Der Einzug seiner
Truppen in Kyoto muß für seinen Cousin Yoritomo
ein ziemlicher Schock gewesen sein, denn aus Kamakura
drangen schon seit geraumer Zeit bedrohliche Geräusche. Auch die
Unterstützung vom Hof war eigentlich nicht existent und Yukiie
wuchs die Sache letztlich über den Kopf, so daß er sich davonstahl und
Yoshinaka seinem Schicksal überließ.
Yoshinaka
indes schlug wild um sich. Er setzte Goshirakawa
unter Hausarrest und befestigte sein Anwesen in Kyoto. Die Bedrohung aus
Kamakura schien ihn so aufzuregen (zu recht, wie sich zeigen sollte),
daß er sogar laut über eine Allianz mit den Taira gegen seinen Cousin Yoritomo
nachdachte. Im Februar 1184 wurden dann alle seine Pläne über den
Haufen geworfen, als man ihm die Nachricht brachte, daß eine große
Armee aus Kamakura auf dem Weg
nach Kyoto sei. Wie das chinesische Sprichwort sagt: „Es kann am
Himmel keine zwei Sonnen geben.", war nun die Zeit der Entscheidung
zwischen den Minamoto gekommen. Script: Stephan Henker |