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Ushiwaka
maru „Heute stand ein jungen Mann an der Residenz des Herrn von Kamakura
(Minamoto no Yoritomo). Aber Doi no Sanehira, Tsuchiya no Munetou und
andere waren mißtrauisch und weigerten sich, (ihn vorzulassen). [...]
Aufgrund seines Alters mutmaßte Yoritomo (jedoch), daß es sich um
Kurou von Oushuu handeln könnte und ordnete an, daß er sofort zu ihm
gebracht werde.“ aus Azuma Kagami.
Schatten der Vergangenheit Als gegen Ende des Jahres 1159 der neunte und letzte Sohn von Minamoto
no Yoshitomo geboren wurde, ahnte man noch nichts vom
verschlungenen Pfad seines Schicksals und von seinem Einfluß auf das
Weltbild der gesamten japanischen Nation. Die Mutter nannte den Knaben
Ushiwaka-maru (Der Namensanhang „maru“ - „rein“,
„klar“ ist in Japan nur Kindern und Schiffen vorbehalten) und
bereits einen knappen Monat später nahm das Schicksal eine erste
dramatische Wendung. 1159 ist ein denkwürdiges Jahr der japanischen Geschichte, endet es
doch mit dem Heiji-Konflikt, dem ersten Ausbruch von offener
Gewalt zwischen den beiden mächtigsten Kriegerfamilien des Landes,
den Taira und den Minamoto. Beide Clans stammten von
Seitenlinien früherer Heian-Kaiser ab und ihr Ansehen basierte
im wesentlichen auf dieser edlen Herkunft. Innerhalb der
vorangegangenen zwei Jahrhunderte waren sie zu den mächtigen Häusern
in den Provinzen aufgestiegen und hatten dabei eine neue
Verwaltungsstruktur auf der Basis feudaler Beziehungen zwischen
Lehnsherr und Vasallen geschaffen. Als sich die sanfte Heian-Zeit
entgültig ihrem Ende zuneigte, wurde immer offensichtlicher, daß
Japan an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter stand. War in den
bisherigen Jahrhunderten der Kaiserhof die einzige Quelle der Macht
gewesen, hatte sich die Hofaristokratie bis zum 12. Jahrhundert entgültig
als unfähig zur Ausübung von Macht und zur Aufrechterhaltung der
Verwaltung erwiesen. Im Hougen-Konflikt von 1156, der im
Prinzip von einer Streitigkeit um die Thronfolge ausgelöst wurde,
hatten die gegnerischen Fraktionen am Hof unklugerweise die Unterstützung
verschiedener Militärführer angeworben und plötzlich wurde offenbar,
daß die gesamte Struktur der Adelsherrschaft obsolet war. Alle Macht
des Reiches lag auf einmal bei den grobschlächtigen und verachteten
Kriegern der Provinzen, die von den Höflingen jahrhundertelang als
ihre Lakaien benutzt wurden, um Bodenstreitigkeiten zu schlichten und
die Ordnung im Land aufrechtzuerhalten. Wenn die Führer der
Kriegerclans auch den Kaiser als letzte Instanz der Autorität
anerkannten, waren sie nun jedoch entschlossen, die Geschicke des
Reiches in die eigenen Hände zu nehmen. Diese Kriegerfamilien, Buke
genannt, Schwertadel, (im Gegensatz zu Kuge, dem Hofadel)
sollten in der folgenden feudalen Epoche, dem „Buke-jidai“,
in die Geschichtsbücher eingehen. Die ehemals zentralen Werte der Heian-Zeit
waren bedeutungslos für die Krieger. An deren Stelle war ein eigener
Ethos getreten, den man „Kyuuba no Michi“, den „Weg
von Bogen und Pferd“ nannte. Am stärksten verkörperten die Minamoto
diesen neuen Ethos, da sie sowohl geographisch als auch
ideologisch weiter von der Hauptstadt entfernt waren als die Taira und
daher viel weniger anfällig für den angeblich verweichlichenden
Einfluß des kaiserlichen Hofes. Dennoch triumphierten die Taira in der Entscheidungsschlacht des Heiji-Konfliktes
von 1159 und Taira Kiyomori, Oberhaupt des Clans, stieg zum mächtigsten
Mann Japans auf. Dem Sieg der Taira folgten zahllose Morde und
Hinrichtungen, bei denen sich die Taira auf einen Schlag aller
Feinde und etwaiger Widersacher entledigten. Minamoto no Yoshitomo fand
sein Ende hinterrücks von einem seiner eigenen Gefolgsleute im Bad
gemeuchelt und auch sein ältester Sohn wurde wenig später gefangen
und auf dem Richtplatz an den Ufern des Kamo in Rokuhara,
auf dem damals große Betriebsamkeit herrschte, enthauptet. Ushiwaka-maru Taira Kiyomori
war nicht gerade für seine Güte bekannt, dennoch wurde einige Söhne
von Minamoto no Yoshitomo verschont. Der älteste von ihnen war
der dreizehnjährige Yoritomo, der jüngste Ushiwaka-maru.
Laut den Chroniken hatte Kiyomori’s Stiefmutter Mitleid mit Yoritomo,
da er sie an ihren eigenen verstorbenen Sohn erinnerte und sie bat um
sein Leben. Yoritomo wurde daraufhin nach Izu verbannt
und unter die Aufsicht zweier wichtiger Vasallen der Taira gestellt.
Dort verbrachte er ein gesetztes und diszipliniertes Leben in einer
milden Form von Hausarrest. Ushiwaka-maru
befand sich zu der Zeit noch in der Obhut seiner Mutter Tokiwa.
Die schöne Tokiwa war aus Kyoto geflohen, als sie vom Tode
ihres Mannes hörte; ihr jüngstes Baby klammerte sich an ihre Brust
und das zweite trug sie auf ihrem Rücken, während sie ihr ältestes
Kind an der Hand führte. Die Flucht der Tokiwa durch Schnee
und Sturm ist seit jenen Tagen immer wieder eine Inspiration für
japanische Künstler gewesen. Das Blut ihrer Füßen im Schnee wurde
zu einem Symbol, wie das Rot von der Flagge der Taira das reine
Weiß der Minamoto befleckt. Die Flucht von Tokiwa hätte
erfolgreich sein können, wenn der ruchlose Kiyomori nicht ihre
Mutter aufgegriffen und gefoltert hätte. Als Tokiwa davon
erfuhr, kehrte sie nach Kyoto zurück und lieferte sich und ihre
Kinder aus. Tokiwa war jedoch auch eine Frau von außergewöhnlicher
Schönheit und Kiyomori soll bei ihrem Anblick so bezaubert
gewesen sein, daß er sich damit einverstanden erklärte, das Leben
ihrer drei kleinen Kinder zu schonen. Bedingung war: die wunderschöne
Tokiwa müsse seine Konkubine werden. Diese Episode ist zwar
aller Wahrscheinlichkeit nach apokryph, wahr ist jedoch, daß man Ushiwaka-maru
und seiner Mutter gestattete, in der sicheren Hauptstadt zu
bleiben, während die meisten Anhänger von Yoshitomo getötet
wurden und daß Tokiwa bald darauf mit dem Höfling Ichijou
no Naganari vermählt wurde. Eine weitere Bedingung unter denen Kiyomori gewillt war, Gnade
walten zu lassen, war der Eintritt der drei kleinen Minamoto in
buddhistische Klöster, um sie zu Mönchen auszubilden - eine lächerlich
naive Vorsichtsmaßnahme, wie sich noch zeigen sollte. So schickte man
Ushiwaka-maru im Alter von sechs Jahren in den Kurama-dera,
einem Tempel in den unwegsamen Bergen im Norden Kyotos. Im Kurama-dera,
der etwa um 770 erbaut wurde und zur buddhistischen Tendai-Sekte
gehörte, wurde alles getan, um ihn mit dem friedliebenden Geist zu
erfüllen, wie es sich für einen zukünftigen Priester geziemt. In
nichts könnte man dies mit dem Leben vergleichen, das Yoritomo in
Izu führte. Die Gegensätze zwischen den Charakteren und
Lebensumständen des ältesten und des jüngsten Sprosses der Minamoto
waren somit von Anfang an gelegt und konnten größer kaum sein. Ushiwaka-maru
wuchs eigentlich als Weise auf und entwickelte schon früh gewisse
antiautoritäre Züge, die sein gesamtes Leben prägen sollten. Er war
ungezähmt, einsam und unabhängig und besaß eine starke Neigung zu
Abenteuer und zum Herumstreunen. So ist es auch nicht überraschend,
daß sich der junge Minamoto mit der langen Kriegertradition im
Blut ganz und gar nicht mit dem geistlichen Leben anfreunden konnte.
Obwohl er als Novize in einem Tempel lebte, wehrte er sich hartnäckig
gegen die Ordnung des Klosterlebens und verweigert später auch die
Tonsur (das Priestergelübte). Anstelle sich religiösen Übungen zu widmen, investierte Ushiwaka-maru
viel Zeit in das Training von Kriegskünsten. Der Legende nach
schlich er sich des Nachts regelmäßig davon, um die Kunst des
Schwertkampfes von Tengu zu erlernen, Wesen der japanischen
Mythologie - halb Mensch, halb Vogel, mit langer Nase - (vergleichbar
vielleicht mit Kobolden oder Trollen), die in den Bergen lebten. Die Tengu
fanden in Ushiwaka-maru einen gelehrsamen Schüler. Sie
brachten ihm zahlreiche Schnitte und Blocks mit dem Schwert bei; auch
wie man einen einfachen Faltfächer zur Verteidigung benutzt und,
seltsamer noch, wie man selbst mit einem Teekessel kämpft. Im Alter
von zehn Jahren stieß Ushiwaka-maru durch Zufall auf eine
Ahnentafel der Minamoto und entdeckte seine wahre Identität.
Von diesem Moment an verzehrte es ihn danach, gegen die Taira zu
kämpfen und die Niederlage seines Vaters zu rächen. Im Gegensatz zu Yoritomo,
der eigentlich nie direkt gegen die Taira kämpfen wollte,
sondern nur sein „angestammtes“ Territorium (das Kantou) zu
sichern gesuchte, war Ushiwaka-maru seit seiner Kindheit von
dem starken moralischen Anspruch geleitet, die Feinde seines Vaters zu
besiegen. Nachdem der Plan gefaßt war, vermied er es, das endgültige
buddhistische Gelübte abzulegen und setzte seine kriegerischen Übungen
mit doppelter Anstrengung fort. Man mag sich fragen, wieso sich Ushiwaka-maru so relativ frei
bewegen und entfalten konnte, da er ja nach traditioneller japanischer
Auffassung als extrem gefährlich eingestuft werden mußte. Einer der
Gründe für die Freiheiten, die er während seiner Zeit im Bergtempel
genoß, lagen der Legende nach darin, daß seine Bewacher ihn wegen
seiner Schmächtigkeit und seines mädchenhaften Aussehens schlicht
unterschätzten. Selbst Heike Monogatari schildert ihn als „kleinen
Mann mit heller Haut“. Die Beschreibungen legen zuweilen gar die
Vermutung nahe, daß er seine natürliche Blässe durch weißes Puder
verstärkte. Dies war zwar bei Adeligen der Heian-Zeit wie z.B.
Prinz Genji allgemein üblich gewesen, für einen Krieger des Minamoto-Clans
jedoch äußerst ungewöhnlich. Auch in späteren Berichten erscheint
er als bleicher Jüngling mit schönen weiblichen Zügen und gerade
die Gegensätze zwischen seinem zarten Äußeren und seiner starken Männlichkeit,
offenbart in militärischen Ambitionen und einem äußerst bewegten
Liebesleben, sind Teil der besonderen Anziehungskraft dieses Helden. Musashibou Benkei Eine der berühmtesten Episoden im frühen Leben von Ushiwaka-maru spielt
nur wenige Jahre später. Sie handelt von einem Kriegsmönch, einem
wahrlich bedrohlichen Berg von einem Mann, Musashibou Benkei.
Dieser Mönch ist noch heute eine der populärsten Figuren der
japanischen Erzählungen und in Japan jedem Kind bekannt. Bei Benkei
ist alles überlebensgroß: Er blieb volle 18 Monate im Mutterleib
und wurde als ausgewachsener Junge mit Zähnen und langem Haar
geboren. Nachdem er als Kind der Obhut des Enryaku-ji übergeben
wurde, wuchs er laut den Erzählungen zu einem riesenhaften,
kraftstrotzenden Koloß von zwei Meter fünfzig heran, so stark wie
einhundert Männer. Später wird er mit schwarzer Rüstung und einer mörderischen
Keule, mit der er phantastisches vollbringt, beschrieben; eine
wahrlich furchteinflößende Gestalt. Doch er war bei weitem kein
hirnloser Kraftprotz. Neben seiner Körperkraft verfügte Benkei auch
über Humor, Intelligenz und eine eindrucksvolle Bildung. Doch trotz
seiner Liebenswürdigkeit war sein polternden Wesens selbst den Mönchen
im Enryaku-ji zu viel, so daß sie ihn eines Tages freundlich
zum Gehen auffordern. Nachdem er den Tempel verlassen hat, fand Benkei
jedoch einen verlassenen Schrein, den er übernahm und ein
„Ein-Mann-Kloster“ gründete. Eines Nachts fühlte er sich dann
danach, dem Mii-dera, der nicht weit entfernt lag, einen
Streich zu spielen. Der Mii-dera besaß eine Glocke, die für
ihren klaren Klang in ganz Japan bekannt war und Benkei fand
Belustigung in der Idee, daß die Mönche des Mii-dera am
Morgen das Glockenhaus leer vorfinden würden. Also schlich er nachts
in den Tempel, schnitt die Glocke ab und wuchtete sich die halbe Tonne
Bronze auf die breiten Schultern. Doch er war noch nicht weit in die
Berge gestiegen, als neugierig wurde und sich fragte, was für einen
Ton das soeben erworbene Prachtstück machen würde. Also setzte er
die Glocke ab und versetzte ihr einen kräftigen Schlag mit einem
Baumstamm. Die Glocke gab jedoch keinen schönen Klang von sich, sie
beschwerte sich nur, daß sie viel lieber nach hause gehen wolle. Enttäuscht
gab ihr Benkei einen Tritt, daß die Glocke den Berg
hinabrollte und letztlich vor dem Mii-dera liegenblieb. Die
dortigen Mönche liefen aufgeschreckt zusammen und forderten Benkei
entrüstet auf, daß er die Glocke wieder an ihren angestammten
Platz bringen solle. Benkei willigte auch ein, forderte jedoch
als Ausgleich einen Kessel mit Bohnensuppe. Glocke und Kessel sind bis
zum heutigen Tag als „Beweis“ dieser Begebenheit im Mii-dera aufgehoben. Die erste Begegnung zwischen Ushiwaka-maru und Benkei fand auf
der Gojou-Brücke in Kyoto statt. Die neueste Freizeitbeschäftigung
von Benkei war zu jener Zeit das Sammeln von Schwertern; und
zwar Schwerter anderer Leute. Er brüstete sich damit, 1000 Schwerter
im Kampf erstreiten zu wollen, um damit den Wiederaufbau eines Tempels
zu unterstützen und nachdem es ihm bereits gelungen war, 999
Schwerter zu erbeuten, wartete er auf der Gojou-Brücke auf
sein letztes Schwert. Da näherte sich eine schlanke einsame Gestalt,
die unbekümmert eine Flöte spielte. Ein seidener Umhang bedeckte
Kopf und Schultern und wies den Träger als Angehörigen eines Tempels
aus: Ushiwaka-maru. Der junge Minamoto hatte von Benkei
gehört und wollte sich mit ihm messen. Benkei sah in dem
zarten Bürschlein zunächst keinen ernstzunehmenden Gegner, doch es
sollte sich schnell herausstellen, daß Ushiwaka-maru durch die
heimlichen Lektionen in den Bergen unbesiegbar geworden war. Dem
ersten gewaltigen Hieb von Benkei entkam Ushiwaka-maru,
indem er mit einem Satz hoch in die Luft und über Benkei hinwegsprang.
Benkei griff immer wieder an, doch Ushiwaka-maru wehrte
ihn jedesmal geschickt ab. Um die Angriffe zurückzuschlagen, benötigte
der junge Held nicht einmal sein Schwert, entweder wich er der Klinge
aus, ober er benutze seine Flöte oder seinen Fächer, um sie
abzuwehren. Der Kampf ging so über einige Stunden und Benkei verausgabte
sich völlig, während Ushiwaka-maru nicht einmal Schweiß auf
der Stirn hatte. Vollkommen erschöpft gab Benkei schließlich
auf. Überwältigt von dieser Demonstration seines Könnens bot der Mönch
an, Ushiwaka-maru als eingeschworener Gefolgsmann zu begleiten.
Von jenem Tage an sind die Namen der beiden Helden eng miteinander
verbunden. Es existieren zahllose Geschichten von ihren gemeinsamen
Abenteuern, die später u.a. in Theaterumsetzungen Verwendung fanden,
wie das Nou-Stück „Hashi Benkei“, in dem es um die
ersten Begegnung der Helden auf der Gojou-Brücke geht. Ein
Sprichwort, das auch aus dieser Geschichte entstand, ist „Benkei
no Nakidokoro“ (wörtlich, der „Platz an dem Benkei weinte“)
und steht für einen „persönlichen Schwachpunkt“ oder um ein
Synonym unseres Sprachraumes zu verwenden, für eine
„Achillesferse“. Minamoto no Yoshitsune Noch heute ist der Kurama-dera eng mit der Legende von Ushiwaka-maru
verknüpft. Es werden Feste zu seinen Ehren abgehalten und viele
Orte zwischen Kurama-dera und dem Oku no In, einem
weiteren Tempel in den Bergen, sind noch heute allseits bekannte
Sehenswürdigkeiten, wie „Ikitsugi-mizu“, die Quelle, an
der Ushiwaka-maru seinen Durst stillte, wenn er zwischen den
Tempeln unterwegs war oder „Kinone Michi“, ein Bergpfad,
auf dem er seine Sprungkraft trainierte. Bekannt ist auch der „Sekurabe
Ishi“, ein großer Stein, an dem Ushiwaka-maru seine Größe
maß, um festzustellen, wann es Zeit war, das Kloster zu verlassen.
Dieser Zeitpunkt war schließlich 1174 gekommen. Im Alter von 15
Jahren entfloh Ushiwaka-maru dem Tempel und der Aufsicht der Taira
und wanderte mit Hilfe eines Goldhändlers nordwärts. Auf dem Weg
machte Ushiwaka-maru Rast an einer Poststation, um sein Genpuku,
die Volljährigkeitszeremonie, abzuhalten. Da keiner seiner Angehörigen
anwesend war, mußte er das feierliche Ritual selbst vollziehen. Diese
Geschichte eignet sich natürlich hervorragend, um das einzelgängerische
Wesen des Helden hervorzuheben. Da ein Junge mit dem Tage seiner Volljährigkeit
das Haus seiner Mutter verläßt und als vollwertiges Mitglied in den
Kreis seines Clans eintritt, wird auch der Kindname hinfällig und das
neue Clanmitglied sucht sich einen eigenen Namen. Das neue Mitglied
des Hauses Minamoto nannte sich Yoshitsune und unter dem
Namen „Minamoto no Kurou Hougan Yoshitsune“ sollte er Berühmtheit
erlangen, wie keiner vor ihm („Kurou“ steht dabei für „neunter
Sohn“ und „Hougan“ ist der Titel eines Magistrats,
der ihm später verliehen wurde). Auch wurde erstmals sein Interesse am anderen Geschlecht offenbar, wenn
gleich die Motivation noch recht ungewöhnlich erscheinen mag. Yoshitsune
war voller Eifer, ein bestimmtes Buch zu lesen, eine chinesische
Abhandlung über die Kriegsführung, die sich jedoch im Besitz eines mächtigen
Taira befand. Dieser Taira hatte aber auch eine schöne
Tochter und der junge Held gedachte, diese zu verführen, um an sein
Ziel zu gelangen. Zunächst brachte er ihr am Abend Ständchen auf
seiner Flöte und nachdem er ihre Aufmerksamkeit und kurz darauf ihre
Zuneigung gewonnen hatte, besuchte er die schöne Maid sechzehn Nächte
lang, in denen er sich zuerst dem Mädchen und anschließend dem Buch
über die Kriegsführung widmete. Nach vielen weiteren Abenteuern und Gefahren, denen er zum Teil nur mit
knapper Not entrinnen konnte, erreichte Yoshitsune schließlich
Oushuu, eine abgelegenen Gegend im Norden der Hauptinsel, in
der sich seit mehreren Generationen der Clan der sogenannten „nördlichen“
Fujiwara quasi unabhängig vom Kaiserhof eingerichtet hatte.
Aufgrund ihres Wohlstandes und ihrer militärischen Stärke konnten
sie sich in dieser Position auch sicher fühlen. Die nördlichen Fujiwara
pflegten seit je her gute Beziehungen zu den Minamoto,
schließlich war es Unterstützung der Minamoto 100 Jahre zuvor
im späten Drei-Jahres-Krieg [1083-1087], der sie die Kontrolle über
die Oushuu-Region verdankten. So gewährte Fujiwara no
Hidehira, das Oberhaupt des Clans, dem jungen Minamoto seinen
Schutz. Yoshitsune verbrachte die folgenden 5 Jahre in Oushuu,
sicher vor der Verfolgung durch die Taira. Die Legende Yoshitsune Yoshitsune
ist, obwohl er als Person real existiert hat, ein vollständiges
Mysterium. Vieles von dem, was über diese bemerkenswerte historische
Person bekannt ist, beruht fast ausschließlich auf Erfindungen. Über
die Jahrhunderte ist daraus ein dichtes Geflecht von Geschichten und
Legenden entstanden, mit denen die spärlichen historischen Tatsachen
kunstvoll und imposant ausschmückt wurden. Aus dieser Mischung von
Fiktion und Wahrheit wurde der Inbegriff des japanischen Helden
geboren und Yoshitsune zu einer der berühmtesten und
beliebtesten Persönlichkeit der japanischen Geschichte. Selbst in der
Gegenwart, in der die Tugenden der Samurai nur kaum mehr ein
Schatten ihrer glorreichen Vergangenheit sind, lieben die Schulkinder
seine Geschichte und seine besondere Tragik rührte die Menschen zu
allen Zeiten. Moderne Historiker bemühen sich, das Chaos von Legenden
und Geschichten, auf denen nahezu die gesamte Literatur über Yoshitsune
beruht (wie auch dieser Text hier Anm.d.A.), zu entwirren und sich
auf das wenigen dokumentarische Material zu beschränken, das
verifizierbar ist. Doch über seinen ersten zwanzig Lebensjahre gibt
es keinerlei authentische Informationen, wenn gleich dieses
Faktenvakuum von einer Menge phantastischer Geschichten und Legenden
ausgefüllt wurde. Das einzig verifizierbare Datum seiner ersten
Lebenshälfte ist das Jahr seiner Geburt 1159. Weitere gesicherte
historische Tatsachen existieren dann nur noch über seine letzten
vier Lebensjahre, der Rest ist schlichtweg frei erfunden. Das soll
jedoch nicht weiter stören, haben doch gerade diese Legenden um das
Leben des Helden die Gefühlswelt der Japaner so entscheidend geprägt.
Von den zahlreichen Werken über Yoshitsune ist die Heike
Monogatari die berühmteste Quelle. Den umfangreichsten Bericht
liefert jedoch Gikeiki, die „Chronik von Yoshitsune“,
die etwa zweihundertfünfzig Jahre nach den Ereignissen entstand und
alle bedeutenden Geschichten, die sich bis dahin um den Helden
rankten, beeinhaltet. Bemerkenswert ist dabei auch, daß Gikeiki,
welches das ausführlichste Werk über das Leben von Yoshitsune sein
will, die militärischen Siege nur mit wenigen Sätzen behandelt und
sich überwiegend mit seinen letzten Jahren und der Tragödie seines
Endes befaßt. Das ist einfach damit zu erklären, daß zur Zeit der
Entstehung dieses Werkes die Yoshitsune-Legende bereits feste
Gestalt angenommen hat, deren Schwerpunkt letztlich auf dem tragischen
Untergang des Helden liegt. Sowohl die Heike, als auch das Gikeiki
lieferten in den folgenden Jahrhunderten Stoff für zahlreiche
Bearbeitungen, wie volkstümliche Erzählungen, Tänze, Puppenspiele, Nou-
und Kabuki-Stücke. In der heutigen Zeit kommen noch zahlreiche
Verfilmungen und Fernsehserien hinzu. Auch werden immer wieder gern
Referenzen auf die Yoshitsune-Legende verwendet, wie etwa in Urusei
Yatsura, die fast schon vor solchen Anspielungen überquillt
(Prinzessin Kurama, Karasu-Tengu, Ushiwaka-maru etc.). Yoshitsune
im Gempai-Krieg Script: Stephan Henker |