Das Wesen des Kriegers
Japanische Geschichte - Teil 8
“[Minamoto no Yoriyoshi] ging persönlich
durch das Feldlager und kümmerte sich um die Verwundeten. Die Krieger
waren tief berührt und sagten alle ’Wir werden unsere Pflicht auf
dem Schlachtfeld erfüllen. Unser Leben ist nichts, verglichen mit
unserer Loyalität [Ehre]. Wenn es für unseren General ist, dann
werden wir es keinen Augenblick bereuen, sofort zu sterben’“ (aus
“Mutsu Waki“)
Frieden
und Krieg
Tiefgreifenden Wandlungen prägten das Japan im ausgehenden ersten
Jahrtausends. Der Kontakt zu China war weitgehend abgebrochen, die
kaiserliche Armee verschwunden und selbst die politische Macht war dem
Tennou entglitten und lag nun in der Hand des Fujiwara-Clans. Währenddessen
war in den Provinzen, fern ab von Kyoto und dem Einfluß des Hofes die
Macht entstanden, die Japans weitere Zukunft tragen sollten: Buke, der
Schwertadel. Diese Elite des Provinzadels wuchs vor allem durch die
militärischen Dienste, die sie für die Bürokraten der Regierung im
Namen des Kaisers ausführte. Zuerst waren es die Emishi im Norden, die
den frühen Kriegern erste Erfahrungen im Kampf gaben, doch die wahre
Herausforderung sollte der Kampf gegen Ihresgleichen sein. Diese
“Rebellionen“ mögen unwichtig erscheinen, wenn man sie mit der
gesamten japanischen Historie vergleicht, sie sind jedoch von
entscheidender Bedeutung bei der Entwicklung des Wesens der
Samurai.
Wenn
sich im späteren Mittelalter die Krieger bei einer Schlacht einen
Gegner für ihren individuellen Zweikampf suchten, war das Nanori,
“Namen-Rufen“ vor dem Beginn der Schlacht ein wichtiges Ritual.
Nanori ist weit mehr als nur die Ansage des eigenen Namens. Die Krieger
gaben ihr Alter, ihren Rang und Position in der Schlacht an und zählten
ihre Vorfahren mit deren Heldentaten auf. Nanori hatte mehrere
Funktionen: Zum einen suchte man einen würdigen Gegner von
vergleichbarem Rang und Status, mit dem man sich im ehrenvollen
Zweikampf messen konnte; zum anderen gab man sich seinen eigenen Leuten
zu erkennen. Die Krieger der damaligen Zeit waren sonst in ihren
individuellen Rüstung kaum zu identifizieren. Eine weitere Aufgabe des
Nanori war, seinen eigenen Ruhm und den Ruhm seiner Familie zu fördern.
Wenn auch die japanischen Krieger als Individualisten kämpften, so
waren sie doch sehr darum bemüht, ihre Familien würdevoll zu repräsentieren.
Oft opferten Samurai ihr Leben auf dem Schlachtfeld, doch nicht nur für
ihren Herrn, sondern auch in der Gewißheit, ihrer Familien Ehre zu
bringen.
Quelle
der Ehre
Die
berühmten Vorfahren, auf die sich beim Nanori oft bezogen wurde, waren
Samurai, die für Führer wie Minamoto no Yoshiie [1041-1108] gekämpft
hatten und es sind ihre Taten, die noch Jahrhunderte später über die
Schlachtfelder hallten.
Yoshiie entstammt der Seiwa-Linie der Minamoto (auch Seiwa-Genji oder
Kawachi-Minamoto genannt; On/Kun-Lesung der Namens-Kanji), die mit
Minamoto no Tsunemoto, einem Enkel des Kaisers Seiwa begann, der den
Kaiserhof im 8. Jh. verließ und im Kantou zu Ansehen gelangte. Schon frühzeitig
übernahmen die Minamoto militärische Aufträge für die Regierung in
Kyoto, die damals vom Fujiwara-Clan beherrscht wurde und machten sich
einen Namen bei der Niederschlagung verschiedener Rebellionen im Osten
und Norden des Landes. Die Minamoto wurden darum auch als die “Zähne
und Klauen der Fujiwara“ bezeichnet, doch mit Minamoto no Yoshiie
entstanden die Legenden, auf die alle seine Nachfahren stolz zurückblickten.
Yoshiie betrat die Bühne der Geschichte während des Frühen-Neun-Jahres-Krieges
[1056-63], der von seinem Vater geführt wurde. Zur damaligen Zeit waren
die Provinzen Dewa und Mutsu auf der Nordspitze von Honshu der letzte Außenposten
des Kaiserreiches. Es gab dort neben dem offiziellen Gouverneur einen
zusätzlichen Beamten für die “Wohlfahrt“ der Emishi. Diese
Position lag in langer Tradition bei der Abe-Familie, doch um 1050 hatte
der damalige Inhaber, Abe no Yoritoki soviel eigenen Profit aus dem Amt
bezogen, daß es die Regierung in Kyoto für weise hielt, seine Aktivitäten
einschränken zu lassen. So wurde Minamoto no Yoriyoshi [995-1082] (der
Vater von Yoshiie) zum Gouverneur von Mutsu berufen. Yoriyoshi hatte
sich zwar bereits einen Namen im Kampf gegen Rebellen gemacht, doch es
war sein ältester Sohn Yoshiie, damals ein 10-jähriger Knabe, der auf
dieser Kampagne den Namen der Minamoto im ganzen Land geachtet und gefürchtet
machen sollte.
In
den ersten Jahren ab 1051 gab es zwar einzelne Zusammenstöße zwischen
den Minamoto und den Abe, doch der richtige Kampf begann erst 1056, fast
am Ende der Regentschaftszeit der Minamoto im Norden. Bereits 1057 wurde
der korrupte Abe Yoritoki bei einem kleineren Gefecht von einem
verirrten Pfeil tödlich getroffen, doch sein Sohn, Abe no Sadatou führte
den Disput weiter. Als sich die Abe am Ende des Jahres 1057 mit ca.
4’000 Mann in der Nähe von Kawasaki verschanzte, wurden sie von den
Minamoto, Vater und Sohn an der Spitze von etwa 1’800 Kriegern
angegriffen. Doch der Angriff schlug fehl und als sich die Minamoto zurückzogen,
um sich neu zu gruppieren, brach ein heftiger Schneesturm los. Im
Schutze dieses Sturms startete Abe no Sadatou seinen Gegenangriff und
die Minamoto mußten unter heftiger Rückendeckung den Rückzug
antreten; nur Yoriyoshi, Yoshiie und fünf andere Kommandanten überlebten.
Wegen seiner Tapferkeit bei dieser Aktion bekam der junge Yoshiie den
Beinamen “Hachiman-Tarou“, erstgeborener Sohn des Kriegsgottes
Hachiman.
Der Krieg im Norden beanspruchte die Ressourcen der Minamoto auf das Äußerste.
Sie kämpften auf unfreundlichem Gebiet; das Klima war hart und die
Nachschubbasen im Kantou weit entfernt. Der schlechte Stand der Minamoto
besserte sich, als sie in der Nachbarprovinz Dewa Unterstützung fanden.
Im siebenten Monat des Jahres 1062 griff der Kiyowara-Clan auf ihrer
Seite in den Kampf ein und Kiyowara no Takenori führte eine Armee nach
Mutsu, die laut Mutsu Waki einige 10’000 Mann stark war. Die Minamoto
selbst hatten zu der Zeit nur knapp 3’000 Krieger im Feld. Die
vereinte Armee von Minamoto und Kiyowara führte im achten und neunten
Monat des Jahres 1062 einige Schlachten gegen Abe no Sadatou und griff
schließlich die Palisadenfestung der Abe bei Kuriyagawa (heutiges
Morioka) an. Die Schacht dauerte zwei Tage und zwei Nächte und war eine
tödliche Angelegenheit. Am Ende entschied jedoch die Anzahl der
Truppen. Die Niederlage der Abe war besiegelt, als es den angreifenden
Truppen gelang, die hölzerne Palisade in Brand zu stecken. Der starke
Wind ließ die Flammen zu einer Feuersbrunst werden und als die Krieger
der Abe aus der Befestigung herausliefen, wurden sie niedergemetzelt.
Doch in der Burg waren auch
“viele
schöne Frauen (...), die bitterlich weinten. Als sie aus dem Tor
liefen, wurden sie an die Krieger verteilt und als die Burg fiel blieb
nur die Frau von Abe no Noritou zurück. Ihren dreijährigen Sohn in den
Armen haltend sagte sie zu ihrem Mann ’Wie soll ich weiterleben, da du
sterben wirst? Ich möchte vor dir gehen, vor deinen Augen.’ und
sprang in eine Schlucht, ihr Kind noch in den Armen. Man nannte sie eine
wahre Heldin.“
Es
gibt in den folgenden Jahrhunderten noch zahllose weitere Bericht von
Frauen, die freiwillig dem Schicksal ihre Männer folgten. Die Schlacht
von Kuriyagawa war für die Abe verloren und Sadatou kapitulierte.
Wenige Monate später traf Yoshiie in Kyoto ein; mit dem Kopf von Abe no
Sadatou.
Der Legende zufolge soll Yoshiie während der Schlacht von Kuriyagawa zu
seinem Patron Hachiman gebetet haben. Er versprach, einen Schrein zu
seinen Ehren zu errichten, wenn Hachiman ihnen in der Schlacht beistehe.
Und tatsächlich stoppte Yoshiie seine Reise nach Kyoto bei Tsurugaoka
(heute ein Teil von Kamakura) und gründete den Tsurugaoka Hachiman
Schrein, der zum Ruhm und zur Ehre des Minamoto-Clans wurde.
Trophäen
Der
Kopf eines besiegten Gegners war die Form von Trophäe, mit der während
der gesamten Geschichte der Samurai ein erfolgreicher Missionsabschluß
nachgewiesen wurde. Das Kopfnehmen war ein wichtiger Bestandteil der
japanischen Kampfweise und hat nichts mit Blutrünstigkeit zu tun. Der
Kopf des Gegners war nur das Symbol des eigenen Triumphes.
Die gesammelten Köpfe wurden nach der Schlacht ausgestellt und
inspiziert. Dieses “Kubi-jikken“ hatte die Aufgabe, die
verschiedenen Köpfe zu identifizieren und Belohnungen zu verteilen, die
sich nach dem Status des Kriegers richteten, dessen Kopf präsentiert
wurde. Eine peinliche Angelegenheit war es jedoch, wenn beim Kubi-jikken
Köpfe von Verbündeten vorgezeigte wurden. Die übliche Strafe dafür
war die Abtrennung eines Fingers von der rechten Hand.
An vielen Stellen in den Kriegsgeschichten wird beschrieben, wie Krieger
auch die Köpfe von gefallenen Familienangehörigen oder Verbündeten
nahmen, jedoch um zu verhindern, daß sie in Feindeshand fallen. In
Hougen Monogatari wird von Itou Go berichtet, der während der Schlacht
von seinem Pferd sprang, um den Kopf seines gefallenen Bruders zu
retten. In Heiji Monogatari ist zu lesen, daß ein Kommandant, nachdem
einer seiner Krieger von einem Pfeil im Hals getroffen wurde und sich
kaum noch im Sattel halten konnte, die Order gab, dessen Kopf zu nehmen
und in Sicherheit zu bringen. Saitou no Sanemori, der diesen Befehl
bekam, ritt zu dem Verletzten und erklärte, was der Kommandant
verlange. Mit der Zustimmung des Kriegers und wahrscheinlich auch mit
seiner Unterstützung wurde der Kopf genommen. Heiji Monogatari
kommentiert diese Passage mit den Worten:
“Es
gibt nichts traurigeres (Aware) oder bedauernswertes als den Weg
derjenigen, die den Bogen führen.“
Heiji
enthält auch die Geschichte von einem Kommandanten, der nach der
Niederlage fliehend, seinen eigenen Sohn tötet und dessen Kopf nimmt,
weil dieser schwer verwundet die Flucht nicht fortsetzen konnte.
Minamoto no Yoshitomo [1123-1160], Urenkel von Yoshiie, erklärte seinen
Söhnen, daß die Gefangennahme eines Kriegers, seine Enthauptung und
die Inspektion seines Kopfes den Namen und die Ehre eines Kriegers
beflecken.
Neue
Schlachten
Minamoto
no Yoriyoshi starb 1082, doch schon ein Jahr später führte ein Sohn
Yoshiie erneut eine Kampagne nach Norden, die als der Späte-Drei-Jahres-Krieg
[1083-1087] bekannt wurde.
Der Konflikt entstand innerhalb der Kiyowara-Familie, von denen die
Minamoto noch während des Frühen-Neun-Jahres-Krieges Unterstützung
erhalten hatten. Die Kiyowara waren für ihre Dienste mit dem Amt
belohnt worden, das ehemals der Abe-Clan bekleidete und hatten ihren
Hauptsitz von Dewa nach Mutsu verlegt. Mit dem Amt in Mutsu waren sechs
Distrikte Land verbunden, über dessen Vorherrschaft nun die beiden
Kiyowara-Halbbrüder Kiyohira und Iehira stritten. Minamoto no Yoshiie,
der Gouverneur von Mutsu und verantwortlich für Recht und Ordnung,
versuchte in dem Konflikt zu vermitteln. Doch 1086 verübte Iehira einen
Mordanschlag auf Kiyohira. Yoshiie stellte sich daraufhin auf
Kiyohira’s Seite und griff mit einer Armee von einigen tausend
Kriegern die Festung von Iehira bei Numa in Dewa an. Was als einfacher
Angriff begann, wurde zu einer grimmigen Belagerung, die mehrere Monate
dauerte und als der Winter mit viel Schnee und klirrender Kälte
einbrach, verlor Yoshiie viele seiner Leute. Iehira gab indessen seine
Stellung in Numa auf und zog sich auf eine wesentlich stärkere Position
zurück, in die Festung von Kanezawa, ebenfalls in Dewa gelegen. Der
weitere Kriegverlauf bestand nun aus der langgezogenen Belagerung der
Festung von Kanezawa, bei der Yoshiie sein militärisches Geschick
zeigen konnte, das er auf den Knien seines Vaters erworben hatte. Eine
der berühmtesten Anekdoten berichtet von einem Vorfall, der sich
ereignete, als Yoshiie seine Truppen nach Kanezawa führte. In der Nähe
der Befestigung beobachtete Yoshiie eine Schar Wildgänse, die
aufgeschreckt von einer nahegelegenen Wiese aufstiegen. Er schloß
daraus, völlig korrekt, daß sich feindliche Krieger im Gras verbargen
und einen Angriff vorbereiteten. Er ließ das Gelände umstellen und
nahm über 30 Mann gefangen, die er hinrichten ließ. Die Bedeutung
dieser Anekdote liegt darin, daß die Regel “aufgeschreckte Vögel
weisen auf einen Angriff hin“ aus einem antiken chinesischen Lehrbuch
für Kriegstaktiken stammt. Dies beweist, daß die aufstrebende militärische
Klasse ihren Beruf ernst genug nahm, um entsprechende Literatur zu
studieren. Diese Militärlehrbücher, die keine berühmte chinesische
Prosa enthielten, waren nur wenige Generationen vorher als vulgär verpönt
gewesen.
Grenzenlose
Ehre
Der
Angriff von Kanezawa erfolgte im Herbst 1087, aber Yoshiie hatte den
selben Erfolg wie in Numa. Während der Belagerung kristallisierten sich
aber immer mehr die Tugenden der Samurai heraus. Angriff für Angriff
wurde geführt und zurückgeschlagen und Yoshiie ermahnte seine Männer
zur Tapferkeit. In seinem Lager ließ er Sitze für die Tapferen (Gouza)
und für die Feiglinge (Okuza) aufstellen und am Ende eines jeden Tages
wurde jedem Krieger der Platz zugewiesen, den er sich am Tage verdient
hatte. Jeder versuchte sein Bestes zu leisten und mit der Zeit
entwickelte sich wie von selbst eine gewisse Gleichgültigkeit zum
eigenen Lebens, eine Eigenschaft, die bald zu den grundlegenden
Charakterzügen des japanischen Kriegers zählen sollte. Ein 16-jährigen
Samurai namens Kamakura Gongorou Kagemasa wurde während eines Angriffes
von einem Pfeil im rechte Auge getroffen, doch er brach den Schaft des
Pfeiles ab und tötete mit einem Tou-no-Ya (Antwortpfeil) den Schützen,
der ihn verletzt hatte. Während einer Kampfpause versuchte ein anderer
Bushi, Miura no Tametsugu die Pfeilspitze aus dem Auge zu entfernen,
doch diese steckte so fest, daß er seinen Fuß auf Gongorou’s Gesicht
stellte, um mit aller Macht daran ziehen zu können. Zu seiner Überraschung
sprang Gongorou auf, griff ihn mit seinem Schwert an und rief:
“Es
ist der Wunsch eines Kriegers im Angesicht von Pfeil und Bogen zu
sterben. Aber solange er lebt, wird er es niemandem gestatten, den Fuß
in sein Gesicht zu stellen.“
Alle
die diese Worte hörten, waren tief beeindruckt von diesem ausgeprägten
Ehrgefühl. Noch Jahrhunderte später wurde auf diese Begebenheit Bezug
genommen. Als Kajiwara Kagetoki, selbst ein ausgezeichneter Krieger, in
die Schlacht von Ichi-no-Tani eintrat, rief er folgende Worte, die im
Heike Monogatari festgehalten wurden:
“Ich
bin Kajiwara Heizou Kagetoki, Nachfahre in der fünften Generation von
Kamakura Gongorou Kagemasa, dem berühmten Krieger aus dem Osten. Im
Alter von 16 ritt er mit Hachiman-Tarou Yoshiie bei der Belagerung von
Senbuku Kanezawa in Dewa und wurde von einem Pfeil im Auge getroffen.
Doch er zog den Pfeil heraus, erschoß damit denn Man, der ihn getroffen
hatte und erwarb dabei Ehre und einen Namen für die Zukunft.“
Doch
die Belagerung von Kanezawa zog sich weiter hin. Wieder stand Yoshiie
vor der Aussicht auf einen harten Winter; die Vorräte schwanden und die
Krieger wurden müde. Doch das Blatt wendete sich, als sein jüngerer
Bruder Yoshimitsu mit Verstärkung eintraf. Mit der vereinten Armee der
Minamoto konfrontiert; die eigenen Vorräte erschöpft, gaben die
Verteidiger von Kanezawa im elften Monat des Jahres 1087 auf und
beendeten so den Späten-Drei-Jahres-Krieg. Viele Köpfe rollten und
Yoshiie begab sich voller Stolz mit seiner Beute nach Kyoto. Doch die
politischen Umstände hatten sich verändert. Im Frühen-Neun-Jahres-Krieg
hatte der Hof die Abe als Rebellen angesehen und die Minamoto im Kampf
sogar mit Männern und Versorgungsgütern unterstützt, wenn auch nicht
immer wie versprochen. Jetzt jedoch behauptete der Hof, die Kiyowara hätten
sich keines öffentlichen Vergehens schuldig gemacht und die Militäraktion
der Minamoto wären ein Eingriff in die privaten Angelegenheiten des
Kiyowara-Clans gewesen. Man bezeichnete den Konflikt sogar als
“Yoshiie Kassen“, Yoshiie’s (privaten) Krieg. Der Geschichte
Oushuu Gosannen Ki zufolge hörte Yoshiie diese Neuigkeiten auf seinem
Weg zurück in die Hauptstadt, wo er eigentlich Belohnungen und Ehren
erwartet hatte. Die Haltung der Regierung empörte ihn so sehr, daß er
die genommenen Köpfe der Kiyowara-Rebellen wütend in einen Kanal warf.
Der Späte-Drei-Jahres-Krieg wurde somit eine sehr kostspiele
Angelegenheit für Yoshiie, denn er mußte seine Leute nun aus den
eigenen Mitteln bezahlen. Die Bezahlung war sehr wichtig, denn in diesen
frühen Zeiten waren Fragen der Loyalität noch stark davon abhängig.
Der wahre Sieger des Konfliktes war hingegen Kiyowara Kiyohira, der
Mann, der von Yoshiie unterstützt worden war. Er bekam nicht nur die
sechs Distrikte von Mutsu, sonders schaffte es, die Herrschaft über das
gesamte Gebiet von Dewa und Mutsu zu erlangen. Über ein Jahrhundert
lang waren die Kiyowara unangefochtene Herren der nördlichen
Territorien. Bekannt als Oushuu-Fujiwara (die Kiyowara stammen von den
Fujiwara ab) haben sie der Nachwelt in Hiraizumi, ihrem Familiensitz
unschätzbare kulturelle Schätze hinterlassen.
Aus historischer Sicht war der Späte-Drei-Jahres-Krieg jedoch ein
wichtiger Faktor in der Entwicklung der Verbindung unter den Kriegern,
zumindest für das Band innerhalb der Kawachi-Minamoto. Wenn er auch
Unterstützung von seinem Bruder Yoshimitsu bekam, konnte Minamoto no
Yoshiie einen militärischen Sieg in einer abgelegenen Provinz unter
harten klimatischen und logistischen Bedingungen erringen. Er hätte
dies ohne ausgezeichnete Organisation und ohne gute Führungsqualitäten
nicht schaffen können.
Rivalen
Es
gab noch andere Vorfälle wie den Späten-Drei-Jahres-Krieg, in denen
sich sein anderer mächtiger Samurai-Clan hervortat, die Taira. Der
erste Taira war Taira no Takami, Enkel von Kaiser Kammu, der wie der
Begründer der Minamoto den Kaiserhof im 8. Jh verließ und sich im
Kantou ansiedelte. Der Taira-Clan gelangte schnell durch eine geschickte
Politik von Kishin, Heirat und Allianzen zu Wohlstand und Ansehen. Wie
die Minamoto übernahmen auch die Taira Militäraufträge der Regierung,
jedoch konzentrierten sie sich auf den Süden und Westen von Japan, während
die Minamoto mehr im Norden und Osten operierten. Die Taira wurden
bekannt durch ihren Kampf mit den Piraten an den Küsten von Kyushu und
entlang der Inlandsee. Als die Minamoto ihren Clan mit dem Hachiman
Tsurugaoka Schrein identifizierten, wählten sich die Taira den Schrein
von Itsukushima auf Miyajima, einer kleinen Insel in der Inlandsee, etwa
30km von Hiroshima entfernt.
Der
Späte-Drei-Jahres-Krieg fiel auch in eine Zeit der politischen
Umstrukturierung am Kaiserhof. 1086 dankte Kaiser Shirakawa ab und mit
ihm begann eine Periode, in der die älteren abgedankten Kaiser, die
sogenannten “In“, eine zweite Regierungskammer mit weiten
Befugnissen neben der eigentlichen Regierung bildeten. Die Einmischung
der Ex-Kaiser in die Hofpolitik war mit einem stetigen Niedergang der
Fujiwara-Regierung verbunden und die In fanden ihre Unterstützung bei
Fujiwara-feindlichen Familien am Hofe und auch bei der Kriegerelite der
Provinzen, einschließlich den Taira und den Minamoto. Doch der Hof
hatte kaum noch Macht über den Schwertadel, einzig die militärischen
Aufträge hatten eine gewisse Kontrollfunktion. Wenn die Clans für den
Kaiserhof kämpften, so winkten Belohnungen, jedoch war der Späte-Drei-Jahres-Krieg
nach Meinung des Hofes eine private Angelegenheit der Minamoto und der
Kiyowara. Hätte die Regierung den Sieger des Konfliktes belohnt, konnte
dies vielleicht einen sehr gefährliches Präzedenzfall darstellen. Aber
der Hof war stets darum bemüht, die mächtigen Clanfamilien auf ihrer
Seite zu wissen. Und so verbrachte auch Minamoto no Yoshiie seine spätere
Lebenshälfte in Kyoto, wo er ein akzeptiertes Mitglied der
Hofaristokratie wurde. Man schätzte ihn zwar als “Tenka daiichi buyuu
no shi“, den tapfersten Krieger des Landes, doch Yoshiie war sehr
unzufrieden mit diesem Leben, stellte es doch einen krassen Gegensatz zu
seiner früheren Größe auf dem Schlachtfeld dar. Am Hof, wo eine
buddhistische Sicht der Dinge herrschte, hegte man zudem eine
prinzipielle Antipathie gegen Krieger, da diese physische Gewalt
anwendeten und besonders das Töten wurde kritisiert. Dies aber
beunruhigte zuweilen sogar die Krieger selbst. Es gibt viele Bushi, die
nach ihrer Karriere auf dem Schlachtfeld buddhistische Gelübte
ablegten, um für ihre Jahre des Tötens zu büssen.
Die
letzten Jahre von Minamoto no Yoshiie wurden jedoch noch von einer persönlichen
Tragödie überschattet. Sein Sohn und Erbe Minamoto no Yoshichika,
Gouverneur der Insel Tsushima im Westen Japans wurde angeklagt, im
Norden von Kyushu Raubzüge begangen zu haben, bei denen er Leute getötet
und Steuern gestohlen haben soll. 1107, ein Jahr vor Yoshiie’s Tod,
wurde er von Taira no Masanori, dem Oberhaupt der Ise-Taira gestellt und
getötet. Der Auftrag dafür stammte von Ex-Kaiser Shirakawa selbst.
Taira no Masanori wurde reich belohnt und zum Gouverneur der sehr
wohlhabenden Tajima-Provinz ernannt. Ein Höfling vermerkte: “Es ist
natürlich, daß Belohnungen vergeben werden, doch die plötzliche
Ernennung einer Person von so niedrigen Status wie Masanori zum
Gouverneur einer erstklassigen Provinz kann nur dem direkten Einfluß
des In (Ex-Kaiser Shirakawa) zugeschrieben werden.“
Ob Masanori seine Belohnung nun verdiente, oder nicht, sein Einzug in
Kyoto war triumphal. Trotzdem gab es Zweifel an der Yoshichika-Affäre.
Man verstand nicht, wie ein anonymer, nichtssagender Krieger ohne militärische
Erfahrung (Masanori) einen hochdekorierten und erfahrenen Clan-Führer,
dessen Familie unvergleichbaren Ruhm genoß (Yoshichika), binnen weniger
Wochen fangen und töten konnte. Es waren Gerüchte von Intrigen im
Umlauf und daß Yoshichika noch lebe. Auch Jahre später gab es immer
wieder Berichte, nach denen er gesehen worden war. Wie auch immer die
Wahrheit über Minamoto no Yoshichika aussah, Taira no Masanori stieg
rasend schnell in der Hierarchie auf. Es war eindeutig, daß Ex-Kaiser
Shirakawa ihn und die Ise-Taira zu seinen Samurai gewählt hatte, zu
seinen “Zähnen und Klauen“ anstelle der Minamoto.
Es
gab somit fünf mächtige Parteien im Japan des 12. Jh.: der Ex-Kaiser
und die Fujiwara, die den Kaiserhof kontrollierten, die Minamoto und die
Taira, die mächtigsten militärischen Kräfte im Land und die Souhei,
die Kriegsmönche, die sich besonders in Kyoto und Nara konzentrierten.
Die Frage der Zukunft war nicht, wie man sich arrangieren würde,
sondern, wer den bevorstehenden Kampf überlebt.
Script:
Stephan Henker
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